18.08.2017

Wiederaufführung eines Prozessionsspiels aus dem Mittelalter

Theatergeschichte in Zerbst

Die Vorbereitungen für die Wiederaufführung eines Prozessionsspiels aus dem Mittelalter laufen auf Hochtouren. Über 400 Beteiligte wirken mit, wenn Anfang September vorreformatorische Geschichte in die Gegenwart transportiert werden soll.


Hans-Rüdiger Schwab probt mit Mitgliedern des Reit- und Fahrvereins „St. Laurentius“ die Laurentius-Szene aus dem Prozessionsspiel. | Foto: Matthias Holluba

 

Während beim Zerbster Bürgermeister Andreas Dittmann (SPD) der Puls allmählich schneller schlägt, ist Hans-Rüdiger Schwab ruhig und gelassen. Schwab ist der künstlerische Leiter eines Projektes, mit dem Zerbst im September Theatergeschichte schreiben will. Etwa 430 Mitwirkende werden am 8., 9. und 10. September ein mittelalterliches Prozessionsspiel wieder aufführen, das zwischen 1507 und 1522 jährlich zu Fronleichnam bis zu 2500 Menschen in die Stadt lockte. „Die heutigen Mitwirkenden sind mit so viel Engagement bei der Sache, dass ich überzeugt bin, dass unser Vorhaben ein voller Erfolg wird“, sagt Schwab.
Vor fast fünf Jahren nahm die Geschichte ihren Anfang: Damals wurden eher zufällig die Originaltexte mit Regieanweisungen des seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen geglaubten Prozessionsspiels im Zerbster Stadtarchiv wiedergefunden. Was mit diesem Schatz tun? In ganz Deutschland gibt es höchstens eine Handvoll ähnlich gut erhaltener mittelalterlicher Prozessionsspiele. Keines davon ist bis heute neu aufgeführt worden. Die Verantwortlichen der Stadt und der beiden großen Kirchen waren sich schnell einig, dieses Stück vorreformatorischer, also noch gemeinsamer kirchlicher Geschichte im Rahmen des Reformationsgedenkens zu präsentieren. Mit Hans-Rüdiger Schwab, einem katholischen Theologen mit Theater- und Fernseherfahrung, wurde ein ehrenamtlicher künstlerischer Leiter und Regisseur gefunden. Mitwirkende wurden gesucht. Vereine, Gruppen, kirchliche Gemeinden, Schulen ließen sich schnell begeistern. Auch Stadtverwaltung und Landrat spielen mit – in der Szene der 14 Nothelfer. Seit mehreren Monaten laufen nun die Proben.
Das Stück dauert drei Stunden und besteht aus über 20 Szenen mit Geschichten aus dem alten und neuen Testament sowie von den Heiligen. Aufgeführt werden sie auf einer Bühne auf dem Markt und nicht wie einst im Rahmen einer Prozession durch die Stadt. Bürgermeister Dittmann ist froh, dass es gelungen ist, die ganze Stadt einzubeziehen. Er sieht sogar eine Parallele zum Anfang des 16. Jahrhunderts: „Damals herrschte Zwietracht in der Stadt: Der Rat gegen die Bürger, die Zünfte gegen die Kirchen. Wir haben 2010 eine ungeliebte Gemeindegebietsreform umsetzen müssen, nun gilt es als Stadt neu zusammenzuwachsen. Und es ist tatsächlich gelungen, Menschen aus allen 54 Orten, die heute zu Zerbst gehören, als Mitwirkende zu gewinnen.“
Hans-Rüdiger Schwab nennt drei Gründe, warum es sich lohnt, die Aufführung anzusehen: „Zunächst handelt es sich um ein Stück Geschichte der Stadt und der Region. Dann zeigt das Stück die Urlust des Menschen am Theaterspiel. Dabei möchte ich betonen, dass es uns nicht um eine religiöse, sondern um eine kulturelle Veranstaltung geht. Und schließlich werden durch das Stück Fragen in den öffentlichen Raum gestellt, auf die die Menschen auch heute eine Antwort suchen.“ In diesem Sinn freut sich auch der katholische Pfarrer Hartmut Neuhaus über das Projekt: „Wir als Christen leben in dieser Gesellschaft und wollen uns da auch einbringen. Das Prozessionsspiel kann ein Beitrag zur Sinndiskussion sein.“
Die drei Aufführungen sind eingebettet in ein buntes Wochenende in Zerbst: Neben dem Zerbster Bollenmarkt und einem Mittelalterlichen Treiben sowie Veranstaltungen zum „Tag des offenen Denkmals“ wird es ein kirchliches Programm mit Gottesdiensten und einer Fachtagung zum Prozessionsspiel geben. Bürgermeister Dittmann: „An Zerbst führt an diesem Wochenende kein Weg vorbei.“
Informationen auch zum Kartenvorverkauf im Internet: www.stadt-zerbst.de

Von Matthias Holluba