22.08.2012

Kommentar

Orthodoxes Armutszeugnis

Von Daniel Gerber

Es geschah nicht während einer Messe, es wurden keine Gegenstände beschädigt, niemand wurde körperlich verletzt. Nicht länger als eine Minute dauerte die Protestaktion der drei Frauen von Pussy-Riot gegen den Präsidentschaftskandidaten Putin im Februar. Klar: Es war eine dumme Aktion. Eine, die die religiösen Gefühle vieler Gläubiger verletzt hat. Eine, die eine Geldstrafe, vielleicht Sozialstunden gerechtfertigt hätte. Aber niemals eine Aktion, für die zwei Jahre Haft angemessen ist. Das ist genauso absurd wie die Tatsache, dass es in der Urteilsbegründung eine große Rolle spielte, dass die Bandmitglieder farbige kurze Kleidchen trugen und eine Gitarre in ein Gotteshaus mitbrachten. So absurd, wie erschreckend.

Ein weiteres Mal hat „Zar“ Putin sein erschreckendes Gesicht gezeigt. Und mit dem politischen System hat auch die russisch-orthodoxe Kirche ein Armutszeugnis abgelegt. Wie im alten Zarenreich ist die russisch-orthodoxe Kirche in enge Personalunion mit dem herrschenden Putin-System getreten. Nicht zu ihrem Vorteil. Als der Schriftsteller Leo Tolstoi vor hundert Jahren in seinem Roman „Auferstehung“ auch die unbarmherzige Kälte der orthodoxen Kirche, die trotzdem die Botschaft der Liebe predigte, anmahnte, wurde er exkommuniziert. Eine christliche Kirche, die aber nicht auf der Seite der Schwachen steht, die nicht barmherzig handelt, ist unglaubwürdig. Heute wie damals. Genauso unglaubwürdig wie die Aussagen der russisch-orthodoxen Kirche kurz vor dem Urteil – ähnlich wie Putin es machte – die dem Gericht noch ein mildes Urteil empfahlen. Wer kann das glauben, wenn die Aktion zuvor als großangelegter Angriff auf die Kirche gebrandmarkt und die ganze Härte des Gesetzes von manchem orthodoxen Kirchenoberen gefordert wurde.

Das  jetzige Urteil scheint Russland nur weiter zu spalten. Gleiches gilt für die russisch-orthodoxe Kirche. Anzeichen sind Protestschreiben Gläubiger oder die Reaktion eines russischen Diakons, der aufgrund des Urteils aus der Kirche ausgetreten ist. Die russisch-orthodoxe Kirche, wie jede andere christliche Kirche, muss auf der Seite derer stehen, die ihre Barmherzigkeit nötig haben. Dessen sollten sich jetzt auch die katholischen Verantwortlichen bewusst sein, die es in der Folge der Pussy-Riots Affäre mit Protestaktionen im eigenen Gotteshaus zu tun hatten. Selbstverständlich: Auch das waren dumme Aktionen, die nicht akzeptierbar sind. Dennoch gilt es auch hier angemessen und vor allem christlich glaubwürdig zu reagieren.