12.10.2017

Glaubenszeugnis der Märtyrer als Ansporn für das eigene Leben

Einen Schatz ins Licht rücken

Sechs der 108 polnischen Naziopfer, die Papst Johannes Paul II. 1999 seligsprach, haben ihr Leben in Dresden verloren. Der Dresdner Pfarrer Gerhard Röhl sieht ihr Glaubenszeugnis als Ansporn für das eigene Leben als Christ.


Pfarrer Röhl zeigt Radegundis und Steffen Wackwitz aus der Paulus-Pfarrei Totenbuch-Kopien. | Foto: D. Wanzek

Auf dem Gebiet unserer Pfarrei haben Märtyrer gelebt? Die Katholiken der Dresdner St.-Paulus-Gemeinde waren überrascht. Unter den Opfern des Nationalsozialismus, die Johannes Paul II. soeben in Polen seliggesprochen hatte, waren auch sechs junge Männer, die ihre letzten Lebenswochen in der Richtstätte am Münchner Platz verbracht hatten.
Selbst Gerhard Röhl, dem damaligen Gemeindepfarrer von  St. Paulus, war erst im Zuge der Seligsprechung bewusst geworden, dass zehn Fußminuten von seinem Pfarrhaus entfernt fünf Jugendliche aus dem Posener Oratorium der Salesianer Don Boscos und ein Steyler Missionar aus dem polnischen Jarecin enthauptet worden waren. Sogleich begab er sich auf Spurensuche – und wurde fündig im Totenbuch seiner Pfarrei. Dort waren die Namen aller sechs jungen Männer verzeichnet: Jarogniew Wojciechowski, Edward Kaźmierski, Czesław Jóźwiak, Eduard Klinik und Franciszek Kęsy unter ihrem Hinrichtungsdatum 24. August 1942, Bruder Grzegorz Boleslaw Frackowiak mit Datum 5. Mai 1943. Einer seiner Amtsvorgänger, der Oblatenpater Franz Bänsch, hatte die jungen Männer auf ihrem letzten Weg begleitet, fand Gerhard Röhl heraus. Pater Bänsch besuchte sie – wie hunderte anderer Todeskandidaten auch – in ihrer Zelle, tröstete sie und betete mit ihnen. In seinen Aufzeichnungen hat er unter anderem den letzten Wunsch eines der Posener Jugendlichen festgehalten: „Halten Sie Ihr Kreuz ganz hoch, damit es für uns alle das letzte ist, was wir in diesem Leben sehen“.
Der Pfarrer wollte mehr über die jungen Polen erfahren und über den Seelsorger, der ihnen zur Seite gestanden hatte. „Ihr Glaubenszeugnis ist ein Schatz, den wir nicht hoch genug schätzen können“, war er überzeugt. Seine Nachforschungen führten Pfarrer Röhl bis ins hessische Hünfeld zum Mutterhaus von Pater Bänschs Oblatenorden und bis nach Posen. Im dortigen Oratorium, einem Jugendhaus der Salesianer Don Boscos, hatten die fünf Jugendlichen prägende Erfahrungen gemacht. Sie hatten dort tragfähige Freundschaft mit Gleichaltrigen erlebt, waren in ihren Talenten gefördert worden, hatten gelernt, ihren Glauben im Alltag zu leben und Verantwortung zu übernehmen – schließlich auch in einer Widerstandsgruppe. Als „ganz normale, fröhliche Jugendliche“ beschreiben Weggefährten sie in dem Dokumentarfilm „Die Jungs von der Wroniecka-Straße“. Gerhard Röhl bekam den Film in Polen geschenkt und ließ ihn ins Deutsche übersetzen.
Zu einem außergewöhnlichen Zeugnis ihres Glaubens wurden die Jungen wohl erst in der Haft herausgefordert, lässt der Film vermuten. Im September 1940 wurden alle fünf verhaftet und verbrachten die folgenden Monate – zum Teil getrennt – in verschiedenen polnischen und deutschen Haftanstalten. Sehr bewusst hielten sie dort an ihrer Glaubenspraxis fest und nahmen dafür harte Strafen in Kauf. Beispielsweise wurden sie geschlagen und mussten in hüfttiefem kalten Wasser stehen, weil sie religiöse Lieder gesungen hatten. Die Abschiedsbriefe, die sie in ihren letzten Lebenstagen an ihre Familien schickten, zeugen von einem angesichts ihrer misslichen Lage ungewöhnlich tiefen Gottvertrauen.
Auch ihr Seelsorger hat Ungewöhnliches geleistet, hebt Pfarrer Röhl hervor. Nach Gesprächen mit älteren Gemeindemitgliedern, die den 1961 verstorbenen Pater Bänsch noch persönlich kannten, kann er nur ahnen, wie sehr es ihn innerlich erschüttert haben muss, Hunderten von Enthauptungen beizuwohnen, ohne darüber mit irgendeinem Menschen reden zu dürfen, nicht einmal mit seinen Ordensbrüdern. „Eigentlich hätte auch Franz Bänsch die Seligsprechung verdient“, findet er, nach allem, was er über ihn in Erfahrung gebracht hat. Immerhin: Eine Dresdner Straße ist nach dem Oblatenpater benannt, und auch der Caritas-Kindergarten in Dresden-Plauen trägt seinen Namen. Für beides hatte Pfarrer Röhl sich stark gemacht.

