18.08.2020

Kirchliches Rettungsschiff "Sea-Watch 4" gestartet

Ärger und Kritik sind einkalkuliert

Das erste kirchliche Rettungschiff "Sea-Watch 4 ist zu seiner Mission ins Mittelmeer aufgebrochen. Ziel der 30-köpfigen Crew ist es, Menschenleben zu retten. Doch die Debatte um die private Seenotrettung hält an. 

Das Rettungsschiff "Sea-Watch 4"
Ziel der "Sea-Watch 4" ist die Suchzone vor der libyschen Küste. 

"Anker hoch" und "Leinen los" - mit mehrmonatiger Verspätung ist am Samstagabend das erste kirchliche Rettungsschiff in See gestochen. Von Spanien aus hat die marineblaue "Sea-Watch 4" Fahrt aufgenommen und soll Mitte der Woche ihr Zielgebiet erreichen: die Suchzone vor der libyschen Küste. Dort will die 30-köpfige Crew Bootsflüchtlinge vor dem Ertrinken retten, nach eigenen Angaben als einzige noch verbliebene private Seenotretter im Mittelmeer. Denn die anderen Schiffe sind zumeist in Italien oder Malta festgesetzt, teils wegen angeblicher Mängel. So zieht das millionenschwere Leuchtturmprojekt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) jede Menge Aufmerksamkeit auf sich. Ärger mit den Behörden ist ohnehin einkalkuliert.

Der Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm ist selbst zwar nicht mit an Bord. Aber irgendwie steht er virtuell auf der Kommandobrücke, kündigte im Vorfeld an: "Sollte die Mission behindert werden, werden wir uns für die Crew und die geretteten Menschen einsetzten." Denn, so die Begründung: "Jedes einzelne Leben, das gerettet wird, ist diese Anstrengung wert." 

Das unter Urlaubern so beliebte Mittelmeer gilt als eine der gefährlichsten Fluchtrouten weltweit. Allein in diesem Jahr registrierte die Internationale Organisation für Migration in Genf bislang 443 ertrunkene Migranten. Eine dauerhafte politische Lösung zeichnet sich immer noch nicht ab. So entsteht meist ein unwürdiges Geschachere, welcher Staat wieviele der Geretteten aufnimmt. Ob die neue EU-Marineoperation Irini für Besserung sorgt, lässt sich noch nicht absehen. Ihr Hauptziel ist es, das Waffenembargo gegen Libyen durchzusetzen und Schleuserkriminalität zu bekämpfen.

Kritiker privater Seenotrettung äußern regelmäßig die Sorge, kreuzende Rettungsboote übten eine Sogwirkung auf Flüchtlinge aus. Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz etwa wirft ihnen vor, gewollt oder ungewollt mit Schlepperbanden Hand in Hand zu arbeiten. Doch in den Booten sitzen Menschen, die vor Krieg, Verfolgung oder Armut fliehen. Viele Hilfsorganisationen und die Kirchen schauen deshalb über das Mittelmeer hinaus: Seit Jahren pochen sie auf fairen Handel mit Afrika, leisten selbst eine Menge von Brunnenbau bis Bildung - und werden dafür oft als "Gutmenschen" abgekanzelt.

Die katholische Kirche will selbst kein Schiff anheuern 

Ganz anders die kriminellen Schlepper. Sie schippern Flüchtlinge bisweilen aufs offene Meer, wo sie vom seetauglichen Schnellboot in wankende Schlauchboote umsteigen und auf Retter warten müssen. "Diese Art von Menschenhandel ist heute einträglicher als Drogenhandel." So prangerte der Philosoph Richard Schröder das Schlepperwesen in der "Welt" an. Von privaten Rettungsbooten hält der frühere SPD-Abgeordnete wenig: "Wenn sich ihnen kein Hafen öffnet, klagt die Besatzung ganz schnell über unzumutbare hygienische Verhältnisse" - obwohl im Voraus klar gewesen sei, wann diese unweigerlich eintreten würden. "Das riecht nach Erpressung mittels eines vorhergesehen Notstands."

Wie Schröder gehört auch Bedford-Strohm der SPD an, lässt aber die Mitgliedschaft seit Übernahme des Bischofsamts ruhen - und betont: "Natürlich soll keine Parteipolitik in die Kirchen einziehen. Aber es geht darum, auf Grundlage unseres Glaubens zu handeln." 

Die "Sea-Watch 4" hat nach offiziellen Angaben rund 1,3 Millionen Euro gekostet, plus mindestens eine halbe Million für den Umbau des früheren Forschungsschiffs. Das Ergebnis: ein Rückzugsraum mit Betten und Duschen für Frauen und Kinder, ein Mini-Hospital und vor dem Achterdeck eine kleine Küche: "Hier kochen wir mit und für unsere Gäste", erklärt der Zweite Offizier Philipp in einem Video.

Im Hintergrund arbeitet ein Bündnis von 550 kirchlichen und nicht-kirchlichen Partnern. Ärzte ohne Grenzen kümmert sich um die medizinische Versorgung, die Organisation Sea-Watch betreibt das Schiff. Nur bildlich segelt es sozusagen unter EKD-Flagge.

Die katholische Kirche reagiert zwischen Wohlwollen und Zurückhaltung. Sie will ihre Flüchtlingsarbeit fortführen und nicht selbst ein Schiff anheuern. Allerdings hat Kardinal Reinhard Marx für das Projekt einen "namhaften Betrag" zur Verfügung gestellt. Und auch Papst Franziskus liegt die Seenotrettung am Herzen, wie er Europas Staaten immer wieder ins Gewissen redet.

Sobald die "Sea-Watch 4" die ersten Migranten an Bord holt, wird die Diskussion wieder Wellen schlagen: Seenotrettung als Rettungsanker in Todesgefahr, als Anreiz zur Flucht oder als Handlanger krimineller Banden. Kardinal Marx zog kürzlich den Schluss: "Solange die Politik keine menschenwürdige Lösung für dieses Problem findet, nicht für den Krieg in Syrien, für die Lager auf Lesbos, solange müssen wir handeln. Da mache ich keinen Rückzieher."

kna