15.06.2012

Kommentar

Zum Erfolg verdammt

Von Ulrich Waschki

Die Geschichte der Nachfolgekonferenzen des Weltgipfels von Rio de Janeiro 1992 ist eine Geschichte der vertanen Chancen. 1992 stimmten alle Beteiligten zu: Wir müssen unsere Art zu leben verändern, um der Erde und der Menschheit das Überleben zu sichern. Doch noch immer ist die Weltgemeinschaft weit davon entfernt. So erreicht etwa die weltweite CO2-Emission derzeit einen Rekordwert.

Sie ist verantwortlich für die gefährliche Erderwärmung, den Treibhauseffekt. 1992 war noch die Rede davon, diese Emissionen zu stabilisieren, einige Jahre später ging es sogar darum, sie zu reduzieren. Doch passiert ist wenig. Zynisch könnte man sagen, vor 20 Jahren stand die Welt am Abgrund, heute sind wir einen Schritt weiter, mit einem Fuß im Abgrund.

Und standen in Rio 1992 noch vor allem ökologische Fragen im Mittelpunkt, ist heute allen klar: Die ökologische Katastrophe hat soziale und ökonomische Folgen, unter denen vor allem die Ärmsten der Welt zu leiden haben.

Ob beim Rio-Folgegipfel „Rio+20“ die Staats- und Regierungschefs den Hebel umlegen, darf getrost bezweifelt werden. Denn die geopolitische Lage hat sich seitdem massiv verändert: 1992 waren nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Zusammenbruch des Sowjetreiches die USA und die Länder der Europäischen Gemeinschaft tonangebend. Die EG wollte mehr erreichen, die USA bremsten. China, Indien und Brasilien galten als „nichtindustrialisierte Staaten“. Das ist Geschichte; die Macht auf der Welt hat sich verschoben.

Beim erfolglosen Klimagipfel 2009 in Kopenhagen musste US-Präsident Barack Obama zweimal ins Hotel von Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao fahren, um zumindest einen zahnlosen Minimalkonsens zu erreichen. Die Botschaft der Chinesen: Die USA kommen zu uns als Bittsteller. An Ländern wie China und Indien geht im globalen Umweltschutz kein Weg mehr vorbei. Doch der Westen hat sein Drohpotenzial diesen Staaten gegenüber verloren. Zumal die demokratischen Industrienationen auch nicht in trauter Einigkeit verbunden mit gutem Beispiel vorangehen. Die aufstrebenden Staaten dagegen wollen erst Wachstum und Wohlstand, dann kommt der Umweltschutz.

Ob die Staats- und Regierungschefs in Rio diesen Konflikt lösen können, ist völlig unklar. Doch sie müssen endlich das Heft in die Hand nehmen und auch harte Entscheidungen treffen. Denn sonst wird Mutter Natur reagieren. Und dann gnade uns Gott.