07.09.2017

Anstoss 36/2017

Qwahlen

Seit einiger Zeit habe ich auf meinem Handy eine Trainings-App. Das Versprechen ist groß. Mit nur sieben Minuten Training am Tag werde ich meine Ausdauer und Fitness in kürzester Zeit verbessern.


Leider merke ich davon noch nicht viel. Das liegt allerdings nicht an der App. Es liegt an mir. Ständig finde ich Gründe, das Training ausfallen zu lassen. Mal bin ich zu müde, mal habe ich zu viele Termine, mal ist es zu zeitig, mal zu spät und so weiter. Die beste App taugt nichts, wenn ich nicht mitmache. Es ist halt eine Trainings App und keine Wünsch-dir-was-App.
So ähnlich fühle ich mich im Augenblick, wenn ich an die Bundestagswahlen am 24. September denke. Als sei Deutschland ein einziges großes Wünsch-dir-was-Land. Der eine verspricht neue Ideen, die andere aufmerksam zuzuhören. Der eine verspricht mehr Freiheit im Netz, die anderen gesundes Essen. Die einen werben mit dem Frieden, die anderen wollen uns das Land zurückgeben, wem auch immer sie da etwas zurückgeben wollen. Ich habe den Verdacht, es ist wie bei meiner App. Es wird nicht funktionieren, ohne dass wir mitmachen. All die schönen Versprechen werden uns etwas kosten.
Das wäre doch mal ein Wahlkampf. Alle legen die Karten auf den Tisch und sagen, was es uns kosten wird, um auf diesem hohen Niveau weiter zu leben. Geht nicht, höre ich sofort, weil es politischer Selbstmord wäre.
Geht, sage ich. Im Evangelium hält Jesus mit der Wahrheit nicht hinterm Berg. Wer überlegt, ob er Jesu Jünger sein will, „verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Lukas 9,23). Wahrscheinlich habe ich mich deshalb für Jesus Christus entschieden. Er verlangt viel. Aber wenigstens weiß ich, woran ich mit ihm bin.
Bleibt immer noch die Wahl in 14 Tagen. Es ist schwer. Ich weiß noch nicht, wo ich mein Kreuz machen werde. Aber ich bin skeptisch denen gegenüber, die mir allzu viel versprechen. Deutschland ist kein Wünsch-dir-was-Land. Es ist nicht damit getan, irgendwo ein Kreuz zu machen. Übrigens auch so eine Forderung von Jesus Christus: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört“ (Matthäus 22,21). Auf gut Deutsch: Du hast eine Verantwortung für das Land, in dem du lebst.

Marko Dutzschke, Jugendpfarrer Cottbus