Anstoss 6/2012

Vaclav Havel und die Blumenschiffe

Als am 18. Dezember des vergangenen Jahres Vaclav Havel starb, verließ mit ihm ein Mensch die diesseitige Bühne, der einen großen Anteil daran hat, dass das kommunistische System in Europa zusammengebrochen ist.

Viele erinnern sich an Vaclav Havel als tschechischen Präsidenten, einige auch an den Schriftsteller und Bürgerrechtler. Zu seiner Trauerfeier kamen Staats- und Regierungschefs in den Prager Veitsdom, ein großes Orchester spielte das Requiem. Alles so, wie es sich für einen ehemaligen Präsidenten gehört. Das war der offizielle Teil. Aber die „schönere“ Trauerfeier fand erst einige Tage später statt und wurde in unseren Breiten kaum bemerkt.
Havels Frau Dagmar und einige seiner engsten Freunden ließen Elbschiffe mit den Tausenden von Blumen beladen, die die Trauernden für den Verstorbenen abgelegt hatten. Vier Schiffe voller Blumen und Kränzen kamen zusammen. Die Schiffe starteten auf der Moldau in Prag und fuhren, bis sie in Decin fast an die Deutsche Grenzen kamen. Dort wurden die Blumen ins Wasser gelassen. Hunderte, Tausende von Blumen, die nun die Elbe herabschwammen – durch Dresden, Magdeburg, Hamburg bis hin zur Nordsee. Viele werden an Ufern hängengeblieben sein, sicher haben nicht alle das Meer erreicht. Ein wunderschönes, hoffnungsvolles Bildes:  Genauso wie zu seinen Lebzeiten die Worte Havels langsam aber unaufhaltsam durch die ehemals sozialistischen Länder meist unerlaubt von Hand zu Hand weitergingen, genauso geheimnisvoll zogen zum Abschied die Blumen durch die Welt.
Havel glaubte an den Sinn des Lebens. Er glaubte, dass es etwas wie Gott gibt, der jedem Menschen die Fähigkeit schenkt, Wahres und Falsches zu unterscheiden. Er glaubte, dass wir, wenn wir auf unsere innere Stimme hören, Gott begegnen können.
Dieses konsequente Denken brachte ihn in Konflikt mit den kommunistischen Machthabern.  Als Sprecher der Charta 77 zeigte er, wo das tschechoslowakische Regime gegen die Menschenreche verstieß. Zu vier Jahren Gefängnis wurde er daraufhin verurteilt. Das Angebot der kommunistischen Partei, stattdessen ins Exil zu gehen, lehnte er ab. Er „werde doch bloß wegen vier Jahren Gefängnis nicht seine Verantwortung abgeben und seine Heimat verlassen“. Als er wieder draußen war, nahm er sofort seine Tätigkeit bei der Charta wieder auf. Kein Wunder, dass die Tschechen und Slowaken ihn 1990 zu ihrem Präsidenten wählten.
Vaclav Havel hoffte, das der Tod kein Schlusspunkt ist, sondern dass das Stück des Lebens auf der nächsten Bühne weitergeht.
Guido Erbrich, Roncallihaus Magdeburg