Bei der Gedenkfeier zum 75. Todestag der fünf Posener (24. August) an der Hinrichtungsstätte. | Foto: Andreas Golinski

Auf seine Initiative gingen auch die internationalen Jugendbegegnungen zurück, an denen in den Jahren nach der Jahrtausendwende bis zu 170 junge Christen aus Polen, Tschechien, Mexiko und Deutschland teilnahmen. Das Gästebuch der Plauener Gemeinde zeugt von Besuchern, die sich von weither aufmachen, um den Dresdner Spuren der Märtyrer zu folgen. „In Dresden selbst scheint das Interesse im Vergleich dazu eher gering“, bedauert der Priester, der nach mehreren Schlaganfällen seit 2010 im Ruhestand  lebt. Er freut sich über jede Initiative, die den Schatz der Dresdner Märtyrer ins Licht rückt, so wie beim „Kreuzweg der Hoffnung“, der Bischof Heinrich Timmerevers im März mit Chemnitzer und Dresdner Gläubigen auch an die Gedenkorte der Märtyrer führte oder bei der Gedenkfeier zum 75. Todestag der fünf Jugendlichen, mitgestaltet von Schülern des Dresdner-St.-Benno-Gymnasiums und polnischen Jugendlichen.

Zur Sache: Gedenk-Orte
In Dresden gibt es vier Orte, die an die Dresdner Märtyrer erinnern:

  • Katholische Hofkirche: Ein Seitenaltar ist allen Märtyrern des Naziregimes gewidmet, insbesondere dem Seligen Alojs Andritzki, den anderen im Konzentrationslager Dachau umgekommenen Priestern und den polnischen Märtyrern. 
  • Gedenkstätte Münchner Platz: Zu besichtigen ist hier noch die (nicht gekennzeichnete) Zelle, in der die polnischen Jugendlichen ihre letzten Wochen verbracht haben. In der Dauerausstellung der Gedenkstätte finden sich Hintergrundinformationen zu den verschiedenen Opfergruppen, die in der Dresdner Richtstätte starben.
  • St. Paulus-Kirche: An die Märtyrer erinnert eine Kunst-installation im Pfarrgarten sowie eine Gedenktafel in der Kirche mit den Namen der sechs jungen Männer. Dort sind auch Briefumschläge der Abschiedsbriefe ausgestellt, die sie aus der Todeszelle an ihre Angehörigen schrieben.
  • Neuer Katholischer Friedhof: Seit 2003 gibt es ein steinernes Mahnmal für die Märtyrer, die dort beigesetzt wurden. Die genaue Grabstelle ist nicht bekannt.
Den Umschlag des Abschiedsbriefs von Jarogniew Wojciechowski bekam Pfarrer Röhl in Posen geschenkt.

Von Dorothee Wanzek