20.07.2016

Wir sind schuld

Was gibt es Schöneres als jetzt im Sommer vor dem Fernseher zu sitzen und entspannt Fußball-EM zu gucken? Dieses Event war die letzte Hoffnung auf Harmonie in diesem Europa, das vor Krisen, Terror und Problemen zu ersticken scheint. Und was ist? Auch beim Fußball: Krawalle, Hooligans, Schlägereien, unterbrochene Spiele … Das Leben ist kein Ponyhof, aber wenigstens ein bisschen Ponyhof wäre doch nicht schlecht. Überall Konflikte und Streit: „Ich bin dagegen.“ Warum habe ich das Gefühl, dass es in unserer Welt keine Liebe mehr gibt? Und wer ist Schuld daran? Ich sage: Wir!
In der Offenbarung des Johannes wird im zweiten Kapitel der Gemeinde in Ephesus das Gericht angekündigt. Sie hat treu ausgeharrt in der Verfolgung, Schweres ertragen und Irrlehrer und Lügner erkannt und erfolgreich abgewiesen. Ja, warum dann Gericht? Ist doch super! – Sie wird gerichtet, weil sie ihre erste Liebe vergessen hat. Es reicht nicht immer, nur dagegen zu sein. Die Epheser haben bei allem Dagegensein vergessen zu lieben.
Papst Franziskus scheint ähnliche Lektüre auf dem Nachttisch zu haben. Er versucht den Fokus vom erhobenen Zeigefinger der Kirche endlich wieder zu ihrer Barmherzigkeit zu lenken. Aber was bedeutet das für uns? Es reicht nicht, sich hinzustellen und zu sagen: Gut, der Mensch ist schlecht, kann man jetzt nichts machen. Hauptsache „läuft bei mir“ …
Ich hatte letztes Semester eine Vorlesung in Gnadenlehre. Und was ich gelernt habe, macht mir Angst. Jesus hat das Heil erwirkt. Aber er ist nicht am Kreuz gestorben, damit wir uns den Hintern platt sitzen. Wir sind getauft, um unser Leben für die anderen zu geben – so wie er. Das Heil der Kirche ist kein Hokuspukus.
Wir heil(ig)en die Welt mit unserer Liebe, weil wir die Kraft der Liebe haben, die von Gott kommt. Und ich weiß, wie unheimlich schwer das ist. Ich glaube nicht, dass ich die Italiener lieben kann, wenn die uns aus einem Fußball-Turnier kicken. Wer dagegen ist, grenzt sich ab. Er übernimmt Verantwortung nur für sich selbst. In unserer Verantwortung als Christen liegt jedoch die ganze Welt. In meiner Verantwortung liegt das Gute für jeden, der mir begegnet.
Das überfordert, aber Überforderung entschuldigt nicht. Ich werde oft genug scheitern, aber ich muss – und kann – darauf hoffen, dass letztendlich Gott sich drum kümmert, wenn ich es zumindest versuche. Die Liebe verkehrt den Focus: Unser Leben darf kein „Dagegen“ sein, sondern immer nur ein „Für“.

Zur Person: Phillip Fuhrmann ist 1991 geboren und wohnt in Gablenz, das zur Pfarrei Weißwasser im Bistum Görlitz gehört. Für dieses Bistum ist er Priesterkanditat. 2009 hat Phillip Fuhrmann Abitur gemacht. Im Wintersemester 2011 hat er begonnen, erst in Erfurt und jetzt in Rom Theologie zu studieren.