12.12.2019

1989 auf dem Kerbschen Berg

Noviziat im Revolutionsjahr

Im Jahr 1989 begannen zwei junge Männer bei den Franziskanern auf dem Kerbschen Berg bei Dingelstädt ihr Noviziat. Der Ort lag damals ein wenig abseits, doch die Ereignisse der Friedlichen Revolution in der DDR drangen auch bis hierher und gaben dem Noviziat eine besondere Prägung.

Der Kerbsche Berg bei Dingelstädt: Vor 30 Jahren war hier ein Franziskanerkloster. Heute beherbergt das Areal ein katholisches Familienzentrum.    Foto: Imago images/Karina Hessland

 

Im Herbst 1989 rumorte es im ganzen Land. Die Menschen wurden immer unruhiger und unzufriedener. Die Kunde drang auch in das Franziskanerkloster auf dem Kerbschen Berg bei Dingelstädt im Eichsfeld. Eine junge Krankenschwester aus Leipzig, die zu Besuch im Kloster war, erzählte, dass sie geschult wurden, auch Schussverletzungen zu versorgen. Aus der Franziskanischen Gemeinschaft verschwanden Menschen, die sich im „Neuen Forum“ engagierten. Niemand wusste wohin. „Wir müssen was tun!“, war die einhellige Meinung. „Wir müssen das öffentlich machen!“ Am Fest des heiligen Franziskus, dem 4. Oktober, beschlossen wir, mit den Montagsgottesdiensten zu beginnen. Plakate wurden vervielfältigt – Kopierer gab es nicht – und ins gesamte Eichsfeld verschickt. Es war eine heikle Sache. Wir bekamen Besuch vom „Sekretariat für Kirchenfragen“. „Was soll das heute Abend hier werden?“ Pater Rudolph erklärte dem Herrn, dass wir die heilige Messe feiern werden wie seit zehn Jahren. „Was passiert, wenn die öffentliche Ordnung gestört wird?“ Ob er uns drohen wolle, war die Rückfrage. „Es ist nur ein Zeichen des guten Willens. Es könnte auch jemand von den Sicherheitskräften hier sitzen.“
 

„Großer Gott“ und „Wir sind das Volk!“
Egal, am 9. Oktober zum ersten „Sühne- und Bußgottesdienst“ auf dem Kerbschen Berg war die Klosterkirche so voll wie sonntags. Beim zweiten Montag gab es keinen Stehplatz mehr. In der dritten Woche übertrugen wir den Gottesdienst auf den Vorplatz. Alles war auf den Beinen. Die Menschen bekamen eine Kerze in die Hand. Pater Rudolph ermunterte die Gläubigen, das Licht in die Stadt und in ihre Häuser zu tragen. Das taten sie auch auf dem Weg in die Stadt. Es wurde keine Demonstration, sondern eine Prozession, da waren die Eichsfelder geübter. Sie zogen los mit „Großer Gott wir loben dich“. Bald kamen die bekannten Rufe: „Wir sind das Volk!“ und „Reisefreiheit für alle!“ Angekommen vor der Stadtkirche gab es die wöchentliche Kundgebung. Augenzeugen berichteten, dass hinter dem Kloster sogar ein Wasserwerfer bereitstand.
Unsere Aufgabe als Novizen war, dienstags die Kirche von Wachsflecken zu befreien. Wir taten es gern. Hier ist ja doch was los. Im Klostergarten erfuhr ich dann: Erich Honecker ist zurückgetreten. Jetzt macht es Egon Krenz. Oh je, meine Mutter hatte immer gesagt: „Wenn Egon übernimmt, dann Gnade uns Gott!“ Sie starb zwei Wochen vor meiner Einkleidung. Die Zeitung zu lesen war Zeitverschwendung. Was drin stand, war schon überholt. Bei einer vom Bürgermeister einberufenen Gemeindeversammlung – sie wollten hören, wo der Schuh drückt – kam es zu Tumulten. „Wir haben das Eichsfeld erst zu einem blühenden Garten gemacht“, rief der Parteisekretär in die Menge. „Du Eierkopp, der einzige blühende Garten, den es hier gibt, ist der Kerbsche Berg, wo die Franziskaner sind!“ Na ja.
 

