16.11.2017

Anstoss 46/2017

Übersetzen?!

„Wozu ist eine Übersetzung denn gut?“, habe ich kürzlich die Kinder im Religionsunterricht gefragt, als um den Reformationstag herum auch die Bibelübersetzung Martin Luthers Thema war.


Die Antwort kam, wie aus der Pistole  geschossen: „Damit man es verstehen kann, ist doch logisch!“ Ja, da haben die Kinder absolut recht. Es geht um das Verstehen können, insbesondere da es für die meisten zu mühsam ist, die andere Sprache selbst zu lernen.
In meinem Bibelkreis sind da die Meinungen durchaus verschieden. So selbstverständlich wie den Kindern ist der Sinn zumindest des erneuten Übersetzens nicht, egal ob Luther-Revision oder neu überarbeitete Einheitsübersetzung.
Noch kontroverser wird es bei der Frage, im Gottesdienst für Kinder gelegentlich Übersetzungen zu nutzen, die Kindern unmittelbarer zugänglich sind und Vergleiche ein Stück mehr ins Heute holen. Ich denke, das ist legitim und wäre auch für uns  Erwachsene öfter notwendig. Andere Übersetzungen, alternative Formulierungen lassen uns nämlich aufhorchen, neu hinhören und oft auch einen Gedanken neu verstehen.
Ein Text verändert sich beim Übersetzen immer ein wenig. Es ist unmöglich, alles exakt in der anderen Sprache wiederzugeben. Verschiedene Übersetzungen machen das sichtbar, auch wenn man die Herkunftssprache nicht beherrscht. So machen (neue) Übersetzungen auch sensibel für das Mehr, das Ungesagte und Unsagbare zwischen den Zeilen. Sie helfen zu Gelassenheit, dass wir uns eben nicht um jeden Punkt und jedes Komma streiten müssen.
Diese Weite braucht es auch bei anderen „Übersetzungs“-Schritten: wenn wir das durch Menschen überlieferte Gotteswort ins eigene Leben übersetzen. Wir leben das Evangelium je auf unsere Weise und das ist gut und richtig so.
Der Glaube selbst muss für jede Zeit in diese Zeit und in jeder Kultur für diese Kultur „übersetzt“ werden. Das wird immer auch mit der Sorge einhergehen, dass etwas Vertrautes und Liebgewordenes zurück bleibt – aber es ist (über-)lebensnotwendig, damit die Frohe Botschaft in die Zukunft wachsen kann! Vielleicht ließe Jesus die fünf klugen Mädchen heute Zusatz-Akkus bereitlegen, damit ihr Licht leuchtet, wenn es darauf ankommt.

Angela Degenhardt, Sangerhausen