20.04.2017

50. Sühnekreuzweg im Konzentrationslager Sachsenhausen

Stärker als der Tod

Der 50. Sühnekreuzweg im Konzentrationslager Sachsenhausen war erneut ein Weg des Gedenkens. Er ist zugleich die Geschichte vom Zusammengehen zweier Dekanate in Ost und West.


Etwa 200 Gläubige gingen am Palmsonntag von Station zu Station. | Fotos: Marina Dodt


1. Station: Das Lagertor. „Ich sah, wie die Judenzüge (in Buchenwald) ankamen … Man musste die gefrorene Leichenmasse der stehend gestorbenen, stehend zusammengefrorenen polnischen Juden, die wie Kegel auf den Lagerbahnsteig fielen, mit Gewalt auseinanderbrechen, um ein paar Überlebende zu finden…“
Das Lagertor, Vorhof zur Hölle, Scheidepunkt zwischen zwei Welten, zwischen Leben und Tod. Durch die Nähe zu Berlin und damit zur Gestapozentrale nahm das 1936 errichtete Konzentrationslager (KZ) Sachsenhausen eine Sonderrolle ein. Zudem war es der erste große KZ-Komplex nach den von Himmler erteilten Vorgaben, ein „vollkommen neuzeitliches, modernes, jederzeit erweiterbares“ Lager zu errichten – Perfektion, Perversion und Prototyp des Todes, dem 50 000 der über 200 000 hier inhaftierten Menschen auf grausamste Weise zum Opfer fielen.

Berichte Überlebender – und die Klagelieder des Alten Testaments
Seit 1961 ist das einstige KZ Ort des Gedenkens, seit genau 50 Jahren auch in Gestalt des Sühnekreuzwegs. Zunächst initiiert durch die Pfarrgemeinde und das Dekanat Oranienburg, findet er seit der Wende in enger Partnerschaft und gegenseitiger Verantwortung mit dem Dekanat Reinickendorf statt. In diesem Jubiläumsjahr lag die Vorbereitung bei den Reinickendorfern und in den Händen von Pfarrer Stefan Friedrichowicz, der für die diesjährige Andacht erneut Berichte von Überlebenden aus deutschen KZ’s, etwa aus Jorge Sempruns „Die große Reise“, und die fünf Klagelieder aus dem Alten Testament auswählte.
2. Station: Der Appellplatz. „Da standen nun plötzlich auf dem Bahnsteig, im Schnee … etwa 15 jüdische Kinder … Die SS-Männer ließen die Hunde los und begannen mit Knüppeln auf die Kinder einzuschlagen … und jagten jedem der Kinder … eine Kugel durch den Kopf.“
Unfassbar das Böse, doch unvergessen die Opfer. Ingrid Klaschka aus Oranienburg ist diesen Kreuzweg der Kleinsten und all der anderen Häftlinge seit dem ersten Sühnekreuzweg mitgegangen, „um derer zu gedenken, die hier so furchtbar gelitten haben“. Und sie erinnert sich an ihre Jugendzeit, als sie die meditativen Texte auf der Schreibmaschine abgeschrieben und mühselig vervielfältigt hat. Auch Barbara Scholz und Diakon Seyer aus Königswusterhausen sind schon mindestens das 40. Mal dabei. „Mein Opa ist hier umgekommen“, erzählt Hans-Joachim Seyer – all das unaussprechliche Leid hat für ihn einen Namen.
3. Station: Krematorium. „‚Ein gemütliches Zimmer, nicht wahr?, sagte hinter mir die grauhaarige Frau… ‚Wohnen sie hier schon lange?‘, fragte ich. ‚O ja‘, sagte sie, ‚sehr lange schon.‘ ‚ Und wenn abends die Flammen aus dem Krematoriumsschornstein schlugen,‘ fragte ich …‘sahen Sie dann die Flammen des Krematoriums?‘“
Das Gespräch einer alten Frau am Fenster ihres Wohnzimmers nach der Befreiung, es ist nicht nur ein Gespräch zwischen Häftling und An- oder vielleicht besser gesagt Beiwohnerin des Massenmordes. In ihm stellt sich die allgemeinmenschliche Frage nach Wissen und Wegsehen, nach Angst und Mut, nach Schuld und Verantwortung für die Kreuzwege damals wie in unserer Zeit.
4. Station: Sowjetisches Speziallager des NKWD (Volkskommissariat für innere Angelegenheiten). „Mein lieber Sohn … dein Vater und mein lieber Mann (wurde) abgeholt mit Militärpolizei den 1. September 45 morgens früh …und mußte (im Lager) 12 Jahre verbleiben … Dies alles hat aber prifate Hintergründe, weil Sägemüllers Aloys eine Bauschreinerei hat machen wollen, welches er dann auch gethan und deinen Vater, welcher die Zimmerwerkstätte gehabt, diese nicht gegönnt.“
Denunziation aus Neid, Missgunst, Fanatismus – wie vielen mag es so ergangen sein, wie Matthias Fernkorn in jenem mundartsprachlich verfassten Brief einer Mutter. Im August 1945 wurde das Gelände des KZ Sachsenhausen Speziallager der Sowjetischen Militäradministration. Auch diese waren Todeslager, allein in Sachsenhausen mit 12 000 Opfern.

