16.06.2017

Ausstellung über die Beschäftigung mit dem eigenen Tod

Was ich hinterlassen möchte

Eine Ausstellung lädt zur Beschäftigung mit dem eigenen Tod ein und will zu einem bewussten, erfüllten Leben ermutigen. Nach Halle wird sie auf der Huysburg bei Halberstadt zu sehen sein.


Pfarrer Magnus Koschig legte eine Stola in den Korb als Zeichen für Gottes Vergebungsbereitschaft .


„Was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr bin? Was hinterlasse ich als Geschenk?“ Diese Frage  beschäftigt oft schwerstkranke und sterbende Menschen, erlebt Klinikseelsorger Reinhard Feuersträter. „Gerade im Sterbeprozess, wenn Menschen beginnen, Lebensbilanz zu ziehen, wenn sie zurückblicken auf erfülltes und auf ungelebtes Leben, auf Höhepunkte und auf Brüche, ist das eine der großen Fragen, die bewegt werden und bewegend sind. Eine der großen W-Fragen: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und eben: Was bleibt von mir?“ so der Klinikseelsorger am Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara in Halle. Nicht selten erfahre er in dieser „so intimen und persönlichen Zeit“ des Sterbens, „wie schwer es fällt, den Tod anzunehmen und das Leben loszulassen, wenn man vorher nicht gelebt hat“. Und, so Diakon Feuersträter: „Je weniger Hoffnung bei Menschen vorhanden ist, dass nach dem Tod noch etwas kommt, umso mehr brauchen sie es auch, dass etwas von ihnen bleibt.“
„Es sind dann auch für mich als Begleiter glückliche Momente, wenn Angehörige und Freunde dem Sterbenden sagen können, was sie von ihm gelernt und für ihr Leben erfahren haben und welche nachhaltigen Spuren er bei ihnen hinterlassen wird“, so Feuersträter. „Es ist dann förmlich spürbar, wie sehr auch der Sterbende es in sich aufnimmt, oft zieht dann ein entspanntes Lächeln durch sein Gesicht.“
„Was bleibt von mir, wenn ich das Zeitliche segne?“ Dieser Frage ist dieser Tage auch eine Ausstellung der Klinikseelsorge im Foyer des Krankenhauses St. Elisabeth und St. Barbara gewidmet. Sie ist dort noch bis 23. Juni zu finden und wird nach Angaben von Diakon Feuersträter als nächstes Ende August / Anfang September im Benediktinerkloster Huysburg bei Halberstadt zu sehen sein.

Alles, was wichtig ist, geben wir den Kindern weiter, schreibt Fotograf Marco Warmuth zu seinem Korb. | Foto: Klinikseelsorge

Antworten so vielfältig wie die Menschen selbst
„Das Projekt entstand im Kontext der Aktion ,Stadt der Sterblichen‘, einer Veranstaltungsreihe in Halle rund um das Thema Sterbekultur und Tod“, so der Seelsorger. „Wir hatten an die 200 leere Körbe verteilt mit der Einladung, sie symbolisch zu füllen mit dem, was der einzelne an Spuren hinterlassen möchte.“ Fast 60 Körbe seien zurückgekommen, einzelne auch leer. Daraus sei die Ausstellung, die die Körbe in Vitrinen zeigt, entstanden.
Was sich in den Körbern befindet, ist so unterschiedlich, wie Menschen sind. Fotograf Marco Warmuth zum Beispiel legte ein Kinderbild in den Korb und schrieb dazu: „Alles, was wir wissen, die Werte, die wir leben, was uns wichtig ist, geben wir weiter an die, die uns im Leben alles bedeuten, unsere Kinder.“ Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke ließ seinen Korb leer: „Es bleibt nichts Sichtbares. Daher lasse ich den Korb leer – nicht aus Patzigkeit, sondern aus Bescheidenheit und der biologischen, aber auch sozialen Einsicht, dass wir als ,Energiegeist‘ einfach nur das sind, war wir im Moment sind.“ Jurist Dirk Neumann formulierte: „Was bleibt, entscheiden andere.“
Pfarrer Magnus Koschig aus Halle legte eine Stola in seinen Korb: „Wenn nichts bleibt, wäre es nicht tragisch, denn in jedem Augenblick liegt schon ein Stück Ewigkeit. Die Stola verweist auch auf die Barmherzigkeit, auf die Versöhnung. Ich habe manches auch falsch gemacht und durfte erfahren, dass es Barmherzigkeit gibt und dass ich aus Fehlern lernen durfte.“ Krankenschwester Sigrid Kolodziej gestaltete ihren Korb mit Herzen und schrieb: „Die Erinnerung an mich sei verbunden mit einem Lächeln auf den Lippen über meine liebevolle, verrückte, spontane und herzliche Seite und ein Schmunzeln über meine Macken, Unzulänglichkeiten und Eigenheiten.“
Und die Provinzoberin der Schwestern von der Heiligen Elisabeth, Schwester Maria Dominika Kinder, legte eine Brille und zwei Tüten mit Samen auf ein blaues Tuch: „Das Tuch steht für den Glauben, der mir nicht unangefochten und nie fraglos in allen Situationen des Lebens Halt und Herausforderung war. Die Brille steht für meinen Sinn für die Realität. Dass ich auf diese Weise an der Gestalt der Zukunft im Orden mitgewirkt habe, das macht mich dankbar. Der Samen steht für mein Vertrauen in die Kraft des Lebens, für den Glauben an die Möglichkeit zum Guten in jedem Menschen. Ich wäre dankbar und froh, wenn ich hoffen dürfte, dass ich mit dieser Haltung andere Menschen angesteckt habe.“ Andere Teilnehmer an dem Ausstellungsprojekt verweisen auf ihre wissenschaftlichen Publikationen, legten einen Organspendeausweis in den Korb, sprechen von der Liebe, die bleibt, von der großen Bedeutung guter Beziehungen zwischen den Menschen.
„Von etlichen, die sich an der Aktion beteiligt haben“, so Diakon Feuersträter, „habe ich  gehört: ,Je länger der Korb bei mir stand, umso mehr habe ich mich mit dem Thema beschäftigt, bin ich dem eigenen Sterben und Tod in meinen Gedanken begegnet, und umso schwerer habe ich mich mit der Frage getan: Was möchte ich für Spuren hinterlassen? Bleibt überhaupt etwas?“ Andere hätten zurückgeschrieben, dass ihnen die Frage zu persönlich sei. Und es habe auch die Reaktion gegeben: „Mit meinem Sterben, mit dem Tod will ich mich nicht beschäftigen.“
Aktion als ein Aufruf zum Leben
Die Aktion und die daraus entstandene Ausstellung soll „ein Aufruf zum Leben sein“, sagt Klinikseelsorger Feuersträter: „Ein Aufruf, sich dem eigenen Leben zuzuwenden. Es ist keine Ausstellung zum Tod, sondern für das Leben. Denn nur wer lebt, kann auch Spuren hinterlassen. Und dann auch, wenn es soweit ist, sagen: Ich kann das Zeitliche segnen.“

Von Eckhard Pohl