26.09.2017

Religionsvertreter zur Bundestagswahl

Tiefe Besorgnis und bange Fragen

Zwischen Zäsur und Albtraum: Das Entsetzen von Religionsvertretern über das gute Abschneiden der AfD bei der Bundestagswahl ist groß.


Foto: kna
Nach der Wahl äußern sich Religionsvertreter kritisch
zum guten Abschneiden der AfD. Foto: kna

Das Entsetzen bei Religionsvertretern ist groß: Der Einzug der AfD in den Bundestag und das Abschneiden als drittstärkste Kraft ist für manche eine "Zäsur". Andere sprechen von "Alptraum". Der Zentralrat der Juden in Deutschland sieht den Bundestag vor der größten demokratischen Herausforderung seit 1949. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, fragte am Montag auch, warum Warnungen vor der AfD lange ungehört geblieben seien.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, mahnte zum Blick nach vorn und rief die Abgeordneten des neuen Bundestages zu "verbaler Abrüstung" auf. Jeder Parlamentarier habe die Pflicht, Lösungen für politische Probleme zu suchen. Die Abgeordneten müssten "die Sprache des Hasses und der Abgrenzung" unterlassen. Er warnte davor, sich nur mit der AfD zu beschäftigen und ihr so einen viel zu hohen Stellenwert einzuräumen.

Marx äußerte sich gleichwohl besorgt über zunehmenden Populismus und eine Stärkung rechter Parteien weltweit. Dahinter könnten die Suche nach Identität, aber auch der Wunsch nach Abgrenzung stehen. Als zentrale Anliegen der katholischen Kirche gegenüber der Politik nannte Marx die Sorge für Arme und Flüchtlinge, den Lebensschutz, die Förderung von Ehe und Familie sowie Europa als Friedensprojekt.

Auch der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (Zdk), Thomas Sternberg, wandte sich dagegen, die AfD besonders zu "hofieren". Es sei wichtig, "dass wir als Kirche wahrnehmen, was die Menschen dazu getrieben hat, in so hoher Zahl eine solche Partei zu wählen".

Der Berliner Erzbischof Heiner Koch sieht auch die Kirchen herausgefordert. Er kündigte an, dass sich die katholische Kirche in eine "dringend notwendige Wertediskussion und Wertebegründung" öffentlich einbringen werde. In Ostdeutschland hatte die AfD große Erfolge erzielt. Koch sagte, das Wahlverhalten dort offenbare "die Angst einer zunehmenden Zahl von Menschen vor Umbrüchen".

 

Brüche in der Gesellschaft

Brüche in der Gesellschaft macht der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick aus: "Es hat eine Bewegung von der Mitte weg stattgefunden." Weihbischof Ulrich Boom, Diözesanadministrator in Würzburg, sagte, er wünsche sich, dass jetzt alle politischen Kräfte konstruktiv ihre Verantwortung wahrnähmen. Auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, forderte ein Zusammenstehen. Es bleibe abzuwarten, ob die AfD zu rechtsradikalen Kräften in der Partei eine Trennlinie ziehe.

Foto: kna
Kardinal Marx rief zu "verbaler Abrüstung" der Abgeordneten
auf. Foto: kna

Angst und Verunsicherung: Diese Gefühle herrschten bei nicht wenigen Muslimen, betonte Mazyek. Er vermisse eine gesellschaftliche Ächtung von Äußerungen gegen Minderheiten. Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, sagte, die AfD sei offen antisemitisch und antiziganistisch.

Vertreter des Judentums äußerten sich rasch zum Ausgang der Wahl. Zentralrats-Präsident Josef Schuster am Sonntagabend prangerte "Hetze" der AfD an. Die Partei gehöre unter die Fünf-Prozent-Hürde. Für den Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, ist die AfD eine "schändliche, rückschrittliche Bewegung, die das Schlimmste der deutschen Vergangenheit in Erinnerung ruft und geächtet werden sollte".

Auch anderswo im Ausland ist die AfD Thema, so im Aufmacher der Vatikanzeitung "Osservatore Romano" (Dienstag): "Nicht zu unterschätzen" sei der Einzug von mehr als 90 Abgeordneten der AfD als einer populistischen Partei, die dem europäischen Projekt sehr kritisch gegenüberstehe.

Hamburgs Erzbischof Stefan Heße sprach dagegen von einem Erfolg der Demokraten. "Die hohe Wahlbeteiligung zeigt die solide Verfassung unserer Demokratie." Auch Sternberg betonte, dass rund 87 Prozent andere Parteien gewählt hätten. Die Forschungsgruppe Wahlen ermittelte, dass sich neun Prozent der Katholiken und elf Prozent der Protestanten für die AfD entschieden hätten.

Nach dem vorläufigem amtlichem Endergebnis erreichte die Partei, über die gerade so viel gesprochen wird, 12,6 Prozent der Wählerstimmen. Angesichts dessen meinte der Vorsitzende des Islamrates, Burhan Kesici: "So erdrückend dieses Bild auch ist, stellt sie eine neue gesellschaftliche Herausforderung dar, die Protestwähler von den hetzerisch-rhetorischen Verlockungen führender Kräfte der AfD-Politiker zu befreien und ihnen die Realität in Deutschland näher zu bringen." Hierbei seien auch Muslime gefordert.

kna