29.06.2017

Anstoss 26/2017

Schwäche zeigen

Die besten Geschichten schreibt das Leben, heißt es im Volksmund. Das stimmt. Manch eine klingt wie ein Märchen und ist doch wirklich so passiert. Genau so eine Geschichte las ich neulich in meiner Tageszeitung:


Ein Vater war mit seiner Tochter in ein großes Schnellrestaurant in Erfurt gegangen. Dort sah er, wie ein Mitarbeiter des Restaurants einer älteren Dame beim Essen half. Sie konnte ihre Hände nicht bewegen und brauchte seine Hilfe. Das ist wirklich ein ungewöhnliches Bild. Ein Mitarbeiter eines Schnellrestaurants, in dem es – wie der Name schon sagt – für gewöhnlich schnell zugehen muss, nimmt sich die Zeit, um einen älteren Menschen zu füttern.
Der Vater jedenfalls war so gerührt, dass er diese Beobachtung auf Facebook veröffentlichte. Sie kam bestens an, und so verbreitete sich diese gute Nachricht in Windeseile und bekam viel Zuspruch.
Auch ich war beim Lesen dieses Zeitungsbeitrags gerührt und dankbar zugleich. So stelle ich mir ein Zusammenleben, eine Gesellschaft vor. Eine Gesellschaft, in der man sich gegenseitig hilft, in der niemand aufgrund eines Handicaps, seiner Herkunft oder seines sozialen Standes ausgeschlossen wird. Zuerst kreisten meine Gedanken um den Mitarbeiter, der seine Mittagspause geopfert hatte, um der Dame zu helfen (später wurde ihm dies jedoch als Arbeitszeit angerechnet). Doch dann blieben sie bei der älteren Dame hängen. Ganz schön mutig von ihr, in ein Schnellrestaurant beziehungsweise überhaupt allein in ein Restaurant zu gehen, wohlwissend, dass sie allein es gar nicht schaffen würde, das bestellte Essen zu sich zu nehmen. Sie hatte wohl eine Menge Vertrauen investiert, dass jemand ihr helfen würde.
Eigentlich hat sie es uns allen gezeigt: Ich nehme trotz meines Handicaps am Leben teil, ich verstecke mich nicht, versuche nicht, mich irgendwie damit durchzuwurschteln. Ich bin eine Herausforderung – und es ist an euch, sie anzunehmen.
Wieviel Mut braucht es, sich auch mit seinen Schwächen, und damit meine ich jetzt nicht nur körperliche Behinderungen, zu zeigen? Wenn ich meine Schwächen offenbare, signalisiere ich doch damit auch, dass ich Hilfe brauche, es allein nicht schaffe. Hilfe geben ist zweifellos großartig. Hilfe erbitten und sie annehmen, zeigt nicht weniger Größe.

Andrea Wilke, Erfurt