11.02.2016

Ignatianische Spiritualität der Jesuiten lädt zu Gespräch mit Gott ein

Schmerz, Freude, Staunen

Berlin. Was ist Spiritualität überhaupt? Der Jesuitenpater Joachim Gimbler beantwortet die Frage mit: „Spiritualität ist eine Lebenshaltung, eine Weise, das Leben zu denken, zu verstehen und daraus zu handeln. Jeder hat eine Lebenshaltung, bewusst oder unbewusst.“

Mens sana in corpore sano: Nach vier Stunden Meditation braucht der Körper etwas Bewegung. Zum Beispiel einen Spaziergang in der freien Natur. Von dieser Bank am Lietzensee aus kann Pater Joachim Gimbler SJ auf seine Kirche St. Canisius in Berlin-Charlottenburg blicken. Foto: Alexandra Wolff

Daraus entsteht schon die zweite Frage: Wo findet man Inspiratio­nen, um solche Lebenshaltungen zu entwickeln? Für den Jesuiten ist klar: „In Exerzitien, das heißt zunächst in ‚besonderen Zeiten der Aufmerksamkeit‘. Es gibt viele Angebote: Das mögen Fahrrad-, Segel-, Wanderexerzitien sein oder Exerzitien im Alltag.“ Ignatius von Loyola, Mitbegründer und Gestalter des Jesuitenordens, sei hier aber strenger: „Jesuitische Exerzitien haben eine klare und strenge Struktur. Sie wollen einen Prozess im Menschen einleiten, ihn zu einem Leben aus dem Evangelium motivieren und mit dem Anschauen Jesu konfrontieren. Das kann man durch Meditation, beziehungsweise durch Betrachtung üben.“

Zwei Mal im Leben 30 Tage lang eine Auszeit
Jeder Jesuit nimmt sich jedes Jahr acht bis zehn Tage und zwei Mal im Leben sogar 30 Tage dafür eine Auszeit, ein Luxus, ja, aber auch ein Abenteuer: Einmal, wenn er in das Noviziat eintritt, das heißt, sobald die zweijährige Zeit beginnt, um den Orden kennenzulernen, und dann nochmal 15 Jahre später, nach Jahren der Erfahrung und des „jesuitischen Arbeitens und Lebens“. „Wenn ein Jesuit seine ersten Gelübde ablegt, bindet er sich an den Orden“, erläutert Pater Gimbler. „Aber erst nach 15 Jahren, bei den sogenannten ‚feierlichen Gelübden‘, bindet sich der Orden auch an ihn.“ Heißt konkret: In den ersten 15 Jahren kann man noch aus dem Orden austreten, danach wird es schon bedeutend komplizierter.  
Beim Meditieren in den Exerzitien geht es um Lebensbetrachtungen und darum, sein Leben vor Gott zu bringen. Vier Stunden lang soll man während der Exerzitien jeden Tag in Zurückgezogenheit über Passagen seines Lebens oder der Heiligen Schrift meditieren.
Ein erfahrener Exerzitienbegleiter steht einem dabei zur Seite. Er ist der äußere Gesprächspartner, der innere ist Gott. „Das Geschöpf soll mit Gott alleine sein“, sagt der Pater. „Der Leiter soll im täglichen Gespräch dazu ermutigen, immer einen Schritt weiter zu gehen. Das muss jemand sein, der diesen Prozess selbst durchlebt hat. Er zeigt einen Weg auf, wie man sich nicht in der Meditation verliert, wie man lernt, die ‚Geister zu unterscheiden‘.“ Das heißt, man soll die Bewegungen der Seele spüren und erkennen, welche Sehnsüchte einen weitertragen. „Das ist ein ganzheitlicher Prozess, den man auch mit Körperübungen unterstützen sollte, mit Yoga beispielsweise“, fügt der Jesuit noch hinzu. „Der Körper muss gesund sein, sonst kann man nicht vier Stunden sitzen. Der Körper braucht Bewegung. Am besten in der Natur.“
Die gut vier Wochen der langen Exerzitien haben jeweils eine eigene Dynamik: In der ersten Woche gilt es, sich seines Fundaments bewusst zu werden, sich klar zu machen, dass Gott mich geschaffen hat. „Man muss sich darauf einlassen: Gott darf mich anschauen. Erst dann habe auch ich keine Angst mehr, mich selbst anzuschauen“, ist Pater Gimbler aufgefallen. „Ignatius hat gesagt, dass ich in dieser Woche erlebe, dass ich ein ‚Sünder‘ bin. Ich erfahre die Macht meiner Unvollkommenheit, die Unvollkommenheit meines Hoffens und Liebens, die Ohnmacht, in meiner Angst und meinem Egoismus gefangen zu sein. Die Bibel nennt dies ‚Sünde‘. Diese Ohnmacht tut weh, sie schmerzt, weil man sich nicht selbst daraus befreien kann. Aber dann spüre ich, dass Gott trotzdem zu mir steht, dass er mich trotzdem liebevoll anschaut, mich zum Leben einlädt. Dieser Prozess läuft bei jedem so, ein Prozess voll Schmerz und Freude, voll Staunen.“

