13.04.2017

Wolfgang Graf und Joachim Bresan sind Osterreiter

Über 50 Jahre Seite an Seite

Wolfgang Graf und Joachim Bresan sind beide seit über 60 Jahren bei der Wittichenauer Osterreiter-Prozession dabei. Seit über 50 Jahren reiten sie nebeneinander und bringen die Osterbotschaft zu den Menschen.


Seit 1960 reiten Wolfgang Graf (73) und Joachim Bresan (81) in der Wittichenauer Prozession zusammen. | Foto: privat

„Nun ist erfüllet, nun ist vollbracht“, singen Ostersonntag fünf Uhr am Morgen über 400 Reiter in der Wittichenauer katholischen Pfarrkirche. „Mit der Ostermesse beginnt unsere Prozession“, berichtet Wolfgang Graf (73). Zum 60. Mal reitet er dieses Jahr in der Prozession mit. Joachim Bresan (81) aus Sollschwitz gehört zum 66. Mal dazu. Beide reiten seit 1960 Jahr für Jahr nebeneinander. So tragen sie die Botschaft der Auferstehung Jesu in die benachbarte Pfarrgemeinde Ralbitz.

Ob bei Regen, Schneefall oder großer Hitze ...
„Eine gewisse Anspannung gehört immer dazu“, sagt Wolfgang Graf. Als 14-Jähriger ritt er erstmals in der Prozession mit. Sein Vater Jakob begleitete ihn. „Reite du an meiner Stelle“, meinte er zwei Jahre später. Wolfgang Graf suchte einen neuen Reit-Partner. Mit Joachim Bresan, der ebenfalls keinen Reitpartner hatte, fand er ihn. Am Ende der ersten gemeinsamen Prozession hieß es „Klětu zas - Nächstes Jahr wieder“. 
Damals in den 1960er Jahren war die Ausrüstung für das Osterreiten nur schwierig zu besor-gen. Gehrocke und Stiefel liehen die Reiter aus. Ostergeschirr, Sattel und Steigbügel waren in der Nachkriegszeit verschwunden: Russische und polnische Soldaten hatten sie schlichtweg beschlagnahmt. „Viele Familien kamen zu Sattlermeister Heinrich Kobalz in Wittichenau. Der fertigte neues Ostergeschirr für sie an“, erzählt Joachim Bresan.
Nahezu jede Witterung erlebten die beiden Reiter bei den Prozessionen mit. Einmal – es war Mitte der 1960er Jahre – goss es zur gesamten Prozession wie aus Kannen. Die Osterreiter konnten das Wasser aus ihren Stiefeln schütten … 1977 kam während der Prozession Schneetreiben auf. Eisiger, scharfer Wind wehte den Osterreitern in die Gesichter. „Wir versteckten uns hinter den Pferden“, erzählt Joachim Bresan. In einem anderen Jahr war es ungewöhnlich warm. Zwischen Cunnewitz und Kotten zog in der Hitze eine riesige Staubwolke herauf. Die Osterreiter mussten lange ausharren und warten. „Unterwegs gab es nichts zu trinken...“, schildert Wolfgang Graf. In den 60er Jahren nahmen 150 bis 160 Teilnehmer an der Wittichenauer Prozession teil, heute sind es bis zu 450 Reiter.
Joachim Bresan und Wolfgang Graf leben die Fastenzeit intensiv und bereiten sich so auf Ostern vor. Sie verzichten auf große Feiern und jeden Freitag auf Fleisch. Sie gehen zur Beichte. In der Pfarrkirche Wittichenau beten sie mit anderen Gläubigen den Kreuzweg, hören die Fastenpredigten. „Gerade die Fastenpredigten geben mir viel. Ich lerne immer wieder hinzu“, unterstreicht Wolfgang Graf.
Auch für Joachim Bresan sind die Fastenpredigten innere Vorbereitung auf Ostern. Mit ihnen und mit dem Kreuzweg verinnerlicht er das Leiden und Sterben Jesu. „Wann, wenn nicht zu Ostern in der Reiterprozession, habe ich die Möglichkeit, einen ganzen Tag zu beten, Gott zu danken und Gott zu preisen?“, fragt er nachdenklich. „Unsere Prozession ist ein klares Bekenntnis zum christlichen Glauben. Das ist der ganze Kern. Das ist das ganze Fundament.“ Das Leben siegt über den Tod. Die Freude über die Auferstehung soll auf andere Menschen ausstrahlen, so hofft er. 
Auf dem Hinweg nach Ralbitz am Ostersonntag-Morgen singen die Reiter in der Stadt und in den Orten Verkündigungs- und Osterlieder. Unterwegs, zwischen den Orten, beten sie den freudenreichen, den schmerzhaften, den glorreichen und den österlichen Rosenkranz sowie die Lauretanische Litanei. Auf dem Rückweg am Nachmittag erklingen vor allem Marienlieder und Kreuzverehrungslieder. Einzigartig unter den sorbischen Osterreiterprozessionen ist bei der Wittichenauer Prozession auf dem Rückweg die Kreuzverehrung zwischen Schönau und Sollschwitz sowie zwischen Saalau und Wittichenau. Ein Begleiter des Kreuzträgers reicht jedem Reiter einzeln das Kreuz. Die Reiter verehren nacheinander das Kreuz mit Kuss oder mit einem anderen Ehrengruß.

