13.07.2017

Helfer ernten in Florida

Nachlese für Bedürftige

"Cleaning" - aufräumen, Nachlese auf dem Paprikafeld in Florida: Helfer ernten hier die übrigen Reste für Bedürftige.


Foto: kna
Ehrenamtliche sammeln auf den Feldern die bei der Ernte übrig gebliebenen Paprika ein. Foto: kna

 

Palm Beach, ein Ort der Reichen und Schönen. Die Region nördlich von Miami bietet weiße Strände, klares Wasser und viele Palmen. Auch das private Domizil von US-Präsident Donald Trump liegt an der beliebten Atlantikküste Floridas. Doch nur einige Meilen entfernt von seinem Anwesen "Mar-a-Lago" stehen die schlecht betuchten Bewohner des "Sunshine State" im Fokus.

In Gummistiefeln und Handschuhen stehen rund zwei Dutzend freiwillige Helfer am Samstagfrüh vor einem Paprikaacker. Sie engagieren sich für die christliche Wohltätigkeitsorganisation "CROS Ministries", deren Mission es ist, mit gemeinschaftlichen Kooperationen die hungernden Menschen in der Region zu unterstützen. Heute ist "Gleaning" angesagt - zu Deutsch: Nachlese.

Farmer stellen hierfür ihre bereits abgeernteten Felder zur Verfügung. Ehrenamtler sammeln die Früchte ein, die für den Verkauf nicht geeignet sind. Ganz im biblischen Sinne: "Wenn du dein Feld aberntest und eine Garbe auf dem Feld vergisst, sollst du nicht umkehren, um sie zu holen. Sie soll den Fremden, Waisen und Witwen gehören..." (5. Moses 24,19). Jedes Wochenende zwischen November und Juli ruft CROS zur Nachlese von Mangos, Gurken, Mais, Tomaten - und heute Paprika.

"Watch the alligators", so beendet Keith Cutshall, Gleaning-Direktor bei CROS, seine Begrüßungsworte. Rund um die Felder sind Bewässerungskanäle angelegt, dahinter erstreckt sich Floridas Wildnis. Zu ihr gehören Alligatoren, die auch mal einen Ausflug zum Paprikaacker machen. Doch Keith beruhigt die auswärtigen Helfer, denn die Tiere meiden Menschen in der Regel.

 

Schüler müssen Ehrenamt nachweisen

Mit einem Eimer unterm Arm machen sich die Helfer ans Ernten. Melynda versucht so häufig wie möglich dabei zu sein. Früher machte auch ihre Tochter mit - mehr oder weniger gezwungenermaßen, denn amerikanische Schüler müssen pro Schuljahr eine gewisse Stundenzahl an ehrenamtlicher Tätigkeit nachweisen. Deswegen sind auch einige Jugendliche im Acker unterwegs. Melyndas Ansinnen ist jedoch sozialer Natur: "Die Idee, hiermit armen Menschen den Zugang zu frischen Produkte zu erleichtern, finde ich sehr gut." Keith ergänzt: "Essenskammern und Suppenküchen können sich frisches Gemüse kaum leisten."

Karin Smith hilft schon seit vielen Jahren mit. "Es ist wichtig, dass unsere Gesellschaft auch an die Menschen denkt, denen es nicht so gut geht." Gerade aktuell sei solches Engagement besonders gefragt, denn es sei eine gewisse Spannung zwischen den Menschen zu spüren. Karins Eimer ist voll, sie kippt die grünen und roten Paprika in einen großen Sammelbehälter.

Die Sonne steigt langsam gen Zenit. Die Temperaturen - etwas über 30 Grad Celsius - seien heute angenehm, meint Keith und bietet Wasserflaschen an. Bis zu 100 Personen kommen an manchen Tagen zur Nachlese. Auf der Homepage stehen die Termine und Orte schon für die ganze Gleaning-Saison. Jeder kann sich beteiligen - eine Mail oder ein Anruf zur Anmeldung genügen.

In Deutschland ist das nicht so einfach. "Über die Tafeln wird Nachlese nicht systematisch organisiert", sagt Jochen Brühl, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafel der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). "Weitere Gleaning-Projekte oder Aktionen gibt es in Deutschland eher vereinzelt. In Irland und Großbritannien ist die Nachlese verbreiteter", so Brühl.

Die EU unterstützt solche Maßnahmen. "Am großzügigsten gefördert wird die 'kostenlose Verteilung' mit dem Ziel, den Verzehr von Obst und Gemüse in der EU zu steigern", heißt es auf der EU-Website. Erzeugnisse würden bei dem Programm "an anerkannte gemeinnützige Organisationen und Stiftungen zur Unterstützung ihrer Arbeit zugunsten von benachteiligten Gruppen" abgegeben.

Seit über zehn Jahren sind die Ehrenamtlichen in Palm Beach im Einsatz: Zum Jubiläum gibt es neue T-Shirts. Darauf ist das Logo der Wohltätigkeitsorganisation abgedruckt - zwei Hände, die das Geben und das Nehmen symbolisieren.

Zwei riesige Paprika hält der sechsjährige Jakob in den Händen - auch wenn er diese beiden für sich beansprucht, hat er offenbar den Sinn der Nachlese verstanden: "Ich finde es schön, dass die armen Menschen jetzt was zum Essen bekommen", erklärt er seinen Einsatz. Nur wenige Meter entfernt neben dem Feld liegt tatsächlich ein Alligator. Er ist offenbar satt und ungefährlich beim Sonnenbad.

kna