05.07.2017

Auszeit für Familien

Ruhe für Geplagte

„Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt“, sagt Jesus im Evangelium. Besonders Familien, die solche Lasten tragen, schöpfen auf kirchlichen Ferienfreizeiten Kraft. Ein Besuch im Kolpinghaus Salzbergen.


Foto: Heike Sieg-Hövelmann
Auch eine Planwagenfahrt mit Picknick gehört zum Programm. Foto: Heike Sieg-Hövelmann


Es ist morgens kurz nach neun. Die Kapelle auf dem Gelände mit Fachwerkhäusern und großzügigen Wiesen füllt sich. Nach dem gemeinsamen Frühstück treffen sich alle hier zum Morgenimpuls. „Kommt in die Mitte!“, ermuntert Kolping-Familienreferentin Sandra Rickermann die Kinder. Einige setzen sich neben sie und verfolgen ihr Gitarrenspiel. Begeistert singen sie mit, hören eine Geschichte und melden sich aufgeregt, als die Leiterin der Freizeit fragt: „Wer von Euch ist noch nie in einem Planwagen mit Pferdekutscher gefahren?“

Rickermann versteht es, die Vorfreude auf den Nachmittag zu schüren. Schließlich geht es ihr und ihrem ehrenamtlichen Team auch darum, dass sich bei den zwanzig Familien, die ins Kolpinghaus Salzbergen im Emsland gekommen sind, Urlaubsfeeling einstellt. „Ausflüge sind wichtig“, meint sie. „Dann können die Kinder später in der Schule berichten, was sie Tolles in den Sommerferien erlebt haben.“ Selbst wenn es keine Fernreise war. Denn für die Jüngsten ist es ihrer Erfahrung nach gar nicht so wichtig, wer weiß wohin zu fahren. Besondere Momente gebe es auf der Freizeit reichlich: Sei es im Spiel, beim Werken, bei einer Nachtwanderung, beim Zoobesuch oder einer Feuermeditation zu leiser Musik unterm Sternenhimmel.

„Neben der Arbeit nicht kochen, einkaufen und aufräumen zu müssen, ist für mich Luxus pur und total entlastend“, meint Nina Meier*. Die 31-Jährige ist mit ihren beiden Töchtern hier. Bereits zum zweiten Mal. Als alleinerziehende Mutter genießt sie das intensive Zusammensein mit ihren Kindern, das bewusst mit angeleiteten Aktionen gefördert wird. Denn das Motto der Freizeit lautet: „Zeit für die Familie“. An diesem Morgen können sich Mütter, Väter und Kinder kreativ austoben. Draußen gibt es an drei Tischen verschiedene Bastelangebote: Groß und Klein können gemeinsam einen Bilderrahmen für Fotos gestalten, ein Windlicht anfertigen oder ein eigenes Familienwappen auf weißem Tuch erstellen.


Ein Angebot besonders für die, bei denen das Geld knapp ist

„Im Alltag bin ich vor lauter Hektik oft richtig ausgelaugt und schnell gereizt“, berichtet die junge Frau. Daher täte es den Mädchen und ihr gut, in anderer Umgebung zur Ruhe zu kommen. Der Erholungseffekt halte bei ihr zwar leider nicht lange an, aber manche Anregungen nehme sie schon mit nach Hause. Da sich alle Teilnehmer duzen, sei die Atmosphäre zwanglos. „Man kommt gut ins Gespräch, und es ist leicht, neue Freunde zu finden. Sowohl für die Kinder als auch für uns Erwachsene“, sagt Nina Meier.

Seit 2010 gibt es das Angebot des Kolpingwerk-Diözesanverbands Osnabrück. Eingeführt wurde es, wie es im Werbeflyer heißt, weil für immer mehr Familien das Geld knapper wird, um in den Sommerferien wegzufahren. Das bestätigt auch eine Studie der Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen: Demzufolge wird sich künftig nur noch jede zweite Familie einen gemeinsamen Urlaub leisten können. Für die Kolping-Freizeit zahlt dank Spenden und Zuschüssen eine Familie maximal 215 Euro – Übernachtungen, Verpflegung, Fahrtkosten, Eintrittsgelder und Freizeitangebote inklusive.

„Genau ein solches Angebot haben wir gesucht“, erklärt Yvonne Geers. „Wir sind das zweite Mal dabei und nehmen das als Trauertherapie.“ Denn ihre Familie hat tatsächlich eine schwere Last zu tragen: Vor zwei Jahren, spricht die 38-Jährige offen weiter, hätten sie ihre älteste Tochter verloren. „Das traf uns vollkommen unerwartet. Sabrina hatte nachts im Bett einen plötzlichen Herzstillstand.“

Die junge Mutter ist gerade mit ihren Söhnen Thies (7) und Claas (9) dabei, das Familienwappen zu entwerfen. Vater Torsten schaut den Dreien über die Schulter und hat Klein-Bente auf dem Arm, der vor drei Jahren mit Down-Syndrom auf die Welt kam. Zur Familie gehört noch eine 18-jährige Tochter, die aber in diesem Jahr nicht an der Freizeit teilnimmt. „Wir hätten uns einen normalen Urlaub gar nicht leisten können und sind auch nicht die Typen, die gern am Strand liegen“, fügt der 40-Jährige hinzu. „Wir mögen Familienfreizeiten mit Aktivitäten. Das lenkt uns ab, wir lernen nette Menschen kennen, und es tut vor allem unseren Kindern gut.“


Hier kann man auch über Sorgen und Belastungen sprechen

Es sei ihnen als Eltern ein großes Bedürfnis, über die geliebte Tochter zu sprechen. „Das ist hier zum Glück möglich und erwünscht, denn es dreht sich ja immer wieder alles um Familie“, betont Yvonne Geers. In ihrem Wohnumfeld seien viele unsicher und würden den Schicksalsschlag als Thema lieber umgehen. „Doch wir wollen nicht, dass Sabrina in Vergessenheit gerät“, versichert ihr Ehemann. Verdrängen und Verschweigen sei für sie kein gangbarer Weg. Das Familienwappen mit allen Namen ihrer fünf Kinder nimmt mehr und mehr Gestalt an. Im Mittelpunkt steht in schönen Buchstaben der Spruch geschrieben: „Familie ist, wo das Leben beginnt und die Liebe niemals endet.“

*Name auf Wunsch der Betroffenen geändert

Von Heike Sieg-Hövelmann