16.09.2021

Kirchweihjubiläum in Bärenstein gefeiert

Markenzeichen Ökumene

Die Katholiken in Bärenstein feierten den 100. Weihetag ihrer Kirche. Der Festtag zeigte das gute und selbstverständliche ökumenische Miteinander der Christen in der Stadt.

Nach dem Festgottesdienst zog die Gemeinde in einer Prozession von der evangelischen Erlöserkirche zur katholischen Bonifatiuskirche.    Foto: Matthias Holluba

 

Sucht man nach dem, was die Katholiken im erzgebirgischen Bärenstein auszeichnet, wird man schnell fündig. Es war kein Zufall, dass die Gemeinde den Festgottesdienst zum 100. Weihetag ihrer St.-Bonifatius-Kirche in der größeren evangelischen Erlöserkirche gefeiert hat, so dass mehr Menschen wegen der Corona-Einschränkungen mitfeiern konnten. Die Christen beider Konfessionen verbindet seit vielen Jahren ein gutes Miteinander. Bischof Heinrich Timmerevers empfand es als „ermutigendes Zeichen“, dass die Katholiken bei ihrem Fest dennoch nicht auf Weihrauch und eine Reliquie verzichten mussten.
Der evangelische Pfarrer von Bärenstein, Kenny Mehnert, ging in seinem Grußwort auf diese Miteinander ein. Er habe sich Worte wie „undenkbar, unglaublich, unmöglich“ mit Blick auf die Ökumene abgewöhnt. Zwar hätte man sich einen solchen Gottesdienst vor 100 Jahren nicht träumen lassen. „Heute aber ist die Ökumene bei uns in Bärenstein selbstverständlich.“ Dazu gehören gemeinsame Bibelwochen und ökumenische Gottesdienste. Seit vielen Jahren gibt es gemeinsame Auftritte der Kirchenchöre, die Teilnahme des evangelischen Bläserchores an der Fronleichnamsprozession – beides lange unter Leitung der evangelische Kantorin Carola Kowal. Beim Jubiläumsgottesdienst hat der evangelische Kantor Frank Thiemer Chor und Bläser geleitet.
Ein Jubiläum sei nicht nur Grund für einen dankbaren Rückblick, sagte Bischof Timmerevers in der Predigt. An einem solchen Tag stelle sich auch die Frage: „Welche Botschaft hat diese Kirche für uns und unseren Weg in die Zukunft?“ Der Bischof ging auf gegenwärtige Krisenerscheinungen in der Kirche ein. Die Devise heiße aber: „Nicht austreten, sondern antreten, um Kirche zu bauen.“ Denn: Kirche habe eine Relevanz fürs Leben.
In die festlichen Jubiläums- töne mischten sich aber auch nachdenkliche Momente. Der Kirchbau war vor 100 Jahren nötig, weil in der Folge des Ersten Weltkrieges aus wirtschaftlicher Not viele Katholiken aus Böhmen nach Sachsen kamen. Die Gemeinde zählte damals 2000 Mitglieder. Ein weiteren Aufschwung gab es durch die vertriebenen Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg und die Wismutkumpel. Bis 2003 war Bärenstein eine eigenständige Pfarrei. Zwei Pfarrer, Klaus Orland und Steffen Börner, sowie die ehemalige Gemeindereferentin Maria Nowak feierten jetzt das Jubiläum mit.
Die Zahl der Gemeindemitglieder ist inzwischen  zurückgegangen. Gemeindemitglied Wilfried Oettel schreibt im Bärensteiner Infoblatt: „Wir Alten hoffen, dass der liebe Gott den jüngeren Katholiken ans Herz legt, dass es wichtig im Leben ist, an etwas fest zu glauben.“ Heute gehört Bärenstein zur Pfarrei „Maria, Mutter der Kirche“ mit Sitz in Annaberg-Buchholz. Pfarrer Andreas Schumann ist froh, dass er in Bärenstein Gemeindemitglieder hat, die ihm viel Arbeit abnehmen. Stellvertretend wurde Küsterin Christl Löffler für langjährige Verdienste gewürdigt.
Für die Feierstunde nach dem Gottesdienst hatten sich die Bärensteiner Katholiken einen Mutmacher eingeladen. Der evangelische Pfarrer Frank Bohne waren viele Jahre in Bärenstein Seelsorger und ist jetzt im Südraum von Leipzig tätig. Er erinnerte daran, dass Kirche nicht nur etwas für die Freizeit am Sonntag ist, sondern dass Glaube Gesellschaft mitgestaltet. Wenn heute die Zahl der Christen zurückgehe, sei ein „Umdenken im Kopf“ nötig, um neue Wege zu finden, Menschen mit der christlichen Botschaft anzusprechen. „Die Zeit des Probierens hat begonnen.“
In diesem Sinne dankte Bärensteins Bürgermeister Silvio Wagner für das Engagement der Christen: Zwar sei die Kirche nicht mehr selbstverständlicher Lebensmittelpunkt, aber sie habe trotzdem eine wichtige Aufgabe für die Gesellschaft, indem sie Sinn-Angebote macht.

Von Matthias Holluba