20.12.2017

Immer mehr Menschen verlassen Venezuela

One-way-Ticket von Caracas nach Lima

Sie wollen nur eins: Weg aus Venezuela. Immer mehr Menschen verlassen das Land und fliehen vor Lebensmittelknappheit, Inflation und Kriminalität.

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Ein Slum bei der venezolanischen Hauptstadt Caracas. Immer mehr Menschen verlassen das krisengebeutelte Land. Foto: kna


"Das ist ja wie bei den Deutschen im zweiten Weltkrieg, als die Juden flüchten mussten", sagt die Frau um die 60 mit unterdrückter Wut in der Stimme und Tränen in den Augen. "Da fährt mein dritter Sohn weg", sagt sie und winkt dem Reisebus mit den abgedunkelten Scheiben nach, der wie jeden Tag um 16 Uhr nachmittags vom Busbahnhof El Paraiso in Caracas abfährt. Drinnen sitzen Venezolaner, die nur eins wollen: weg aus Venezuela und in Kolumbien, Ecuador, Peru oder Chile eine neue Zukunft aufbauen.

In Venezuela herrschen Hyperinflation, Hunger, Kriminalität, Lebensmittelknappheit. Es fehlt an allem, sogar an fahrtüchtigen Autos und Bussen, und dies in dem Land mit dem wohl weltweit billigsten Benzin. Der Jesuit Alfredo Infante hat vor 17 Jahren den Jesuiten-Flüchtlingsdienst in Südamerika aufgebaut. Heute ist er Seelsorger im Armenviertel La Vega in Caracas, organisiert jeden Tag Mittagstische für 1.200 hungernde Kinder und muss zusehen, wie ein Gemeindemitglied nach dem anderen wegzieht.

"In einem Viertel hatten 25 Kinder die Erstkommunionvorbereitung begonnen, 12 sind am Ende übriggeblieben. 13 sind mit ihre Eltern außer Landes gereist", berichtet der Pater. Zuerst waren es die gut ausgebildeten Mittelschichten, die das erdölreiche, von einer linksnationalistischen Regierung geleitete Land Richtung Europa und Nordamerika verließen. Seit die Inflationsrate steigt, Lebensnotwendiges unerschwinglich wird, und zudem keine Hoffnung mehr auf baldige politische Änderung besteht, brechen Venezolaner aller Gesellschaftsschichten auf.

 

Zwei Millionen Venezolaner sollen ihr Land bereits verlassen haben

Mindestens zwei Millionen Venezolaner sollen bereits das Land verlassen haben, genaue Zahlen sind nicht verfügbar. Viele von ihnen suchen eine neue Perspektive jenseits der Anden in Peru. Einer von ihnen ist der 52-jährige Jose Gregorio Escalona, der nach fünftägiger Busfahrt in der peruanischen Hauptstadt Lima eintrifft. So wie einen Monat zuvor sein ältester Sohn Efrain, 25.

"Selbst mit vier Löhnen in der Familie reichte es gerade zum Essen", fasst der studierte Philosophielehrer die Situation in Venezuela zusammen. Zwei Wochen später hat Escalona in Lima einen Job als Wachmann in einer Dentalklinik gefunden. Dort verdient er den Mindestlohn, umgerechnet rund 250 Euro. Das ist nicht viel, aber "hier in Peru sind die Preise und die Währung stabil, das ist das wichtigste", sagt der dreifache Familienvater.

In Anali Bricenos Büro in Lima stehen die Venezolaner Schlange. Sie ist beim Jesuiten-Flüchtlingsdienst in Peru für die juristische Beratung zuständig. Die Anfragen haben sich durch die Massenankunft der Venezolaner vervielfacht. Drei Büros - eines an der Grenze zu Chile, das andere an der Grenze zu Ecuador und eines in der Hauptstadt Lima - unterhält die Organisation inzwischen in Peru. Die Venezolaner können in Peru entweder politisches Asyl oder eine zeitweilige Arbeitserlaubnis beantragen.

4.000 haben im Jahr 2016 Asyl beantragt, 13.000 Venezolaner eine Arbeitserlaubnis erhalten, rechnet Briceno vor. Die Zahlen dürften sich im 2017 vervielfacht haben. "Das Schwierigste ist für viele Neuankömmlinge, dass sie oft eine gute Ausbildung haben, aber in Peru nur einfache Jobs finden. Das frustriert", sagt sie. Die Peruaner dagegen würden die venezolanischen Flüchtlinge und Migranten überwiegend gut aufnehmen. "Peru hat vor 30 Jahren eine ähnlich heftige Krise erlebt und viele Peruaner sind damals ausgewandert, haben auch in Venezuela Aufnahme gefunden", so Briceno.

Jose Gregorio Escalona hatte sich nie vorgestellt, dass er seine späteren Lebensjahre fern seiner Heimat verbringen würde. "Ich habe mein Land nicht verlassen, in gewisser Weise lebe ich immer noch in Venezuela, arbeite nur hier in Peru, um Geld an meine Familie schicken zu können." Verraten hätte ihn dagegen die venezolanische Regierung, die ihren Teil des Gesellschaftsvertrages nicht einlöse und ihm und seinen Landsleuten keine andere Möglichkeit als die Migration lasse. "Die Peruaner behandeln mich gut hier, aber natürlich vermisse ich Venezuela." Sehnsüchtig schaut er in den nebelverhangenen Himmel von Lima.

kna