11.05.2017

Neues Buch über den Herbst 1989 in Leipzig

Sturz der Ikonen

„Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution“ heißt ein neues Buch von Peter Wensierski über den Herbst 1989 in Leipzig und seine Vorgeschichte. Der Autor will darin mit einigen Revolutions-Mythen aufräumen.


Unter dem Titel „Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution – Wie eine Gruppe junger Leipziger die Rebellion in der DDR wagte“ erzählt der frühere DDR-Korrespondent und ehemalige Mitarbeiter des ARD-Magazins „Kontraste“, Peter Wensierski,  in romanhafter Form von einer Gruppe junger Leipziger zwischen 17 und 25 Jahren. Ende der 80er Jahre bieten sie unerschrocken dem in Agonie erstarrten SED-Staat und seinem brutalen Sicherheitsapparat die Stirn. Dabei geraten sie schnell mit den Kirchen und kirchlichen Akteuren wie dem 2014 gestorbenen Nikolaikirchen-Pfarrer Christian Führer oder dem damaligen Leipziger Superintendenten Friedrich Magirius in einen harten Konflikt.

Gespräch mit 40 Protagonisten des Widerstands in Leipzig
Das Buch von Peter Wensierski wirft einen ernüchternden Blick hinter die Kulissen der legendären Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche, die als Keimzelle der gewaltlosen Proteste im Herbst 89 gelten. Dabei basiert die 1988 beginnende und im September 1989 endende authentische Geschichte auf zahlreichen Interviews und Gesprächen, die Wensierski mit 40 Protagonisten des damaligen Widerstands in Leipzig über Monate geführt hat. Einige von ihnen stellten ihm zudem ihre alten Tagebücher und Aufzeichnungen zur Verfügung. Weiteres Material fand er in Archiven oder Verhörprotokollen der Stasi.
Mit der Kirche haben viele der Oppositionellen nicht viel am Hut, andere kommen zwar aus christlichen Elternhäusern und studierten Theologie, sehen aber die Beschwichtigungs-Politik der evangelischen Kirche in der DDR mit dem SED-Staat extrem kritisch. Um sich entfalten und politisch agieren zu können, brauchen sie aber das schützende Dach der Kirche und schlüpften zunächst einmal da unter. Sie organisieren sich in Basisgruppen zu Themen wie Umwelt, Frieden, Gerechtigkeit und es geht ihnen um Freiheit, ein selbstbestimmtes Leben und Demokratie.
Ihr öffentliches Podium ist das montägliche Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche. Systematisch politisieren sie die Veranstaltung und sprengen immer wieder absichtlich den Rahmen der Fürbittandachten, den die Kirchenleitung vorgesehen hat. Sie rufen zu Demonstrationen gegen die Umweltzerstörung in und um Leipzig auf oder sammeln öffentlich Geld für einen inhaftierten Mitstreiter.
Die Zahl der Besucher der politisierten Friedensgebete wächst so schnell in die Hunderte, darunter viele Unzufriedene und Ausreisewillige. Im Sommer 1988 erhöhen die DDR-Behörden schließlich massiv den Druck auf die Kirchenleitung, weitere Auftritte der Basisgruppen zu unterbinden. Magirius und Führer verwehren ihnen nach der Sommerpause die weitere Gestaltung der Friedensgebete. Sie dürfen zwar weiterhin dabei sein, aber nicht mehr ans Mikrofon. Führer wendet sich dagegen, die Kirche „zum Plenarsaal herabzuwürdigen“. Der innerkirchliche Koordinator der Friedensgebete, Pfarrer Christoph Wonneberger, wird von seiner Aufgabe entbunden. De facto kommt das einem Rausschmiss gleich.
Innerhalb der Kirche ist die Entscheidung von Magirius und Führer nicht unumstritten, aber die Unterstützer der Unangepassten lassen sich an zwei Händen abzählen. Neben Wonneberger sind es nur einige wenige in der Leipziger Pfarrerschaft wie Rolf-Michael Turek, Klaus Kaden oder der katholische Priester Hans-Friedrich Fischer.
Couragiert und weitgehend angstfrei tragen die Rebellen um Uwe Schwabe, Gesine Oltmanns, Katti Hattenhauer, Michael Arnold oder Jochen Lässig ihren Widerstand nun auf die Straße. Es folgen Protestaktionen gegen das Verbot sowjetischer Filme zur Leipziger Dokumentarfilmwoche im November 1988 oder ein unangemeldeter Luxemburg-Liebknecht-Gedenkmarsch im Januar 1989 mit zahlreichen Verhaftungen.