Einzige zweisprachige Osterreiter-Prozession
Etwas Besonderes bei der Wittichenauer Prozession ist außerdem die Zweisprachigkeit. Der deutschsprachige Teil – die Reiter aus der Stadt – bilden den ersten Teil der Prozession. In der Mitte wird das Osterkreuz getragen. Hinter ihm reiten die sorbischen Teilnehmer aus den einzelnen Pfarrorten. Die Reihenfolge dieser Orte wechselt immer wieder. Dieses Jahr reiten die sorbischen Teilnehmer mit dem Dorf Saalau an der Spitze.
Beispielhaft für die Wittichenauer Prozession ist das Abschlusslied zur Dank-Andacht in der Ralbitzer Kirche. Es heißt „Raduj so njebjes kralowna“ (Freu dich, du Himmelskönigin). Die Teilnehmer singen dann Strophe für Strophe abwechselnd in Deutsch und in Sorbisch. Hier spüren sie Einigkeit und Zusammengehörigkeit besonders stark. „Das Osterreiten ist eine Laienprozession. Die Initiative kommt nicht vom Pfarrer, sondern von den Gläubigen selbst in der Pfarrgemeinde“, meint Wolfgang Graf und fügt hinzu: „Ein Osterreiter nimmt ein großes Opfer auf sich. Es ist nicht nur finanzieller Art. Es ist vor allem ein körperliches Opfer.“
Einmal musste er unverhofft aussetzen. Sein Osterpferd wurde unruhig und zerriss kurzerhand das Geschirr. Wolfgang Graf nahm den Umstand gelassen. „Ich sagte mir: das musst du jetzt akzeptieren. Der Herrgott hat es so entschieden“, erinnert er sich. Auch Joachim Bresan musste ein Jahr auf die Prozession verzichten. Er hatte sich ein Bein gebrochen. „Mit Gips musste ich zusehen. Das fiel mir unglaublich schwer. Und mir kamen die Tränen“, erzählt er.  „Doch am Ende sagte ich mir ´Klětu zas´ – nächstes Jahr wirst du wieder mitreiten.“

Termine des diesjährigen Osterreitens:

  • Bautzen (ab 10.30 Uhr) -> Radibor (an 12.15 Uhr) und zurück (ab 15 Uhr)
  • Ralbitz (ab 9.15 Uhr) -> Wittichenau (an 12.30 Uhr) und zurück (ab 15.15 Uhr)
  • Wittichenau (ab 9.20 Uhr) -> Ralbitz (an 12 Uhr) und zurück (ab 15 Uhr)
  • Panschwitz-Kuckau (ab 12.45 Uhr) -> Crostwitz (an 14.15 Uhr) zurück (ab 15 Uhr)
  • Crostwitz (ab 12.15 Uhr) -> Panschwitz-Kuckau (an 15 Uhr) zurück (ab 15.30 Uhr)
  • Radibor (ab 11.45 Uhr) -> Storcha (an 13.45 Uhr) und zurück (ab 15.30 Uhr)
  • Storcha (ab 12 Uhr) -> Radibor (an 13.45 Uhr) und zurück (ab 15.30 Uhr)
  • Nebelschütz (ab 12 Uhr) -> Ostro (an 14 Uhr) und zurück (ab 15.30 Uhr)
  • Ostro (ab 12 Uhr) -> Nebelschütz (an 14 Uhr) und zurück (ab 15.30 Uhr)
  • Saatreiten Ostritz (ab 13 Uhr)

Die angegebenen Zeiten können sich bis zu einer halben Stunde verschieben.

Von Andreas Kirschke