19.10.2017

Dresdner Sonderausstellung zu Jacob Böhme

Zwischen Licht und Finsternis

„Alles in allem“ lautet das Motto einer Sonderausstellung in der Kapelle des Dresdner Residenzschlosses, die dem Mystiker und Philosophen Jacob Böhme gewidmet ist. Sie ist die Vorstufe einer Dauerausstellung in Görlitz.


Mitkuratorin Lucinda Martin führte durch die Ausstellung in der Schlosskapelle. Foto: Holger Jakobi



Für Hegel war der Görlitzer Schuster Jacob Böhme (1575 bis 1624) der erste deutsche Philosoph. Diejenigen jedoch, die Böhmes mystische Gedankenwelt heute lesen, stehen seinem Werk oftmals ratlos gegenüber. Zugänge bietet inzwischen der Film „Morgenröte im Aufgang“, in dem Jacob Böhme selbst zu Wort kommt. Immer wieder spürt man beim Hinsehen und Hören, dass da einer spricht, der etwas erfahren hat. „Worte treffen direkt ins Herz.“ So Ronald Steckel, der mit seinem Team den Film produziert hat. In der Böhme-Ausstellung „Alles in allem“ – bis zum 19. November in der Schlosskapelle Dresden – können sich die Besucher seinen Streifen ansehen und sich mitnehmen lassen in die Tiefe der Mystik des Görlitzer Denkers. Dass dies sich lohnt, davon ist Ronald Steckel überzeugt. „Böhme steht erst am Anfang, wir werden ihn heute und in den kommenden Jahrhunderten sehr brauchen.“
 Jacob Böhme zählt zu den wichtigsten deutschen Denkern, der weit über die Landesgrenzen hinaus zu großer Bedeutung gelangte. Doch ungeachtet der Faszination, die Jacob Böhme für Autoren und Künstler späterer Generationen besaß, ist sein Werk heute gerade in seiner Heimat  nur wenigen bekannt. Was sich ändern soll, wie die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Marion Ackermann betonte. Zudem verstehe ihr Haus die Ausstellung als wesentlichen Beitrag zum derzeitigen Gedenken an den Thesenanschlag Martin Luthers vor 500 Jahren. Einhundert Jahre nach dem Beginn der Reformation – am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges, als die religiösen Auseinandersetzungen ihren Höhepunkt erreicht hatten – unternahm Jacob Böhme den Versuch, die Idee der Reformation zu erneuern.

Jacob Böhme wurde 1575 in Alt-Seidenberg (Oberlausitz / heute Polen) geboren. 1624 ist er in Görlitz verstorben. Fotos: SKD-Dresden

Region und Wissenschaft kein Widerspruch
In einer Zeit, in der neue wissenschaftliche Erkenntnisse das festgefügte Weltbild ins Wanken gebracht hatten, war es sein Anliegen, die gegensätzlichen DenRichtungen im Denken miteinander in Einklang zu bringen. Religion und Wissenschaft sah er nicht im Widerspruch zueinander, vielmehr war für ihn die Erforschung der Natur mit der Erkenntnis Gottes unmittelbar verbunden. Seine naturphilosophisch-theosophischen Überzeugungen brachten ihm schnell die Kritik der evangelische Theologen ein. Stellvertretend sei der Görlitzer Pastor Primarius, Gregor Richter genannt. 1624 schrieb Richter in seinem „Judicium Gregorii Richteri – Das gehegte Gericht Gregor Richters“: „Was für Strafen sind uns vom Himmel vorbehalten, so wir nicht mit gebührlichem Ernst diese Pest ferne von unserem Vaterland verjagen und mit Stumpf und Stiel ausrotten? ... Gehe nur geschwind und zieh weit weg, du leichtfertiges gotteslästerliches Maul, und erfahre, du elender Mensch, was dir für Unglück bereitet ist.“ Gregor Richter, der den wahren Glauben verteidigen wollte, ist als fanatischer Gegner Jacob Böhmes in die Annalen der Geschichte eingegangen.
Doch Böhme – unterstützt von schlesischen Adeligen – ließ sich nicht beirren. Auch ein Schreibverbot konnte ihn nicht zurückhalten. Gegen Ende seines Lebens kam er für einige Monate nach Dresden, um dem sächsischen Kurfürsten von seinen Gedanken zu überzeugen. Es heißt, Johann Georg I. habe ihn nicht verstanden.

Das Ziel, die Harmonie mit Gott erreichen
Grundlegend verstand Jacob Böhme die Reformation Luthers als nicht vollendet, da sie in die große europäische Glaubensspaltung und die mit ihre verbundenen Religionskriege geführt hatte. Ihm ging es um die Wiedergeburt des Menschen. Diese ist nach Böhme eine lebenslange Aufgabe, den eigenen selbst bezogenen Willen zu überwinden und Gott zu erlauben, im Menschen zu wirken. Im Begleittext zur Dresdner Ausstellung heißt es dazu: „Das endgültige Ziel ist die Wiedererlangung der Unschuld und der Harmonie mit Gott, also des Zustandes vor dem Sündenfall.“ „Böhme erwartete“, so heißt es weiter, „dass die Erde mit der Wiederkunft Christi geheilt und wieder in einem paradiesischen Zustand versetzt werde und im Himmel die Wiedergeborenen ihre engelhaften Körper zurückerlangten.“ Sein Widersacher Gregor Richter, der sich mit Böhmes Popularität abfinden musste, mag an diese Stellen gedacht haben, als er schließlich gesagt hatte: „Kein Irrtum ist so ungereimt, dass er nicht solche findet, die ihm Beifall geben“.
Weitere zentrale Themenbereiche in Dresden sind unter anderem auch Natur, Schöpfung, Kosmos oder die Finsternis. In ihr sieht Jacob Böhme eine gefährliche Kraft, die bestrebt ist, das Licht auszulöschen. „Luzifer – der Engel, der über Gott siegen wollte – verkörpert die Finsternis. In der Welt offenbart sich die finstere Macht durch Krieg und Gewalt. Der Mensch steht zwischen Licht und Finsternis und muss sich für das eine oder das andere entscheiden.
Die Dresdner Ausstellung wird noch in London und Antwerpen gezeigt. Danach bildet – nach Rückgabe der Leihgaben – die Schau den thematischen Kern der künftigen Dauerausstellung in der Görlitzer Dreifaltigkeitskirche. Es ist allerdings noch nicht klar, welche Exponate in Görlitz dazu kommen. Zudem gibt es auf polnischer Seite in Jacob-Böhme-Haus.

 „Alles in allem – Die Gedankenwelt Jacob Böhmes“ bis 19. November im Residenzschloss Dresden, 10 bis 18 Uhr, am Dienstag ist geschlossen. Zur Ausstellung erschien ein Katalog und ein Textband im Sandstein-Verlag.

Die Handschrift des Mystikers und Philosophen. Offen ist, welche Exponate auch in Görlitz gezeigt werden können.

Von Holger Jakobi