07.09.2017

Torsten Wolf (Die Linke) in der Kindertagesstätte St. Marien Niederorschel

Politiker macht Kita-Praktikum

Torsten Wolf von der Fraktion „Die Linke“ im Thüringer Landtag arbeitete auf Einladung von Caritas und LIGA der Freien Wohlfahrtspflege in der Kindertagesstätte St. Marien in Niederorschel.


Linken-Politiker Torsten Wolf bei seinem Alltags- Praktikum in der katholischen Kindertagesstätte in Niederorschel. | Foto: Jola Hempel, Caritas

Erfahrungen eines Politikers beim Kindergarten-Besuch: Die Kleinen singen für ihn, er bedankt sich, dann folgt das Gespräch mit den Erwachsenen. Torsten Wolf aus Jena, Vater von zwei Kindern, bildungspolitscher Sprecher der Fraktion „Die Linke“ im Thüringer Landtag, Mitglied im Haushalts- und Finanzausschuss, kennt das. Seine Visite Anfang August im katholischen Kindergarten „St. Marien“, zur gleichnamigen Pfarrgemeinde im Eichsfeldort Niederorschel gehörend, verlief anders. Als er die Einladung der Caritas erhielt, so der Landtagsabgeordnete, habe er gleich zugesagt. Zum ersten Mal hatte ihn sein Weg in die von Daniel Meitzner geleitete Einrichtung geführt. In der Gruppe „Zwergenland“ – hier werden ein- und zweijährige Mädchen und Jungen betreut – hat er im August an einem Vormittag zwei Stunden lang den ganz normalen Alltag erlebt und mitgestaltet. Das bedeutete beispielsweise: Mit den Erzieherinnen 14 „Zwerge“ für das Spiel im Freien anzuziehen und draußen zu betreuen, Obst kindgerecht zu schnippeln, Essensportionen auszuteilen, die Jüngsten zu füttern, die Schlafliegen für die Mittagsruhe aufzustellen …
Als alle „Zwergenland“-Kinder mittags schliefen, war er Gesprächspartner in einer Erwachsenenrunde, bestehend aus Vertretern des Caritasverbandes für das Bistum Erfurt, Erziehern, Elternvertretern und Pfarrer Dietmar Ruhling. Denn was Ein- und Zweijährige herzlich wenig interessiert, beschäftigt zurecht die Großen: die Aktion „Qualität hat Vorfahrt – Kitas brauchen gute Rahmenbedingungen“.
Die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege in Thüringen e.V. bietet Thüringer Politikerinnen und Politikern mehrstündige Kindergarten-Praktika an. „Die Politiker sollen an Ort und Stelle, im Austausch mit den Erzieherteams und Elternvertretern erfahren, wo der Schuh drückt.“ So charakterisierte Manuela Kocksch, Referentin für Kindertageseinrichtungen im Caritasverband, die LIGA-Aktion. Die LIGA ist der Zusammenschluss der sechs Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege im Freistaat, zu dem auch die Caritas gehört. 60 Prozent aller Thüringer Kindergärten befinden sich in Trägerschaft eines LIGA-Mitgliedes, die anderen 40 in Trägerschaft von Kommunen.

Notwendig: Mehr Personal in den Kindertagesstätten
Gegenwärtig wird im Freistaat über die Neufassung des „Thüringer Kindertagesstättengesetzes“ diskutiert. Auf der Grundlage des bestehenden Handlungsbedarfs hat die LIGA fünf Kernforderungen formuliert, um die es auch bei den Politiker-Praktika geht: Personalschlüssel verbessern, Personalkontinuität sichern, Leitungsanteile erweitern, Fachberatung individuell gestalten, Inklusion ermöglichen. Das sei kein „Wünsch-dir-was“, sondern das seien Notwendigkeiten, denen mit den entsprechenden Finanzen Rechnung getragen werden müsse, wurde im Gespräch deutlich.
Allein beim Thema „Personalschlüssel“ besteht im Land Nachholebedarf, geht es doch darum, die Kinder mit Fachkräften bedarfsgerecht zu umsorgen, zu bilden und zu erziehen. Kita-Leiter Daniel Meitzner hob hervor: „Qualität im Kindergarten bedeutet auch Ruhe und Zeit zu haben für Kinder und Eltern, keine Massenabfertigung. Unsere Erzieherinnen brauchen kontinuierliche Arbeitsverträge über einen längeren Zeitraum.“ Der Personalschlüssel müsse nicht nur das zahlenmäßige Verhältnis von Fachkräften und den anvertrauten Kindern bestimmter Altersstufen aufzeigen. Berücksichtigt werden müssen dabei – und damit beschäftigt sich besonders Jola Hempel, Abteilungsleiterin Gesundheit und Erziehung des Caritasverbandes – der höhere Betreuungsaufwand in der Eingewöhnungsphase neuer Kinder und die Mehrbelastung des Personals, wenn Kolleginnen und Kollegen wegen Urlaub, Krankheit oder Fortbildung fehlen.

Alltagserfahrungen für die parlamentarische Arbeit wichtig
Fachberater Oliver Lausch, ebenfalls Caritasverband, nahm mit auf den Weg, was bereits in den genannten Forderungen festgeschrieben ist: Die Träger wünschen sich entsprechend ihrer Leitbilder die uneingeschränkte eigene Auswahl des zu ihnen passenden Fachberatungspersonals.
Nach seinen praktischen Kindergartenerfahrungen unterstrich Torsten Wolf, ein solcher Tag sei für die parlamentarische Arbeit sehr wichtig, um ein Gefühl dafür zu bekommen, worauf es ankomme, was in den Blick genommen werden müsse.

Von Christine Bose