11.01.2018

Jugendarbeit im Bistum Magdeburg

Wir sind für alle jungen Leute da

Im Oktober 2018 soll auf Einladung von Papst Franziskus bei einer Bischofssynode in Rom die Situation der Jugend in der Welt im Mittelpunkt stehen. Im Bistum Magdeburg gestaltet sich die kirchliche Arbeit mit Jugendlichen kompliziert. Diözesan-Jugendseelsorger Diakon Christoph Tekaath und sein Team experimentieren mit einem breit gefächerten Angebot.


Vertreter der Jugendverbände und der Arbeitsstelle Jugendpastoral im Bistum Magdeburg treffen sich jährlich zur Versammlung des Diözesanverbandes des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) im Jugendhaus in Roßbach. Beim Treffen im Oktober 2017 war dabei auch die Aktion „Dein Grundgesetz“ Thema. | Foto: JuPast

 

Schon über viele Jahre geht die Zahl der Jugendlichen in den Gemeinden im Bistum Magdeburg zurück. Es gibt immer weniger Ministranten, immer weniger junge Leute nehmen an Angeboten speziell für Jugendliche teil. Das liegt an den kleiner werdenden Gemeinden, an fehlenden engagierten Seelsorgern und Ehrenamtlichen, an der Bevölkerungsentwicklung, an gesellschaftlichen Trends, an den Jugendlichen selbst. Seit fünf Jahren experimentiert Diözesan-Jugendseelsorger Diakon Christoph Tekaath im Bistum Magdeburg mit seinem Team, welche Formate junge Leute ansprechen.

Diakon Tekaath, im Blick zum Beispiel auf die zurückliegenden Jugendwallfahrten und den Diözesan-Jugendtag im letzten Jahr im Bistum Magdeburg drängt sich mir der Eindruck auf: Sie können anbieten, was Sie wollen. Sie erreichen eine zunehmend kleiner werdende Gruppe junger Menschen. …

Im Blick auf den Bistumsjugendtag 2017 mag das stimmen. Beim letzten Ministrantentag in Halberstadt am Vortag der Bistumswallfahrt Anfang September hingegen war die Resonanz zum Beispiel gar nicht schlecht. Beim Jugendwochenende zum Christkönigssonntag in unserem Jugendhaus in Roßbach bei Naumburg sind mehr als hundert Jugendliche gekommen. An unserer ökumenischen Aktion „Mit Luther zum Papst“ im Herbst 2016 haben 1000 Personen teilgenommen, darunter 500 junge Leute unter 35. Und 50 Jugendliche und junge Erwachsene haben dabei wichtige und wertvolle Aufgaben als Teamer übernommen. Oder nehmen wir die Kar- und Ostertage im Jugendhaus in Roßbach. 2013 hatten sich sieben Jugendliche angemeldet. Inzwischen bieten wir die Tage offen an für Eltern mit Kindern, Jugendliche und junge Erwachsene. In den letzten drei Jahren kamen gut 120 Personen, von denen die Hälfte Kinder und Jugendliche waren. Bei der letzten Ministrantenwallfahrt nach Rom waren es mehr als 300 Ministranten aus unserem Bistum, und beim letzten Weltjugendtag nahmen 200 junge Menschen teil. Das ist gar nicht so  schlecht.

Wer gehört denn zu Ihrer eigentlichen Zielgruppe?

Katholische Jugendarbeit ist der Dienst der Kirche an ihrer Jugend, also der katholischen Jugend, und darüber hinaus der Dienst der Kirche an der Jugend überhaupt. In Bistum Magdeburg gibt es etwa 11 000 katholische junge Leute im Alter von zehn bis 26 Jahren. Nur zu ungefähr einem Zehntel davon haben hauptamtliche oder ehrenamtliche Mitarbeitende Face-to-Face-Kontakt. Darunter sind Ministranten, junge Leute, die Musik machen, Kinder in Verbänden und so weiter. Diese Gruppen gehören zu den klassischen Zielgruppen der Jugendpastoral. Neben diesen Zielgruppen richten sich unsere Angebote an alle jungen Menschen, die mit uns ein Stück Weg oder eine Zeit verbringen wollen. Das können auch evangelische oder nicht kirchliche Schüler- und Jugendgruppen sein. Die vielfältigen Gästegruppen in unserem Jugendhaus spiegeln dies in besonderer Weise wider. Auch hier haben wir in den letzten vier Jahren Zuwachs erfahren. Die Belegungszahlen in Roßbach sind über 30 Prozent gestiegen. Auch die Zahl derer, mit denen wir als diözesane Arbeitsstelle für Jugendpastoral arbeiten, ist in den letzten Jahren gestiegen, nicht aber die Zahl derer, zu denen wir intensive und langanhaltende Kontakte haben.

Das heißt, im großen Ganzen läuft doch alles ganz gut mit der katholischen Jugendarbeit?

