29.06.2017

Fazenda da Esperança auf dem Gut Neuhof im Havelland

Wallfahrtsort im märkischen Sand

Gut hundert Freunde sowie Gäste feiern auf dem Gut Neuhof im Havelland mit den Bewohnern der „Fazenda da Esperança“ das Franziskusfest. Das Zentrum verfolgt eigene Therapieansätze für Süchtige.


Mädchen von Gut Neuhof und 20 internationale Missionare stellen sich vor. | Fotos: Annette Jung

 

In Brasilien sind die Fazendas da Esperança schon lange ein Erfolgsmodell. Mehrere Tausend Jugendliche und Erwachsene haben sich auf den Höfen der Hoffnung von der Drogen-, Alkohol-, Spiel- oder Internetsucht sowie Ess- und anderen Persönlichkeitsstörungen befreit. Dabei unterstützen sich Suchtkranke, Freiwillige und ehemalige Fazenda-Bewohner gegenseitig. Das schweißt zusammen. „Wir geben den jungen Menschen eine Familie“, sagt der Leiter von Gut Neuhof, Jasper Kleberson. 1998 wurde auf einem verfallenen Gehöft bei Nauen die erste Fazenda in Deutschland gegründet.
Auf dem großen Gelände mit Wohngebäuden, Werkstätten, Gärten und Ställen sowie einem Gästehaus versorgen sich die jungen Leute so weit wie möglich selbst. Sie erwirtschaften einen Teil des Lebensunterhalts ihrer Wohngruppe und erwerben Sozialkompetenz. Auch Aufträge werden angenommen, zum Beispiel das Catering zu Fronleichnam, als viele hundert Hungrige nach der Prozession im Schatten der St. Hedwigs-Kathedrale eine Bratwurst essen wollten. „Die sind echt gut“, findet Moritz, der mit einem Schulfreund nach Neuhof geradelt ist. „Sind ja auch von glücklichen Fazenda-Schweinen.“ Und die Marmeladen, die in der Fazenda in Riewend gekocht werden, gelten sowieso als „legendär“. Die Leiterin der Fazenda für Frauen, Sahandra Andrade, empfiehlt den Granatapfel-Orange-Mandarine-Mix.

Bibelworte helfen bei Neuorientierung
Das Suchtproblem, sagt sie, sei ein spirituelles Problem: „Jeder Mensch will doch glücklich sein. Aber wenn Eltern keine Liebe haben für ihr Kind, wenn das Mädchen missbraucht wird oder der Vater dem Sohn nicht verzeiht, geht Leben kaputt. Doch Gott will, dass jedes seiner Kinder Hoffnung hat.“ Der spirituelle Therapieansatz im märkischen Sand ist ungewöhnlich. Das Zusammenleben auf der Fazenda richtet sich an Worten aus der Bibel aus. Morgens wird ein Text aus dem Evangelium gelesen und in der Gruppe besprochen. Tagsüber versuchen die Jugendlichen, dieses Wort umzusetzen – bei der Arbeit, im Umgang miteinander, auch wenns mal kracht. Der Austausch über christliche Werte und deren lebenspraktische Tauglichkeit kann dem einzelnen bei der Neuorientierung helfen. „Es gibt einen Weg jenseits von Klinik und Methadon. Die ‚Medizin‘ der Fazenda ist das Wort Gottes“, erklärt Hofleiter Kleberson. Wenn einer anfange, dieses Wort nicht nur erbaulich zu finden, sondern es handfest zu leben, dann werde Gott in ihm Fleisch. Der „Hintergedanke“ dabei: Wenn Gott in einem geboren ist, könne man die Welt – die große und die eigene kleine – mit neuen Augen sehen. Dann müsse man nicht immer nur „Ich, Ich, Ich“ sagen. Eine Konkurrenz zu anderen Therapieformen sei die Fazenda jedoch nicht. Warum es keinen Kontakt zur Suchtberatung der Caritas gibt, verstehe er daher nicht.
Der geistliche Funke ist übergesprungen: Aus der anfangs misstrauisch beäugten Therapieeinrichtung ist ein „Wallfahrtsort“ geworden: Firmgruppen und Erstkommunionkinder kommen, Gemeinden halten Einkehrtage, Pfarrgemeinderäte gehen in Klausur. Und alle feiern zusammen mit den Fazenda-Bewohnern in der künstlerisch ebenso eigenwilligen wie eindrucksvollen Kapelle Gottesdienst.

