21.09.2017

Anstoss 38/2017

Überraschender Sonntagsgottesdienst

Sonntagsgottesdienste sind für mich eine schweißtreibende Angelegenheit. Und das liegt nicht an den Wetterbedingungen oder der Kirchenheizung. Nein, es liegt an meinem Sohn.


Aufgrund seiner Behinderung ist er sehr agil. Stillsitzen funktioniert gefühlte drei Sekunden. Während sich liturgiegemäß Stehen, Sitzen, Knien über den gesamten Gottesdienst verteilen, ist er immer in Bewegung. Nebenbei fragt er dann hörbar, ob wir jetzt gleich nach Hause gehen können oder er ist in der Kirche unterwegs, um sich irgendwelche Flyer zu holen. Ich möchte einfach nur den Gottesdienst unbeschwert mitfeiern und mit einer gewissen Andacht auch mitbeten. Stattdessen bekomme ich Schweißausbrüche und Herzrasen. Deshalb sitzen wir meistens auch in der letzten Kirchenbank, um die anderen Gläubigen nicht zu stören.
Zugegeben: es hat sich noch nie jemand beschwert. Das mag daran liegen, dass wir aus oben genannten Gründen selten den Sonntagsgottesdienst besuchen.  Mein Sohn wehrt sich ohnehin meistens gegen den Kirchgang – und weil ich möchte, dass er lernt, dass Gott zu danken und zu loben etwas Schönes ist, erspare ich uns die Tortur.
Neulich jedoch sagte er mir am Sonntagmorgen, dass er heute in die Kirche möchte. Vor meinem geistigen Auge lief schon alles ab, was mich nun erwartete – und ich suchte innerlich nach Gründen, warum wir lieber zu Hause bleiben sollten. Es fand sich kein treffender; im Gegenteil es sprach alles dafür, in die Kirche zu gehen. Die Bewegungsfreudigkeit meines Sohnes hielt sich in Grenzen (ich war entzückt) und ich konnte ohne größere Störung der Predigt lauschen. Die Predigt war wirklich toll (ich war wieder entzückt). Es schien, als hätte es genau diese Worte für mich gebraucht, die mich im Tiefsten berührten. Als der Pfarrer dann am Altar die Wandlungsworte sprach: „Nehmet und esset alle davon: Das ist mein Leib“, sagte mein Sohn laut „Danke!“. Besser hätte ich es nicht sagen können.
Warum ich das erzähle? Weil ich finde, dass es richtig gut tut und hilfreich ist, sich über seine Erfahrungen im geistlichen Leben aus-zutauschen.

Andrea Wilke, Erfurt