05.07.2017

Zeitzeuge über den Biafra-Krieg und die Zukunft Nigerias

"Populismus bringt uns nicht weiter"

50 Jahre nach Beginn des Biafra-Krieges fordern im Südosten Nigerias vor allem junge Menschen wieder einen souveränen Stadt. Anders als die meisten Biafra-Anhänger hat Obiora Ike (61) den Krieg und dessen Grausamkeiten miterlebt. Eine Spaltung Nigerias bringe niemanden weiter, sagt der katholische Priester im Interview. Ike hat in Deutschland studiert, als Professor und als Generalvikar in Nigeria gearbeitet. Heute leitet er das Netzwerk Globethics in Genf.


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Der katholische Pfarrer Obiora Ike
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Monsignore Ike, wenn Sie das Wort Biafra hören, was fällt Ihnen spontan ein?
Ich muss automatisch an den Krieg denken. Es war ein Krieg, in dem Kinder leiden mussten, obwohl sie ihn gar nicht verstanden haben. Es war ein Krieg, der die Schlechtigkeit der Menschen zum Vorschein gebracht hat und das komplette Versagen der früheren britischen Kolonialmacht.


Nigeria ist 1960 unabhängig geworden. Der Krieg begann am 6. Juli 1967. Warum hat Großbritannien Ihrer Meinung nach versagt?
Die Kolonialpolitik hat die Menschen auseinandergetrieben. Warum besetzt man ein Gebiet und bevorzugt eine ganz bestimmte Gruppe? Im Januar 1966 war es schon zu einem Staatsstreich gekommen. Damals waren einige Offiziere mit Politikern und der Korruption im Land unzufrieden. Der Putsch hatte nichts mit ethnischer Zugehörigkeit zu tun. Aber die Briten sagten: Es waren die Igbos, die den Coup gegen die Haussa verübt haben.


Hätte es anders laufen können?
Wir mussten bis zum Putsch sechs Jahre lang mit dem fertig werden, was Großbritannien uns hinterlassen hat. Die Briten haben Nigeria in Eile verlassen. Freiwillig wollte niemand gehen. Diese Ära von Imperialismus, Arroganz und Räuberei wurde zurückgelassen. Sechs Jahre später gab es kein solides Fundament, das Nigeria zusammengehalten hätte. Großbritannien war aber nicht alleine. Auch andere europäische Staaten haben Länder einfach besetzt und Menschen zu ihren Untertanen gemacht. Deutschland macht keine Ausnahme: Wie kann man ein Land Deutsch-Südwestafrika nennen? Wie kann Namibia deutsch sein?


Welche Rolle haben nigerianische Politiker nach der Unabhängigkeit gespielt?
Sie haben gut von ihren einstigen "Herren" gelernt. Sie waren ebenso egoistisch und haben vor allem daran gedacht, wie viel in ihre eigenen Taschen wandert. Niemand hat Zukunftsideen für Nigeria entwickelt.


Sie haben Ihre ersten Lebensjahre im Norden Nigerias verbracht und sind aufgrund der politischen Entwicklung vor Kriegsbeginn nach Enugu gegangen. Woran erinnern Sie sich?
Beim Staatsstreich im Januar 1966 war ich zehn Jahre alt. Wir lebten damals in Kano und gingen an diesem Sonntag zur Kirche. Auf dem Weg zurück warfen Leute mit Steinen auf vorbeifahrende Autos. Im Mai gab einen zweiten Coup. Es kam zu einem Pogrom, bei dem an nur zwei Wochenenden wohl 30.000 Menschen starben. Sie kamen aus jener Region, die später als Biafra bezeichnet wurde, und sie waren Igbos. Auch wir mussten zurück in den Südosten gehen und wurden Flüchtlinge. Es gab für uns keine Unterkünfte. Ich erinnere mich noch, dass sich 20 Menschen ein Zimmer teilen mussten.


Trotz des anschließenden Krieges, der bis Januar 1970 dauerte und bis zu zwei Millionen Todesopfer forderte, gibt es im Südosten mehrere Bewegungen, die erneut ein unabhängiges Biafra fordern. Dazu gehört IPOB, die Bewegung Indigener Menschen für Biafra. Unter den Anhängern sind viele junge Menschen.
Viele von ihnen haben weder den Krieg gesehen noch ausreichend darüber erfahren. Das liegt auch daran, dass die Regierung Geschichte gar nicht unterrichten lässt. Im Fall Biafras ist es legitim, Fragen zu stellen und Gerechtigkeit zu fordern. Es muss eine Diskussion entstehen. Allerdings ist Biafra heute von der Landkarte verschwunden. Es war einmal ein Land.


Kann Nigeria stattdessen heute als ein Land funktionieren?
Ja! Es gibt doch große Länder, die unterschiedliche Sprachen sprechen: China, wo 1,5 Milliarden Menschen leben. Indien hat 1,2 Milliarden Einwohner. Es funktioniert. Die USA haben mehr als 300 Millionen Einwohner. Nigeria hat nur zwischen 180 und 200 Millionen Einwohnern - warum sollte das nicht gehen?


Wer in Nigeria unterwegs ist, vermisst oft ein Wir-Gefühl. Man identifiziert sich über seine ethnische, religiöse und geografische Zugehörigkeit. Was vereint Nigerianer heute?
Da gibt es viele Dinge. In erster Linie ist es unsere Menschlichkeit, die uns eint. Dann der Faktor, dass wir alle Afrikaner sind. Dazu kommt das tropische Klima und die Tatsache, dass wir das gleiche Essen essen. Nicht wie Briten, die Brot und Butter essen. Für uns ist es Yams, Cassava und Ziegenfleisch. Wir sehen auch ähnlich aus - es dürfte schwierig sein, einen Nordnigerianer von jemanden aus dem Süden zu unterscheiden. Religion vereint uns ebenfalls, da sie im Alltag von großer Bedeutung ist. Wir mögen es, mit anderen zusammen zu sein, und achten unsere Eltern und Großeltern.


Was muss konkret geschehen, um aus Nigeria wieder eins zu machen?
Nigeria ist ein riesiges Land, das jedem Potenzial bietet. Aber wir brauchen Gerechtigkeit, Fairness und Respekt. Jeder muss das Recht auf eigene Entscheidungsmöglichkeiten haben.


Ist das in einer globalisierten Welt möglich?
Wir müssen uns globalisieren und dabei einen Platz für jeden Menschen finden. Populismus und neuer Nationalismus, wie er etwa von Donald Trump propagiert wird, bringen uns nicht weiter. Im Gegenteil: Wir müssen vorangehen, uns in Nigeria vereinen, aber auch innerhalb unserer afrikanischen Familie, in der es nicht auf Rasse, Sprache und ethnische Zugehörigkeit ankommt. Das ist unsere Zukunft. Das ist übrigens auch die Geschichte der katholischen Kirche. Davon kann Nigeria lernen.

kna