Folge ich Jesus oder der Eitelkeit der Welt?
Wenn man also jetzt weiß, wer man ist, kann man in die zweite Woche starten und erfahren, was man tun soll. „Nun gilt es, das Leben Jesu zu betrachten. Wie hat er seinen Weg gefunden?“, erläutert der Jesuitenpater. „Ich folge seinen Spuren und erfahre immer mehr, wer und wie Gott ist.“  
Am Ende der zweiten Woche steht eine Entscheidung an. „Ignatius nannte sie die Zwei-Banner-Betrachtung: Folge ich Jesus oder der Eitelkeit der Welt?“, führt Pater Gimbler aus. „Wenn ich der Einladung Jesu folge, stellt sich doch die ernsthafte Frage: ‚Aber wem folge ich da?‘ Das ist niemand, der nur Glanz und Gloria kennt, sondern auch Ohnmacht und das Kreuz. Ich erkenne, dass das Leid das Leben schwer macht und niederdrückt, dass viel Leid nicht von mir kommt, ich es aber dennoch aushalten, mich ihm stellen muss. Das ist ein heftiger Prozess. Denn das Böse soll nicht als Böses weiterwirken, sonst entsteht ein Teufelskreis.“ Ein Teufelskreis, den Jesus unterbrochen hat, indem er selbst das Leid ausgehalten hat.
In der vierten Woche wird man vertraut mit Gott als dem, der unauslöschbare Freude und ein unwahrscheinlich starkes Leben schenkt. So hat es Pater Gimbler empfunden: „‚Ich stehe zu dir.‘ Das ist kein abstrakter Satz! Dieser Satz muss meine Biografie füllen. Bis in die letzten Fasern. Sonst bin ich unerlöst und glaube nicht  wirklich daran, dass Gott es gut mit mir meint, dass die Macht seiner Liebe und Herrlichkeit stärker ist jeder Tod.“

Hintergrund
Als Jesuiten werden die Mitglieder der katholischen Ordensgemeinschaft Gesellschaft Jesu (lat.: Societas Jesu, Ordenskürzel: SJ) bezeichnet, die ein sechsköpfiger Freundeskreis um Ignatius von Loyola am 15. August 1534 gegründet hat. Als offizielles Gründungsdatum gilt der 27. September 1540, der Tag, an dem Papst Paul III. die ersten Regeln bestätigt hat. Neben den Evangelischen Räten (Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam) verpflichten sich die Ordensangehörigen auch zu besonderem Gehorsam gegenüber dem Papst.
Die Bezeichnung Jesuiten wurde zunächst als Spottname gebraucht, später hat sie aber auch der Orden selbst übernommen.

Übung zur ignatianischen Spiritualität
Ein Stück ignatianischer Spiritualität kann jeder in seinen Alltag integrieren. Jesuitenpater Joachim Gimbler empfiehlt dazu das „Gebet der Liebenden Aufmerksamkeit“:
Zuerst sollen Sie zur Ruhe kommen. Atmen Sie bewusst, zünden Sie sich eine Kerze an.
Schauen Sie dann auf den Tag zurück: Ist mir heute etwas geschenkt worden? Nehmen Sie bewusst das Gute in den Blick. Spüren Sie, wofür Sie dankbar sein möchten.
Fragen Sie sich danach: Wo fordert mich das Leben heraus? Wo gab es Spannungen? Konflikte? Wo bitte ich um Klarheit und Kraft?
Schließen Sie ab mit dem Gedanken: Ich und mein Leben sind gesegnet. Ich kann mein Leben in Gottes Hände legen.
Machen Sie das Kreuzzeichen dann ganz bewusst: Der Vater ist über mir. Der Sohn ist in mir. Und der Heilige Geist schützt mich von links und rechts.

Von Alexandra Wolff