Der Dank des Erzbischofs gilt den „50-Jährigen“ und langjährigen Teilnehmern. Hier ist er im Gespräch mit Ingrid Klaschka.

Die Erinnerung der Tochter an den unbekannten Vater
Dem vorgetragenen Brief der Mutter nach einer literarischen Erzählung von Theodor Weißenborn schließen sich auf dem Weg zur nächsten Station eigene Gedanken an, so die Erinnerung einer Tochter an ihren unbekannten Vater. „Jedes Jahr bei dem Sühnekreuzweg in Sachsenhausen die Trauer, ihn nicht gekannt zu haben“, sagt Josepha-Maria Kadenbach aus Luckenwalde über ihren Vater Arno Ertner, ein aus dem christlichen Widerstand bekannter Glaubenszeuge, der 1941 in Sachsenhausen inhaftiert wurde und später im KZ Dachau umkam. Auch wenn sie ihn nie kennenlernen durfte, sei sie stolz auf ihn, „der sich nicht gebeugt hat, der niemanden verraten hat“.
5. Station: Bunkerbau.  „Deutschland, Deutschland ohne alles, ohne Butter, ohne Speck und das bisschen Marmelade frisst uns die Verwaltung weg … Komm, Wilhelm Pieck, sei unser Gast und gib was du versprochen hast…“
Dieses Flugblatt brachte Paul Radtke aus einem Dorf bei Köthen 1947 zehn Jahre Arbeitslager wegen „antisowjetischer Hetze“ ein. – Anmaßende Maßlosigkeit, wenn Gott nicht mehr das Maß aller Dinge ist.
Im Nachgang, 6. Station: Hoffnung. Der offizielle Sühnekreuzweg am Palmsonntag 2017 geht seinem Abschluss entgegen, doch es ist nicht das Ende. Auch hier, an diesem Ort der Hölle, sei ­Christus zu den Menschen ­hinabgestiegen in das Reich des Todes und schenkt damit die Hoffnung und Zuversicht, „dass er auch in die Dunkelheit und das Elend meines Lebens hinabsteigt“, mit diesem Zuspruch entlässt Erz­bischof Koch die Besucher und mit dem Blick auf Ostern: Christus hat die Hölle überwunden. Die Liebe und das liebevolle Gedenken sind stärker als der Tod. Die Menschen, die hier starben, leben weiter im Gedenken derer, die in den vergangenen 50 Jahren hierher kamen oder heute das erste Mal dabei sind, so wie die Allerkleinste noch im Tragetuch.

Zur Sache: „Stein des Anstoßes“ und der Impulse
„‚Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist.‘ (Röm 8,38)  – Zum Gedenken an etwa 700 katholische Geistliche aus Polen, Deutschland und weiteren europäischen ­Nationen, die gemeinsam mit vielen Christen an diesem Ort gelitten haben“, so lautet die Inschrift eines 2006 gesegneten Gedenksteins des Erzbistums Berlin. Dieser Stein solle im tieferen Sinne ein „Stein des Anstoßes“ bleiben, so seine Initiatoren und Schöpfer, ein Anstoß und Impuls für Christen im Erzbistum Berlin, die hier Jahr für Jahr am Palmsonntag den Kreuzweg beten, wie für die vielen Besucher der Gedenkstätte: die Erinnerung wachzuhalten an diese Geistlichen und an alle Menschen, welcher Konfession, Religion oder politischen Überzeugung auch immer, die an diesem und an ähnlichen Orten schuldlos gelitten haben.

Von Marina Dodt