04.01.2012

Weihnachten in der Party-Kirche

Luise Binder (18) aus Leipzig ist seit September Freiwillige der Kolpingjugend-Gemeinschaftsdienste in Tansania. Was sie dort erlebt, darüber berichtet sie hier regelmäßig. Heute über ein schwieriges Weihnachtsfest.


Es ist mir wirklich schwer gefallen, mich auf Weihnachten vorzubereiten. Und wenn ich ehrlich bin, ist es mir auch nicht sonderlich gelungen. Dennoch, auf einmal war Heiligabend da und da stand ich in meinem neuen Weihnachtskleid und legte meine ganze Hoffnung in die Christnacht. Unterm Sternenhimmel ging es zu Fuß quer durchs ganze Dorf. Durch eine Sternschnuppe ausgelöste Freude in mir glaubte ich, alles würde himmlisch werden.

Bei der Kirche angekommen dann der Schock: überall Girlanden. Vor der Kirche, in der Kirche ein kunterbuntes Durcheinander. Zusammen mit den bunten Luftballons an Ambo und Altar wurde mir unangenehm deutlich, dass es sich ja irgendwie um eine Geburtstagsparty handelte. So saß ich stocksteif in der Bank, von seitlichen Blicken junger Mädchen durchbohrt und wünschte mir einen besinnlichen Heiligabend.
Trotz der grellen Aura der sonst so schlichten Kirche gab ich mir Mühe, mich auf das Geschehen einzulassen, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Doch meine Bemühungen wurden abrupt vom Einschalten der vier verschiedenen Lichterketten, welche sich um die Krippe rankten, unterbrochen. Grelles Licht stach mir in die Augen. Eine der Lichterketten leuchtete sogar mit unterschiedlichen Effekten – vom ruhigen, langsamen Blinken bis hin zum epileptischen-Anfall-auslösenden Blitzlichtgewitter.
Ich war wie gelähmt. Wie ein Roboter nahm ich am Gottesdienst teil, stand auf, beugte die Knie, klatschte in die Hände. Doch die Partyoptik der Kirche, welche durch Riesenpalmenwedel unterstützt wurde, ermöglichte es mir nicht mehr zu verinnerlichen, das Heiligabend war.
Nach dem Gottesdienst ging es den lieben langen Weg zurück. Langsam beruhigte sich meine aufgescheuchte Seele beim Anblick des weihnachtlichen Sternenhimmels. Ich fand sogar mein Lieblingssternzeichen: Cassiopeia, das Himmels-W. Begleitet vom Anblick einer weiteren großen Sternschnuppe dachte ich bei mir, dass dieses „W“ ja auch für „Weihnacht“ stehen könnte.
Luise Binder


Luise Binder hat auch einen Internet-Blog: www.luise-in-tansania.blogspot.com