Mauerfall: „Und wir sitzen in diesem Nest“
Fast wurde es einem schwindelig, so rasant entwickelte sich alles. Am Abend des 9. November dann bei den Nachrichten, hörten wir von der Maueröffnung und sahen die Bilder aus Berlin. Wahnsinn. Bruder Winfried, mein Mitnovize: „So ’ne Scheiße! In Berlin ist die Hölle los und wir sitzen hier in so einem Nest!“ Gerne wären wir mitten drin gewesen. Zwei Tage später, unser Novizenmeister konnte uns nicht mehr halten, durften wir uns mit dem Fahrrad auf den Weg machen zur Grenze, nur 30 Kilometer entfernt. Ein Schild sollte uns stoppen „Sperrgebiet – Weiterfahren verboten“. Ich rief Winfried zu: „Tritt in die Pedalen, es geht bergab!“ In Teistungen stiegen wir in den Bus – Grenzübergang nur für Autos. Duderstadt, wir besuchten den Propst, der uns zum Mittag einlud und eine Kirchenführung gab. Wir gingen zu den Ursulinen, wir holten uns das Begrüßungsgeld ab - 100 D-Mark. Die gaben wir aber nicht aus, sondern lieferten sie brav im Kloster ab.
Zu Weihnachten kündigten sich viele Besucher aus dem Westen an. Die täglichen 25 D-Mark „Eintrittsgeld“ musste nun niemand mehr bezahlen. So organisierten wir einen großen Empfang nach der Christmette für alle. Das stundenlange Geschirrspühlen war wieder Aufgabe der jungen Brüder. Gerne doch.

Am Sonntag vor Pfingsten versammeln sich die Frauen aus dem Bistum Erfurt auf dem Kerbschen Berg zu ihrer Frauenwallfahrt. Das Foto zeigt die erste derartige Wallfahrt 1961 mit rund 12 000 Teilnehmerinnen.

 

In der Pappelallee in Berlin fand um den 6. Januar traditionell ein Franziskanertreffen statt. Auch wir Novizen durften mit. „Berlin, Berlin – wir fahren nach Berlin!“ Natürlich wollten wir die Gelegenheit nutzen, nach Westberlin zu gehen. Am Brandenburger Tor standen wir in der langen Schlange. Als wir dran waren, fehlte uns der Stempel im Personalausweis. „Ohne den komm ’se hier nicht durch!“ Der war auf die Schnelle nirgendwo zu bekommen. Darauf riss Winfried aus Wut sein Dokument auseinander, warf es auf die Straße und sagte: Sch.. DDR!“ Der Traum von Westberlin für zwei Ostberliner geplatzt.
Wir bekamen eine Einladung zur Novizenwerkwoche nach Hofheim/ Taunus. Was freute ich mich, andere junge Ordensbrüder kennenzulernen. Als es soweit war, musste Winfried zuhause bleiben, er hatte kein gültiges Reisedokument. Ich traf junge Franziskaner, Kapuziner, Minoriten, Karmeliten und Dominikaner. Eine ganz neue Welt, bunt und vielfältig, eine großartige Erfahrung. Kirche wurde größer. Im Laufe des Jahres gab es dann noch viele Ausflüge. Wir besuchten die Kapuziner in Bebra und die ökumenische Gemeinschaft in Imshausen, eine zweite Novizenwerkwoche in Schwarzenberg bei den Minoriten, wo ich viele Bekannte wieder traf.
 

Das Kloster gibt es heute nicht mehr
Wenn das Noviziat das Fundament für ein ganzes Ordensleben ist, dann hat sich mir auf dem Kerbschen Berg 1989/90 eine ganz neue, spannende Welt geöffnet. „Willst du die Welt sehen, musst du in ein Kloster gehen!“ Das Ganze ist jetzt 30 Jahre her. Den Berg bei Dingelstädt als Franziskanerkloster gibt es schon lange nicht mehr, heute beherbergt er eine Familienbildungsstätte. Jetzt bin ich in unserem Kloster in Halle/Saale. Was hat sich in dieser Zeit alles getan in Gesellschaft, Kirche und auch im Orden der Franziskaner? Wie sieht es in 30 Jahren aus? Das wagt keiner vorherzusehen.

Von Bruder Gabriel Zörnig