Erzählen, wie es aus Sicht der Beteiligten wirklich war
Im Frühjahr 1989 wird die Unzufriedenheit in der DDR immer größer und die Basisgruppen dürfen zurück in die Nikolaikirche. Nach der Sommerpause entscheidet sich Christian Führer gegen den entschiedenen Einspruch der SED-Bezirksleitung, am 4. September 1989 die Friedensgebete wieder aufzunehmen. Im Anschluss kommt es vor Westkameras zu einer ersten größeren Demonstration. In der ersten Reihe laufen die Leipziger Rebellen mit einem Banner „Für ein offenes Land mit freien Menschen“. Die Stasi reißt es herunter, die Demo ist aber nicht mehr aufzuhalten. Der Rest ist Geschichte.
Er habe dieses Buch gemacht, weil er unzufrieden damit war, wie die Geschichte des Leipziger Herbstes bislang erzählt wird, sagt Peter Wensierski: „Ich wollte erzählen, wie es aus der Sicht der Beteiligten wirklich war.“ Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, spricht von einem „Denkmal für die mutigen Leute, die damals in Leipzig in der ersten Reihe gelaufen sind“.
Die Protagonisten selbst sprechen von einem „großen Geschenk“, das ihnen gemacht wurde. Dass in der bisherigen Geschichtsschreibung Akteure wie Christian Führer oder Friedrich Magirius zu unerschrockenen Revolutions-Ikonen hochstilisiert wurden, habe ihn schon geärgert, sagt Uwe Schwabe. „Aber irgendwann habe ich gedacht: Lass sie doch machen. Aber vielleicht war das falsch.“

Peter Wensierski: Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution – Wie eine Gruppe junger Leipziger die Rebellion in der DDR wagte; SPIEGEL-Buch, ISBN: 978-3-421-04751-9; Preis: 19,99 Euro

Von Markus Geiler

Meinung: „Was hätten Sie seinerzeit für die Menschen getan?“
von Matthias Holluba

Jede Revolution braucht ihre Draufgänger und kompromisslosen Hitzköpfe. Peter Wensierski hat diesen Protagonisten der Friedlichen Revolution in der DDR in seinem Buch „Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution“ ein Denkmal gesetzt. Die Engagierten in den Umwelt-, Friedens- und Menschenrechtsgruppen haben eine wesentlichen Anteil am Ende der DDR. Dass der Autor aber zugleich die damaligen Verantwortlichen für die Leipziger Friedensgebete – insbesondere Superintendent Magirius und Nikolaikirchenpfarrer Führer – in einem extrem schlechten Licht erscheinen lässt, ist über das Ziel hinaus geschossen, auch wenn kritische Anfragen gerechtfertigt sind.
Der geschilderte Konflikt ist in zahlreichen Veröffentlichungen über das Leipziger Friedengebet behandelt. Es ging um die Frage: Wie politisch darf eine kirchliche Andacht sein? Im Hintergrund stand die Frage, wie weit darf die Kirche politische Oppositionsarbeit unterstützen, ohne ihren Status quo zu gefährden. Dieser Status quo ermöglichte es ja der evangelischen Kirche in der DDR erst, zum schützenden Dach für die Basisgruppen zu werden. Und er ermöglichte der Kirche, in gewisser Freiheit ihrer Aufgabe nachzukommen, das Evangelium zu verkünden. Dass es auch anders gehen könnte, zeigte die Kirchenpolitik in anderen Ostblock-Staaten. (Die katholische Kirche hatte die Frage übrigens damit beantwortet, dass sie sich bis auf ganz wenige Ausnahmen und bis auf die letzten DDR-Jahre politisch völlig abstinent verhielt.)
Dem ein oder anderen kirchlich Verantwortlichen jetzt vorzuwerfen, er haben etwa aus übertriebener Ängstlichkeit damals falsch gehandelt, ist mit dem sicheren Abstand von fast 30 Jahren Geschichte und unter den Bedingungen einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft nicht nur zu einfach, sondern in den meisten Fällen falsch. Johannes Hempel, 1971 bis 1994 sächsischer Landesbischof, antwortete 1995 in einem Interview auf die Frage nach seinem Umgang mit den kirchlichen Basisgruppen mit einer Gegenfrage. Beim Besuch der Leipziger Friedensgebete seien ihm zweimal Zettel von Ärzten zugesteckt worden, die ihm darauf mitteilten, dass sie angewiesen seien, sich auf Schusswaffenverletzungen vorzubereiten: „Was hätten Sie seinerzeit in gleicher Position und Situation für die Menschen getan?“ Eine Antwort erhielt er nicht.