20.07.2017

Die DDR und Martin Luther

Revolutionär der Arbeiterklasse

Die DDR-Führung deutete Anfang der 1980er Jahre Martin Luther neu - doch die Aktion entwickelte sich zum Eigentor: Evangelische Gemeinden gewannen an Selbstbewusstsein und wurden zur Keimzelle der Friedlichen Revolution.


Luther-Gedenkjahr 1983 in der DDR: Der Thüringer Bischof Werner Leich (links) und DDR-Partei- und Staatschef Erich Honecker nach dem Festakt am 21. April 1983 zur Wiedereröffnung der Lutherstätte Wartburg. Foto: epd



„Wir feiern Luther nicht im Festsaal, sondern an der Werkbank, auf dem Feld, am Computer. Der Geist, der Luther in Wittenberg glauben, arbeiten, kämpfen und lieben hieß, war auch mit denen, derer wir gedenken, wenn wir von Auschwitz hören.“ Agitprop, also „Agitation und Propaganda“, war eine Königsdisziplin der DDR. Zumindest dachte sie das. Als 1983 der 500. Geburtstag des Reformators anstand, hatte der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker eine Idee: das bis dahin herrschende Luther-Bild vom ostdeutschen „Fürstenknecht“ umzudeuten.
„Hitler war nur der letzte Furz von Luther“, hatte der Publizist Joseph Roth in den 30er Jahren vulgär formuliert. Die neue Devise hieß nun: Luther als Held der Arbeiterklasse, als Revolutionär gegen das herrschende Unrecht seiner Zeit. Eine solche Umwertung aller Werte schien verlockend – und ziemlich einfach zu bewerkstelligen. Man bekam einen neuen Revolutionär beziehungsweise eine ganze religiöse Bewegung auf seine Seite, konnte Devisen von Westtouristen einsammeln – und zugleich noch die BRD herausfordern. Dass die Idee von ganz oben kam, war der Sache umso förderlicher.

Geschichtswissenschaft im Dienst der sozialistischen Ideologie
Die Führung in Ostberlin rief also für 1983 ein Lutherjahr aus und warf die Agitprop-Maschine an. Innerparteilicher Widerstand wurde plattgewalzt. Ein Chefhistoriker 1981: „Das Proletariat
entscheidet selbstständig, wer Gegenstand von Verehrung ist ..., aufgrund seiner Erfahrung im Kampf mit den Unterdrückern.“ Geschichtswissenschaft im Dienste der herrschenden Ideologie.  Der Göttinger Historiker Hartmut Lehmann: „Fast will es scheinen, dass diejenigen, die Luther feierten, immer zuerst und vor allem sich selbst feierten – ihre eigene politische Position, ihre eigenen kulturellen Werte, ihre jeweiligen kirchenpolitischen Ansichten.“
Das Ausstellungskonzept von damals, das derzeit im Wittenberger „Haus der Geschichte“zu besichtigen ist, verteilte den Schwarzen Peter genial neu: Rom – gleich die Bonner Erben des Feudalismus, so der Subtext –, Rom also „braucht Geld für Paläste. Doch in Wittenberg verweigert Luther den Gehorsam. Er will Jesus mit dem Glauben ehren und nicht mit dem Mammon. Luther sieht Jesus: geboren im Schafstall, nicht im Palast.“ Auch ein Westdeutscher wurde bemüht: „Luther war der Mann, in dessen Hirn die Revolution beginnt“, ließ man den Trierer Karl Marx sagen.
Tatsächlich schien das Konzept, den aufsässigen Augustinermönch in den diplomatischen Dienst der DDR aufzunehmen, zu verfangen. Die Wanderausstellung wurde international bestens angenommen; in vier Sprachen wurde sie in 61 Länder ausgeliefert. Der Rivale BRD fühlte sich nun seinerseits genötigt, in das Luther-Thema einzusteigen.
Die deutsch-deutschen Aktivitäten der damaligen Diplomatie in den Akten nachzuvollziehen, ist nicht ohne Komik; etwa Honeckers West-Interview-Kampagne im „Stern“ und den „Lutherischen Monatsheften“ oder der Besuch des Berliner Regierenden Bürgermeisters Richard von Weizsäcker beim Kirchentag in Wittenberg – im Stasi-Jargon „Operation Waldkauz“ genannt. Überhaupt: Das Lutherstädtchen wurde eilig zum Potemkinschen Dorf aufgewertet, bis hin zum Fassadenanstrich im tiefen Januar.
Doch der er rief die Geister, wurd‘ sie dann nicht los. Honeckers Idee begann aus dem Ruder zu laufen. Die evangelische Kirche in der DDR, bis dato für Jahrzehnte erfolgreich kleingehalten, wurde durch das Luther-Gedenken aufgewertet - und empfand das offenbar auch so. Man bekam Freiräume, organisierte sich, sprach miteinander und entwickelte ein neues Selbstbewusstsein. Die Keimzelle dafür, dass Kirchengemeinden zum Ende des Jahrzehnts geistige Heimatorte, Schutzdach und verbale Trichter für Regimegegner werden konnten.
Jürgen Sparwasser hatte mit seinem 1:0-Siegtor bei der Fußball-WM 1974 in Hamburg dem Klassenfeind BRD so richtig wehgetan. Die Vereinnahmung Martin Luthers als einem „der größten Söhne des deutschen Volkes“ wurde nur wenige Jahre später zum folgenschweren Eigentor Honeckers. Er läutete damit, ohne es zu wissen, das letzte Kapitel der DDR ein.

Hinweis: Ausstellung
Die Sonderausstellung „Thomas Müntzer... für ein Reich göttlicher Gerechtigkeit“ und „1483-1983“ mit DDR-Erinnerungskultur in Ausstellungsfragmenten ist bis 5. November im Haus der Geschichte in Wittenberg, Schlossstraße 6, zu sehen. Geöffnet Di-So, feiertags: 10-18 Uhr; Tel. 0 34 91/ 40 90 04; Internet

Von Alexander Brüggemann