Nein, an unseren kleinen Verhältnissen gibt es nichts schönzureden. Für viele Großeltern, Eltern und Geistliche ist es befremdlich, wenn junge Leute mit alten katholischen Formen nichts mehr anfangen können. Beichte, Rosenkranz und Maiandachten sind meiner Erfahrung nach nicht die Formen, die jeden Jugendlichen vom Hocker reißen. Und es reicht auch nicht, klassische Angebotsformen der Pastoral nur zu transformieren, selbst wenn wir dies natürlich versuchen. Es ist nötig, neue geistliche Erlebnismöglichkeiten für Jugendliche zu entwickeln, darunter nicht zuletzt solche, die unabhängig von der konkreten Zugehörigkeit zu einer Pfarrjugend sind, weil es die oft nicht mehr gibt. So erfährt unsere Aktion „Dein Grundgesetz“, bei der in Deutschland garantierte Rechte menschenverachtenden Auffassungen gegenübergestellt werden, viel Zuspruch. Die bereitgestellten Aufkleber geben Jugendlichen die Möglichkeit, in ihrem Umfeld für die Menschenrechte einzustehen. Zugleich gab es auch Kritik, was ein so politisch orientiertes Thema mit kirchlicher Jugendarbeit zu tun habe. Aufhänger der Aktion war der Wahlkampf zur Bundestagswahl im vergangenen Jahr, wir wollten die Gesellschaft und die Politik daran erinnern, dass sich der Einsatz für die Menschenwürde von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen ableitet. Und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, wie sie in Teilen unserer Gesellschaft floriert, fordert unser christliches Bekenntnis.

Sind junge Christen für ein derartiges gesellschaftspolitisches Engagement zu begeistern?

Unsere Aufgabe als Christen ist es, uns in der Gesellschaft einzubringen. Das ist so, weil wir wie unser Gott Interesse am Menschen haben und den Menschen ernst nehmen in allen seinen Belangen. Und wenn es gottlos glückliche Zeitgenossen gibt, die sich für eine menschenwürdige Gesellschaft engagieren, sind sie unsere Partner. Gemeinsam müssen wir uns um die Unglücklichen mit und ohne Gott kümmern. Im Übrigen ist es gar nicht die Frage, ob es sich um Menschen handelt, die Gott haben oder nicht haben – auch wir Christen haben Gott nicht, er ist und bleibt Geheimnis.

Sind junge Leute also für so ein praktisches Tun gut zu gewinnen?

Aktionen und Projekte, die in der jeweiligen Situation dran sind, stoßen durchaus auf Resonanz. Als Mitteldeutschland 2013 mit massivem Hochwasser zu kämpfen hatte, haben sich eine Menge junger Leute an unserer 72-Stunden-Aktion beteiligt und waren begeisterte Fluthelfer. Oder wie bereits angedeutet, unser ökumenisches Projekt „Mit Luther zum Papst“ wäre ohne die jungen Teamer, die bis auf wenige Stunden Schlaf rund um die Uhr gearbeitet haben, nicht so erfolgreich gewesen.

Punktuelle Aktionen werden also ganz gut angenommen?

Projektarbeit entspricht dem Zeitgefühl. Das ist weder gut noch schlecht – es ist einfach anders als gestern, als sich Jugendliche über viele Jahre in ein- und derselben Gruppe engagierten. Wir möchten mit unseren Angeboten bei den jungen Menschen sein, wenn sie sich punktuell einsetzen. Das möchten wir fördern. Schwierig ist es für uns, junge Leute für längerfristige Aufgaben zu gewinnen. Wir haben zum Beispiel große Probleme in den Verbänden, ehrenamtliche Vorsitzende zu finden. Da sind wir immer auf der Suche und wollen junge Menschen ermutigen, sich einzubringen mit ihren Ideen und ihrer Kraft.

Stichwort Jugendverbände: Um das konkrete Engagement geht es ja auch bei Verbänden wie den Pfadfindern oder Maltesern ...

… sowie der Kolping-Jugend, bei der Sportjugend, der Katholischen Studierenden Jugend und der Katholischen Jungen Gemeinde, die alle aus meiner Sicht sehr gute Jugendarbeit leisten, die allerdings von manchem in der Kirche nicht als Jugendpastoral wertgeschätzt wird. Die Verbände erreichen Jugendliche aber auf einer anderen Ebene als die Pfarreien oder manche Angebote unserer Arbeitsstelle für Jugendpastoral. Wir leben in einer pluralen Welt und daher ist auch kirchliche Jugendarbeit mittlerweile plural.
Unsere Pfadfinder zum Beispiel bieten mehr als die Aktion Friedenslicht im Advent und die Malteser Jugend mehr als Erste-Hilfe-Kurse an: Sie bieten den Kindern und Jugendlichen eine geistige und soziale Heimat, ein Zusammengehörigkeitsgefühl und die Kostbarkeit gemeinsam verbrachter Lebenszeit im Dienst einer „guten Sache“.

Aber auch die Verbände erreichen hierzulande nur wenige Jugendliche, zumal es auch viele Angebote außerhalb des christlichen Kontextes gibt ...

