12.10.2017

350 Jahre Ursulinen in Erfurt

Kloster in stürmischen Zeiten

Seit 350 Jahren gehören die Ursulinen mit ihrem Kloster, das heute mitten in der Stadt – am Anger – liegt, zum Stadtbild von Erfurt. Dieses Jubiläum feierte der inzwischen klein gewordene Konvent mit einer Festwoche. Dazu gehörte auch ein Blick zurück auf die wechselvolle Geschichte.


Zum Konvent der Erfurter Ursulinen gehören heute neun Schwestern. Das Foto zeigt einen Teil des Konvents kurz vor dem Umzug ins neue Klostergebäde in ihrem bisherigen Refektorium. | Foto: Matthias Holluba


„Am 25. September 1667, einem Sonntag, wurde sechs Ursulinen aus Kitzingen das fast ausgestorbene Erfurter Weißfrauenkloster feierlich übergeben. Die aus Kitzingen übersiedelten Ursulinen waren die Gründerinnen des Ursulinenkonvents in Erfurt. Vier dieser Schwestern stammten aus Frankreich, zwei aus Deutschland. Um 11 Uhr vormittags soll ihnen der Schlüssel zum Kloster und zur Kirche ausgehändigt worden sein, im Anschluss daran sei das Te Deum gesungen worden, heißt es in der Chronik. Aus diesen bescheidenen Anfängen entwickelte sich der für Mitteldeutschland lange Zeit hindurch bedeutendste apostolisch tätige Frauenkonvent.“ So berichtet der Erfurter Kirchenhistoriker Josef Pilvousek über die Anfänge des Erfurter Ursulinenklosters in seinem Vortrag anlässlich des 350-jährigen Ortsjubiläums.
Seine größte Blüte hat das Kloster in den 1920er Jahren erreicht. Damals gehörten 72 Chor- und Laienschwestern zum Konvent. 400 Mädchen und junge Frauen besuchten die Schule der Ursulinen, knapp 100 von ihnen lebten im dazugehörigen Internat. 150 Kinder wurden im Kindergarten bertreut, 60 im Hort.

Ab 1933 erhebliche Einschränkungen
Die dann folgenden totalitären Regime – Hitlerdeutschland und die DDR – haben das Wirken der Schwestern in erheblichem Maße eingeschränkt. Schule und Internat wurden geschlossen, die Kindererziehung zeitweise ganz verboten. Pilvousek: „Nach 1945 gelang es den Schwestern in Verbindung mit der Caritas und den Erfurter kirchlichen Verantwortlichen, ihre ordensspezifischen Tätigkeiten trotz staatlicher Beschränkungen transformiert und erfolgreich fortzusetzen.“ Seelsorgeheferinnen wurden hier ebenso ausgebildet wie Erzieherinnen für den kirchlichen Dienst.  In Räumen des Klosters fand das Erfurter Bildungshaus St. Ursula sein Zuhause, ebenso wie nach dem Ende der DDR die Edith-Stein-Schule, ein Gymnasium mit Regelschulzweig in Trägerschaft des Bistums.
Dass die Ursulinen vor 350 Jahren nach Erfurt kamen, haben sie vor allem dem damaligen Mainzer Kurfürst und Erzbischof Johann Philipp von Schönborn zu verdanken. Er wollte nach den Wirren der Reformation und des Dreißigjährigen Krieges die Stadt und ihre Bürger befrieden und die entstandenen Defizite im katholischen Bereich kompensieren. „Mit den Ursulinen hatte er für die weibliche Jugend einen der modernsten apostolisch tätigen Orden gewählt“, urteilt der Kirchenhistoriker Pilvousek. Kurfürst und Erzbischof von Schönborn hatte als sein Ziel definiert, „in seinen Diözesen und Hoheitsgebieten dafür Sorge zu tragen, dass die Jugend beiderlei Geschlechts im Glauben an Gott gemäß der Lehre und Praxis der katholischen Kirche unterwiesen werde. Außerdem seien die Mädchen in Lesen, Schreiben und guten Sitten zu unterrichten“.
Hatte es bis zum Trienter Konzil nur Frauenorden gegeben, deren Mitglieder beschaulich und in strenger Klausur lebten, entstanden im 16. und 17. Jahrhundert Frauengemeinschaften, die sich apostolisch-karitativen Tätigkeiten widmeten. Dazu gehören auch die Ursulinen. Sie waren von Angela Merici 1535 als eine Mädchengemeinschaft unter dem Schutz der heiligen Ursula gegründet worden mit dem Ziel der Erziehung armer und sozial gefährdeter Mädchen. Pilvousek: „Dabei handelte es sich weniger um einen Orden im herkömmlichen Sinne, sondern eher um etwas, was wir heute als Säkularinstitut bezeichnen würden.“

Ölgemälde des Erfurter Ursulinenkloster aus frühester Zeit.

Den Geist nicht hinter Gittern verlieren
Die Umgestaltung der Gesellschaft der heiligen Ursula zu einem Orden mit strenger Klausur seit 1600 schien einigen damaligen Ursulinen nicht mit dem Geist der heiligen Angela vereinbar. Sie fürchteten, diesen Geist hinter dem „Gitter“ (synonym für Klausur) zu verlieren. Die Arbeit gerade für Mädchen aus sozial schwachen Milieus hätte die Klausur unmöglich gemacht. Deshalb führten die Ursulinen ein viertes Gelübde ein, das der Erziehung der weiblichen Jugend. Dieses Gelübde eröffnete ihnen die Möglichkeit, die Klausurvorschriften zu modifizieren.
Auch das Erfurter Kloster hatte immer wieder mit Gittern zu kämpfen, unterstreicht Josef Pilvousek. Am schlimmsten seien diejenigen Gitter gewesen, „wenn von außen definiert wurde, was den Schwestern von ihren ureigensten Aufgaben nicht mehr erlaubt sei oder was sie überhaupt zu tun und zu lassen hätten“. Den Schwestern sei es aber fast immer gelungen, diese Probleme zu lösen.
Heute ist der Konvent der Erfurter Ursulinen klein geworden. Er zählt nur noch neun Schwestern. Vor wenigen Monaten haben sie das Kloster, in dem sie seit 1667 zu Hause waren, aufgegeben und sind nur wenige Meter entfernt in einen Klosterneubau gezogen, der der kleinen Zahl und dem Alter der Schwestern angemessener ist. Auch mit Blick auf diese Situation zitiert Josef Pilvousek einen Satz der Gründerin Angela Merici als Wunsch zum Jubiläum: „Wenn es sich gemäß den Zeiten und Bedürfnissen ergeben sollte, etwas neu zu ordnen oder etwas anders zu machen, tut es klug und nach guter Beratung.“

Der gesamte Vortrag von Josef Pilvousek findet sich im Internet.

Von Matthias Holluba