Gelebter Glaube in Gemeinschaft
„Für mich ist die Begegnung mit den jungen Leuten das Salz in der Suppe“, antwortet Corinna Steffens aus Berlin-Dahlem auf die Frage, was an Gut Neuhof so besonders sei. Manch gut gemeinte Einladung, sich doch „einfach mal auf Gott einzulassen“ laufe ins Leere, wenn nicht mal ansatzweise zu erkennen sei, wie das gehen solle. „Hier merke ich, dass Glaube tatsächlich das Leben verändern kann“, sagt die Physiotherapeutin und schaut auf die vielen jungen Menschen in den T-Shirts mit dem Aufdruck „Every life has hope“ (Jedes Leben hat Hoffnung).
Julia Lehfeld aus der Stadt Brandenburg lernte Gut Neuhof während des Firmkurses kennen. Später engagierte sie sich als Freiwillige, seit 2017 lebt sie auf der Frauenfazenda. „Warum? Weil ich hier einen lebendigen Glauben gefunden habe. Das ist was anderes als in einer Gemeinde“, meint die 24-Jährige. Dann springt sie auf die Bühne, um das Hoffest zu moderieren.
Warum pilgern so viele zu einem Ort, der verkehrstechnisch eine Herausforderung ist, wo Alkohol und Zigaretten verboten sind und es keine Fernseher gibt? Markus Bärwald aus Wittenberge erholt sich bei einer Tasse Kaffee vom Tischtennis mit seinen Sohn. Die Atmosphäre auf der Fazenda erinnere ihn an ein Wort Barack Obamas beim Berliner Kirchentag: „Obama hat gesagt, dass in den Augen Gottes das Kind auf der anderen Seite der Grenze genauso viel Liebe und Mitgefühl verdiene wie das eigene Kind.“ Diese Interpretation der Würde jedes Menschen beeindrucke ihn. „Wie die Jugendlichen, die als menschliche Wracks hier ankommen, wieder Geschmack am Leben finden – das ist wie Auferstehung. Und wenn sie erzählen, was sie an Gewalt und Missachtung erlebt haben, treibt mir das das Wasser in die Augen.“

Franziskanerpater Hans Stapel gründete eine Fazenda in Brasilien.

Vorsehung nimmt konkrete Form an
„Fazendas sind Orte, an denen evangelisiert wird. Wo ‚alte Menschen‘ zu ‚neuen’ werden können, wenn sie sich für Gott öffnen. Aber das gilt ja für jeden von uns.“, sagt Franziskanerpater Hans Stapel, einer der Gründer der „Höfe der Hoffnung“. Man wisse nicht, was Gott im Herzen des Einzelnen bewirke. „Lasst also den Pessimismus nicht in eure Herzen“, ruft er den Besuchern zu. Der Ordensmann spricht aber auch von Sorgen und Zweifeln: Manchmal bereiten ihm beispielsweise die Finanzen Kopfzerbrechen.
„Seit mehr als 30 Jahren lebt die Fazenda-Familie von der Vorsehung. Wir glauben, dass Gott will, was wir tun, und erleben, wie er uns unterstützt.“ Wobei es mit dem Erkennen des göttlichen Willens nicht so einfach sei: „Am Anfang meines geistlichen Weges habe ich meinen Willen mit dem Willen Gottes vermischt. Mit der Zeit, und das dauerte lange, habe ich gelernt, aus all den inneren Stimmen herauszufiltern, was Gott wohl will. Das ist die Schule des Lebens. In der gibt es keine Ferien.“ Klingt anstrengend, doch der 71-Jährige lacht: „Ich bin glücklich. Und wenn ich noch tausend andere Leben hätte, sie wären wie dieses.“

Kontaktdaten: Fazenda Gut Neuhof, Neuhof 2, 14641 Nauen, OT Markee (0 33 21 / 45 12 00; gut-neuhof@fazenda.de; www.fazenda.de) / Frauenfazenda, Linder Weg 5, 14778 Päwesin, OT Riewend (03 38 38 / 4 03 04; riewend@fazenda.de)

Von Julianne Bittner