10.08.2017

Stolperstein für Kaplan Alfons Maria Wachsmann

Trotz Herrlichkeit am Horizont

Alfons Maria Wachsmann war Kaplan in Görlitz Heilig Kreuz. Er wurde von den Nazis hingerichtet. Jetzt erinnert ein Stolperstein vor der Pfarrkirche Heilig Kreuz an ihn.


Tafel für Alfons Maria Wachsmann an der Görlitzer Heilig-Kreuz-Kirche.

 

„Opfer ungerechter Gewalt“ steht auf einer Gedenkplatte für Alfons Maria Wachsmann an der Pfarrkirche Heilig Kreuz in Görlitz. Er war dort Kaplan, wurde wegen seiner christlichen Überzeugung inhaftiert und starb unter dem Fallbeil der Nationalsozialisten. Gedenkplatten und Kreuze an und vor der Kirchenmauer erinnern seit Jahren an ehemalige und verstorbene Priester dieser Gemeinde. Nun ist ein weiterer Stein hinzugekommen. „Heute ist der Künstler Günter Demnig zu uns gekommen, um einen Stolperstein für Alfons Maria Wachsmann zu setzen, der von 1921 bis 1924 Kaplan in dieser Kirche Heilig Kreuz war. Stolpersteine erinnern an die vielen Menschen, die von 1933 bis 1945 unschuldige Opfer des totalitären, menschenvernichtenden Nazi-Regimes wurden“, sagte Pfarrer Norbert Joklitsche zur Begrüßung. Von einem „Stein des Anstoßes“ sprach der Pfarrer, weil Wachsmann  zu den Menschen gehörte, „die das geschehene Unrecht gesehen und sich darüber empört haben“. Darum musste er den „Weg der Verfolgung, der Qual und des Todes gehen“.

Der Stolperstein für Alfons Maria Wachsmann wird verlegt. | Fotos: Raphael Schmidt

Acht Monate bis zum Tod unter dem Fallbeil
Nach einem Musikstück folgte eine kurze Zusammenfassung des Lebenslaufes, über den ein Biograph schrieb: „Es war in gewisser Weise ein Vorwort für jene acht Monate bitteren Leides, die mit seinem Tode unter dem Fallbeil am 21. Februar 1944, endeten.“ Alfons Maria Wachsmann wurde am 25. Januar 1896 in Berlin geboren und wuchs nach dem Tod seines Vaters in Schlesien auf. Die leidvollen Erfahrungen als Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg führten ihn zu einer pazifistischen Einstellung. Nach Beendigung des Theologiestudiums wurde er im Juni 1921 in Breslau von Kardinal Bertram zum Priester geweiht. Seine erste Kaplanstelle trat er am 15. August 1921 in Görlitz Heilig Kreuz an. Nach zweieinhalb Jahren wurde er im Januar 1924 als Kaplan an die Herz Jesu Kirche in Berlin Prenzlauer Berg versetzt – Berlin gehörte damals noch zum Erzbistum Breslau. Am 8. Januar 1929 ernannte ihn Kardinal Bertram zum Pfarrer der Pfarrei St. Josef in Greifswald. Als solcher bezog Wachsmann früh Stellung gegen den Nationalsozialismus, in dem er ein Folterwerkzeug der Unfreiheit sah. In dem Maße, wie dieser die Unterdrückung der menschlichen Freiheit und die Missachtung der Menschenwürde ausweitete, wuchs seine Empörung.
Besonders zu schaffen machte ihm die leichte Beeinflussbarkeit der Menschen und ihre schnelle Bereitschaft, sich dem Regime zu fügen. Sein Widerstand bestand vor allem in seinem unermüdlichen Bemühen, den Menschen seiner Pfarrei und besonders den Studenten christliche Überzeugungen entgegen der Nazi-Ideologie zu vermitteln und sie zu bestärken, standhaft zu bleiben. Pfarrer Wachsmann scheute sich nicht, in Gesprächen Kritik am Regime zu üben, Maßnahmen der Nazis anzuprangern und seine Ablehnung gegenüber dem Nationalsozialismus durch Verweigerung des Hitler-Grußes und Verweigerung von Gaben bei NS-Sammlungen deutlich zu machen. Dadurch wurde er zum Staats-Feind.
Seit 1934 überwachte der damalige Staat das Telefon und seinen Schriftverkehr. Im Rahmen der Stettiner Gestapo-Aktion gegen katholische Geistliche wurde Wachsmann am 23. Juni 1943 verhaftet. Der sogenannte Volksgerichtshof, unter Leitung des berüchtigten Roland Freisler, erhob Anklage gegen Wachsmann. Am 3. Dezember 1943 wurde Pfarrer Alfons Wachsmann zum Tode verurteilt, am 5. Januar 1944 ins Zuchthaus Brandenburg-Görden überstellt und am 21. Februar 1944 dort durch das Fallbeil hingerichtet.
An der Stelle, wo er hingerichtet wurde, hat Prälat Peter C. Birkner gebetet. „Dort am Fallbeil, das war schon eindrucksvoll. Die Verlegung des Stolpersteins ist für mich eine Abrundung dessen, was ich in Görlitz betrieben habe. Wir haben uns bereits zu DDR-Zeiten darum bemüht, dass Alfons Maria Wachsmann genannt wird ,als Straßen-Name“, sagt er. Und: „Wenn die aufrichtigen Leute aus dem Bereich des Sozialismus so verehrt werden, dann müssen wir auch die nennen dürfen, die von der anderen, der christlichen Seite her ihrem Gewissen gefolgt sind.“ Die Wohnsiedlung am St. Carolus-Krankenhaus trägt seit dieser Zeit, auf Intitiative von Prälat Birkner, offiziell den Namen Alfons Maria Wachsmann.
Nachdem der Stolperstein im Gehweg vor dem Pfarrgrundstück eingebaut ist, liest Moritz Manuel Michel aus den Briefen vor, die Wachsmann im Gefängnis bis zu seiner Hinrichtung schrieb. „Pfarrer Joklitschke hat mich gefragt, ob ich bereit wäre, diese Texte vorzulesen. Mit ihm hatte ich mich zuvor nie beschäftigt. Als ich hörte, dass er viel getan hat gegen die Nazidiktatur und standhaft geblieben ist, habe ich sofort zugesagt“. Am Abend vor der Verlegung las er sich die Briefe durch. „Ich habe dabei eine Gänsehaut nach der anderen bekommen. Und da waren plötzlich die Bilder da, die ich mir als Kind bereits gemacht habe.“ Die betrafen einen Verwandten von ihm, der ebenso ermordet wurde. „Als ich las, dass Wachsmann den Tod als einen Übergang in ein anderes Leben angesehen hat, wünschte ich mir, dass ich so glauben könnte wie er.
„Trotz der Herrlichkeit des ewigen Lebens, die an den transparenten Horizonten wetterleuchtet, wird das Ausziehen des alten Kleides, das Abschiednehmen von der Erde, schwer. Ich bin ein Mensch!“, schrieb Wachsmann. (Die verlesenen Auszüge aus seinen Briefen und weitere Fotos)
Moritz Manuel Michel sagt abschließend: „Wenn ich an Stolpersteinen vorbeigehe, schaue ich immer wieder drauf. Dieser hier wird mir in besonderer Erinnerung bleiben, ganz sicher!“

Von Raphael Schmidt