Unser lange als selbstverständlich betrachtetes „Alleinstellungsmerkmal“, dass Jugendliche nur in der kirchlichen Jugendgruppe wirkliche Gemeinschaft erfahren können, haben wir bei vielen kirchlichen Jugendlichen verloren. Die Jugendlichen können heutzutage aus unzähligen Angeboten – realen und virtuellen – auswählen: da gibt es eben auch andere Sinnangebote, Gemeinschaftsangebote, Beziehungsangebote, Aktivitätsangebote. Dem müssen wir uns stellen. Wir loten einen Umgang damit noch aus und stellen uns zum Beispiel verschiedene Kooperationen vor: mit der evangelischen Jugendarbeit, mit Schulen und Jugendclubs in der Nachbarschaft, mit der Feuerwehrjugend oder auch einem Sportverein. Etwa auch, in dem wir diesen Gruppen unsere Räume zur Verfügung stellen und so Kontakte schaffen. Oder indem wir uns ganz aktiv ins städtische und jugendliche Leben einmischen: Das lebt etwa Jugendreferent Martin Papke mit der Jugend-City-Pastoral in Weißenfels. Er ist zum selbstverständlichen Teil des Stadtbildes geworden und wichtiger Ansprechpartner für Jugendliche jeglicher Couleur. Und Don-Bosco-Schwester Lydia Kaps kooperiert im Kinder- und Jugendzentrum Don-Bosco in Magdeburg ganz stark mit anderen Kinder- und Jugendzentren der Stadt.

Und das seit 25 Jahren ...

Schwester Lydia leistet im Norden Magdeburgs eine hervorragende offene Arbeit. Das Kinder- und Jugendzentrum ist täglich Anlaufpunkt von durchschnittlich 60 jungen Menschen nicht zuletzt aus sozial schwachen Verhältnissen. Offene Jugendangebote finden auch bei der Caritas in Magdeburg und in Halle statt. Zudem gibt es vor allem in Halle, aber auch in Dessau, Köthen und Magdeburg das Angebot der Lebenswendefeiern für Jugendliche der achten Klasse. Daran nahmen in Halle 2017 gut 600 nichtchristliche Jugendliche teil, die wir über unsere anderen Angebote nicht erreicht hätten. Die Bereiche für katholische Jugendarbeit sind also sehr vielfältig; es gibt viel zu tun.
Anliegen christlicher Jugendarbeit muss es sein, die Heranwachsenden in ein Leben aus dem Glauben einzuführen.

Gelingt das? Welche Schwierigkeiten gibt es dabei?

Als Kirche sind wir gefordert, den jungen Menschen die Relevanz des Glaubens und das Leben in der kirchlichen Gemeinschaft mit auf den Weg zu geben. Die Frage, die sich junge Menschen mit ihren schier unerschöpflichen Möglichkeiten immer wieder stellen, lautet: Was habe ich von Kirche, was bringt es mir, dazu zu gehören? Sicher könnte ich den jungen Menschen erzählen, dass Glaube Kraft in schwierigen Zeiten bietet, dass die Gemeinschaft tragen kann, dass man spürt, dass Gott einem Halt und Zukunft gibt. Besser als reden ist aber tun. Papst Franziskus hat bei der Romwallfahrt auf die Frage zum Missionsauftrag geantwortet: Lebe deine Überzeugung. Vielleicht müssen vor allem wir hauptamtlichen und bezahlten Kirchenmitarbeiter vorleben, wofür wir unser Leben einsetzen.

Was ist in der Jugendpastoral zu tun?

Wir stellen uns immer wieder diese Fragen: Ist das, was wir bereits tun, richtig und tun wir das, was wir tun, richtig? Stellen wir als Bistum und Gemeinden den Jugendlichen, die in Sonntagspredigten gern als unsere Zukunft beschrieben werden, ständige Bezugspersonen und Ressourcen zur Verfügung? In vielen Gemeinden gibt es keinen Jugend-Etat oder jedenfalls keinen, über den Jugendliche mitentscheiden dürften. In der Gesellschaft ist viel von Partizipation die Rede, erleben junge Leute eine große Vielfalt an Möglichkeiten, ist ihre Kreativität gefragt. Unsere Jugendlichen haben oft nicht einmal einen Schlüssel für den Jugendraum, wo es einen gibt. Sie können wenig in Eigenregie tun. Sie haben in den Gemeinden wenig Chancen, sich mit ihrer Lebendigkeit einzubringen.

Diakon Christoph Tekaath | Foto: Eckhard Pohl

Ein großer Wunsch von mir wären Kinder-/Jugend-/Familienzentren, die Erfahrungen von offener Kinder- und Jugendarbeit mit den Erfahrungen der Verbände und Gemeinden verbinden und dadurch Begegnungsorte für Christen und Nichtchristen wären.
Und Heranwachsende erst in der neunten Klasse zur Jugend einzuladen, finde ich zu spät. Die haben sich dann schon anderweitig orientiert. Dort, wo sich Heranwachsende etwas wünschen, etwa eine Pfadfindergruppe als Ort der Gemeinschaft, sollten wir, wenn irgend möglich, darauf eingehen.
An der Frage der Jugend kann sich die Zukunft der Kirche entscheiden. Es ist gut, dass Papst Franziskus mit der kommenden Jugendsynode die Jugendlichen der Welt selbst fragt.

Interview: Eckhard Pohl