So ein katholisches Bildungshaus kann ganz schön fromm sein. Früh, vor dem Frühstück geht`s zum Beispiel zum Morgengebet in die Kapelle.
Alles ist noch ziemlich still und diejenigen, die sich versammeln, stören diese Ruhe kaum. Höchstens ein leises Rutschen oder das zarte Öffnen der Tür durchbrechen die besinnliche Atmosphäre. Alles ist gut – solange bis ein Vogel leise piepst. Das Vogelgezwitscher wird stärker, eine Melodie setzt ein und wird immer lauter. Ein schöner Anfang für ein Gebet denke ich noch, da beginnt eine Beterin hektisch zu suchen, springt hochroten Kopfes auf und verlässt den Raum, ein tirilierendes klingendes Handy in der Hand.
Die Tür plautzt zu, die besinnliche Stille ist weg – aber, da ist plötzlich viel mehr. Der Anruf Gottes! Kommt der nicht auch so unvermittelt und platzt an den unpassendsten Stellen ins Leben? Und wie sieht dann die Reaktion aus? Am besten ausschalten und wegrennen?
Es gehört zu den christlichen Versuchungen, die Gottesbegegnung nur in der Stille und an heiligen Orten zu suchen. Natürlich ist er dort auch zu finden – aber er lässt sich da nicht festlegen. Die eigenen Jünger hat der Herr nicht bei einer der Anbetungsstunde erwischt und berufen, sondern beim Fischen abgepasst. Paulus purzelte vom Pferd, und nicht von der Kniebank. Scheinbar gibt es für den Anruf Gottes keine Tabuzonen.
Er kommt anscheinend aus heiterem Himmel – mitten ins Leben, mitten in fromme und unfromme Beschäftigungen und oft mitten ins Herz. Gott ist aufregend anders – und genauso wie Jesus scheinbar aus dem Nichts heraus in das Leben vieler Menschen einbrach, so können wir Gottes Anruf an den unterschiedlichsten Stellen vernehmen. Es kommt dabei auf unsere eigene Weitsicht an, ihn auch dort zu erwarten, wo wir ihn eben nicht erwarten.
In der Holzkirche einer schwarzen Gemeinde in New Orleans hing lange Zeit ein Bild über dem Altar. Darauf stand: „Wenn du Gott hier suchst und hast ihn draußen auf der Straße nicht getroffen, wirst du ihm hier auch nicht begegnen.“ Der Blickwinkel ist entscheidend: Wenn ich in einer Offenheit für den Anruf Gottes lebe, dass die Begegnung mit ihm überall möglich ist, brauche ich nicht unbedingt Kirchenmauern, hinter denen ich in Ruhe nach ihm suchen kann. Wenn ich „Gott in allen Dingen sehe“, erscheint mir seine Schöpfung reicher und großartiger, als wenn mich die „Welt da draußen“ nur durcheinanderbringt und stört. „Geht hinaus in alle Welt und verkündet das Evangelium.“ Der Anruf Gottes ruft uns in genau diese Welt, die seine Schöpfung ist und die wir mitgestalten sollen.
Und auf einmal gehört auch die Kirche zur Welt, sie ist Teil von ihr und nicht der geheimnisvolle Ort, in dem ich mich zur Gottessuche still zurückziehen muss. Es ist ein Ort, in den das Leben seine geheimnisvollen Bahnen hinein lenkt und aus dem ich Kraft für mehr schöpfe. Ein Ort, der überraschen und provozieren darf, ein Ort der voller Kontemplation und Aktion steckt. Die Mauern sind durchlässig. So kommt Kirche in die Welt und Welt in die Kirche.
Und wenn dann mal ein Handy klingelt, muss mich das nicht schockieren. Vielleicht erinnert mich es ja daran, dass der Gott der Bibel sich seit alters her nicht darum schert, nur in Kirchen, Synagogen, Tempeln zu sprechen, sondern uns viel öfter „einfach mal an- und in die Welt hinaus ruft“.
Guido Erbrich, Roncalli-Haus Magdeburg