12.07.2017

Kneipengespräche

Tacheles für Toleranz

Bei Argumentationstrainings und Kneipentouren gibt die Essener Caritas Tipps, wie man Hetzparolen kontern kann. Die Deutsche Bischofskonferenz verlieh dem Projekt jetzt den Preis gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus.


Foto: Achim Pohl
Zwei Schauspieler (Mitte rechts) konfrontieren die Kneipengäste mit rechten Parolen. Foto: Achim Pohl


„Da wohnen jetzt tatsächlich Flüchtlinge in der Turnhalle und mein Kind kann dort keinen Sport mehr machen!“ Es folgt ein Fluch über Ausländer. Doch die Zuhörer wollen sich auf diese Worte nicht einlassen. Einer widerspricht: Die Kinder könnten doch auch draußen Sport machen. Die Antwort: „Es ist doch Winter und kalt draußen, das geht doch nicht. Und überhaupt bekommen die Flüchtlinge doch eh alles“.

Solche Diskussionen ergeben sich an der Ladentheke, beim Nachbarn oder in der Kneipe seit der Ankunft zahlreicher Asylsuchender in Deutschland häufiger. Der Caritasverband des Bistums Essen hat mit dem Projekt „Sach wat! Tacheles für Toleranz“ verschiedene Angebote durchgeführt, um zu zeigen, wie man sich in solchen Fällen angemessen verhalten kann. Die geschilderte Situation wurde von Schauspielern nachgestellt – für eine von der Caritas organisierte Kneipentour. So ein Abend soll laut Veranstalter „das Mundwerkzeug vermitteln, um sachlich, rhetorisch geschickt und entschieden auf menschenverachtendes Gerede zu reagieren.“

Vor kurzem erhielt das Projekt den Katholischen Preis gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus der Deutschen Bischofskonferenz (DBK). „Überall in unserem Land gibt es zahlreiche Katholiken, die sich aus ihrem Glauben heraus für ein respektvolles Miteinander und gegen menschenfeindliche Parolen einsetzen“, sagte der Jury-Vorsitzende, Hamburgs Erzbischof Stefan Heße. Der Preis wolle dieses Engagement sichtbar machen und würdigen.


Die Augen vor rechtem Terror nicht verschließen

Der DBK-Vorsitzende Kardinal Reinhard Marx warnte vor Verharmlosungen: „Wo Asylsuchende, ehrenamtliche Flüchtlingshelfer, engagierte Lokalpolitiker, Angehörige religiöser und ethnischer Minderheiten fortwährend beschimpft und eingeschüchtert werden, wo sie um ihre Sicherheit fürchten müssen und Opfer gezielter Angriffe werden, da handelt es sich um Terror von rechts. Keiner, dem an unserer Werteordnung liegt, darf die Augen davor verschließen.“

Im vergangenen Jahr führte die Caritas im Ruhrbistum insgesamt 17 Argumentationstrainings durch, begleitet von Vorträgen, Seminaren gegen Hassrede und fünf Kneipentouren. Bei den geselligen Abenden stellte das Schauspieler-Duo „Zuvielcourage“ Stammtischgespräche nach und entwickelte mit den Gästen im Anschluss Strategien gegen Populismus.

„Das war eine super Sache und ist sehr gut angekommen“, sagt Christoph Grätz von der Caritas Essen. Mehr als 600 Menschen hätten die Angebote wahrgenommen. „Wir haben versucht, die Menschen fit zu machen und für Toleranz und Fremdenfreundlichkeit einzutreten“, sagt er. Dabei ging es nicht darum, Menschen zu belehren, sondern „die mitzunehmen, die bisher eher geschwiegen haben und zurückhaltender waren“.

Besonders in den sozialen Netzwerken stieß das Projekt aber nicht nur auf offene Ohren: „Wir haben hier einen massiven Shitstorm auf Facebook erlebt, mit furchtbaren Kommentaren“, sagt Grätz. Das habe der Caritas gezeigt, dass sie den richtigen Nerv getroffen hat. „Berechtigte Kritik am Engagement der Caritas ist ja voll in Ordnung“, aber wenn jemand ein Bild von Auschwitz, mit der Überschrift „Die deutsche Bahn macht’s möglich“, in der Kommentarspalte der Caritas veröffentlicht, und damit andeuten will, dass Ausländer deportiert werden sollten, sei die Grenze definitiv überschritten.

Was kann man tun in solchen Situationen im Internet, am Stammtisch oder auf einer Podiumsdiskussion? „Man kann sich nach Verbündeten umschauen und anfangen, dazwischenzurufen oder zu buhen“, sagt Grätz. Dabei gehe es allerdings nicht darum, den Helden zu spielen und sich etwa im Bus „mit drei glatzköpfigen Männern anzulegen“. In Diskussionen sollte man stets nachfragen: „Woher weißt du das?“, „Hast du das selbst erlebt?“ Parolen dürfen nicht unwidersprochen stehen bleiben, bevor sie im Auge der Anwesenden zur Wahrheit werden.

Schon ein Satz wie „Das sehe ich aber anders“ könne ein Gespräch in eine andere Richtung wenden. Angespannte Situationen lassen sich mit Humor auflockern. Hilfreich ist es auch, die Gesprächsinitiative zu ergreifen und die Diskussion zu versachlichen. Dabei gehe es nicht unbedingt darum, jede Auseinandersetzung zu gewinnen – und auch nicht darum, alles „durch eine rosarote Brille zu sehen“.


„Das sind diese Flüchtlinge!“

In einer Gelsenkirchener Kneipe bringt einer der Schauspieler in Hausmeistermontur eine Szene auf die Bühne: „Einer von denen da oben wirft immer seine Kippen aus dem Fenster, direkt vor meine Tür! Das sind diese Flüchtlinge!“ Er redet sich in Rage, bis die ersten Gäste ihn gemeinsam und lautstark unterbrechen.

Grätz empfiehlt Interessierten, das Projekt nachzuahmen: Der Organisationsaufwand halte sich je nach Planung in Grenzen. Die Caritas erstellte eigens Banner, Flyer, Aufkleber und Bierdeckel für die Aktion. Argumentationstrainer lassen sich über Stiftungen oder die Caritas beziehen: „Man findet kompetente Leute auch zunehmend im kirchlichen Bereich“, sagt Grätz.

In den Kneipen waren auch Ausländer und Deutsche mit ausländischen Wurzeln unter den Gästen. Sie hätten „aus einer direkten Betroffenheit heraus berichtet, was ihnen in Deutschland passiert ist“. Schauspieler lassen sich über die örtliche Theater-AG anwerben – vielleicht mit finanzieller Unterstützung durch das Bistum. Mit ihnen oder mit Lehrern könne man ein Konzept entwickeln, das zur eigenen Kneipe, Gemeinde oder Schule passe.

Von Philipp Adolphs