09.01.2018

Päpstliche Rede ans Diplomatische Corps

Neujahrsrede an Botschafter

Würde, Gleichheit, Menschenrechte: Papst Franziskus ermahnte die Botschafter am Vatikan in seiner Neujahrsansprache zum Frieden.

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Papst Franziskus hatte das diplomatische Corps am Vatikan zur Neujahrsansprache eingeladen. Foto: kna


Die Kirche denkt in Jahrhunderten, heißt es. Und über diese Zeiträume hinweg zieht sie jene Linien, die ihr wichtig sind. Auf den Tag genau ist es 100 Jahre her, dass US-Präsident Woodrow Wilson am 8. Januar 1918 vor dem Kongress seines Landes sein 14-Punkte-Programm für eine Friedensordnung in Europa und den Völkerbund umriss. Ein Anliegen daraus griff Papst Franziskus in seiner Neujahrsansprache an das Diplomatische Corps auf: "Friede wird gefestigt, wenn sich die Nationen in einem Klima der Gleichheit gegenübertreten können."

Knapp 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erinnerte Franziskus an eine zweite Lehre aus diesem "Trümmerhaufen": Siegen dürfe "niemals bedeuten, den bezwungenen Gegner zu demütigen". Nicht Angst halte von künftigen Angriffen ab, sondern "ruhige Vernünftigkeit, die zum Dialog anregt und zum gegenseitigen Verständnis", mahnte er vor den versammelten Diplomaten.

Der Völkerbund scheiterte. Seine Nachfolgerin, die UNO, ist bedingt erfolgreich. Immerhin verabschiedete sie vor knapp siebzig Jahren, am 10. Dezember 1948, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Auf deren notwendige Beachtung konzentrierte sich der Papst in seiner weiteren Ansprache und zitierte dabei wiederholt seinen Vorgänger Johannes XXIII. und dessen wegweisende Enzyklika "Pacem in terris" von 1963.

Für die Kirche und die Diplomatie des Heiligen Stuhls komme es vor allem darauf an, "immer wieder auf die zentrale Stellung der Würde des Menschen" hinzuweisen, betonte der Papst. Auch wenn, wie Franziskus später betonte, konkrete Entscheidungen Sache der verantwortlichen Politiker seien, beschränkt sich die Kirche nicht darauf, allgemeine Grundsätze zu wiederholen.

 

Abwägendere Wortwahl beim Thema Flucht und Migration

Beim großen Thema Flucht und Migration konzentrierte der Papst sich auf die Integration mit ihren Rechten und Pflichten für beide Seiten - Gastländer wie Migranten. Auffallend dabei seine inzwischen etwas abwägendere Wortwahl, etwa wenn er mit Blick auf die Neuankömmlinge einräumt, dass "nicht immer alle von den besten Absichten geleitet werden". Begrenzte Ressourcen der Aufnahmeländer erwähnte Franziskus ebenso wie deren "zahlreiche bereits bestehenden Probleme". Entsprechend deutlich war sein Dank an jene Staaten, die Flüchtlingen Unterstützung gewähren.

Eine Wirtschaft, die nur auf Profit achtet und Millionen Menschen ohne Arbeit und im Elend lässt, kritisierte der Papst ebenso wie Ignoranz aufseiten der Politik und der einzelnen Bürger gegenüber dem Klimawandel. Klar und deutlich seine oft überhörte Kritik an der Tatsache, dass grundlegende Menschenrechte "unschuldigen Kindern, die noch vor ihrer Geburt entsorgt werden", ebenso verweigert werden wie alten Menschen, wenn diese "krank sind und als Last betrachtet werden".

Aufhorchen ließ seine wenn auch vage Kritik an vermeintlichen Fehlinterpretationen der Menschenrechte. "Im Anschluss an die sozialen Unruhen der 68er-Jahre", seien einige Rechte "fortschreitend so interpretiert worden, dass eine Vielzahl angeblich neuer Rechte entstanden, die zueinander im Widerspruch stehen". Denken ließe sich dabei an die Debatten um Abtreibung und Sterbehilfe, auch wenn Franziskus sie an dieser Stelle nicht eigens erwähnte. Seine durchaus heftig formulierte Kritik am Westen, der die Institution der Familie als veraltet betrachte und "flüchtige Bindungen" bevorzuge, folgte an späterer Stelle.

Erneut kritisierte Franziskus "moderne Formen ideologischer Kolonialisierung der Starken und Reichen zum Schaden der Armen und Schwachen" und zwar "im Namen der Menschenrechte". Einige von deren neuartigen Interpretationen stünden im Gegensatz zur Kultur vieler Länder. Umgekehrt dürften aber einzelne Traditionen nicht als Vorwand zur Nichtbeachtung der Menschenrechte missbraucht werden.

Insgesamt betonte Franziskus erneut, wie sehr der Heilige Stuhl und die katholische Kirche auf Dialog und Diplomatie setzen. Auch wenn dies sehr viel Zeit kostet. Sein Leitbild bleiben die Gottebenbildlichkeit des einzelnen Menschen und die Idee Woodrow Wilsons von der prinzipiellen Gleichheit und Integrität aller Staaten.

kna