16.03.2017

Nikolaus Legutke wird 80 Jahre

Mut zum Einmischen

Mag sein, dass Nikolaus Legutkes Leben gemütlicher verlaufen wäre, wenn er sich öfters für Schweigen oder Zu-Hause-bleiben entschieden hätte. Er bleibt in Kirche und Politik aktiv, will aber nach dem 80. Geburtstag am 18. März kürzer treten.

Nikolaus Legutke mit einem Kreuz, das ihm Bischof Timmerevers zur Verabschiedung schenkte. | Fotos: D. Wanzek, kna

Mit der Friedlichen Revolution begann der Markkleeberger Katholik Dr. Nikolaus Legutke, sich aus ganzen Kräften für den Aufbau demokratischer Strukturen in Staat und Kirche einzusetzen. Es gab für ihn keinen Zweifel: „Endlich haben wir die Chance, unserer Verantwortung für die Menschen gerecht zu werden. Undenkbar, diese Chance nicht zu ergreifen!“ Schon als Student hatte sich der katholische Christ unbehaglich gefühlt mit der zurückgezogenen Rolle, die seine Kirche in der DDR spielte. Begeisterungsfähige Seelsorger wie der Leipziger Studentenpfarrer Wolfgang Trilling und dessen Kollegen aus der Priestergemeinschaft des Oratoriums hatten dazu beigetragen, den Horizont des jungen Mannes zu weiten und seine Sehnsucht nach einer aktiveren Rolle als Christ in der Gesellschaft zu wecken.
Historische Ereignisse ließen den gebürtigen Schlesier ebenfalls nicht unbeeindruckt. Noch gut erinnert er sich an die Arbeiterproteste von 1953, die er in Bad Dürrenberg und im nahegelegenen Merseburg miterlebte. Nachdem der Lehrer ihn und seine Mitschüler nach Hause geschickt hatte, schloss er sich den Arbeitern von Buna und Leuna an, die zu zehntausenden durch die Stadt liefen und mehr Freiheit und Demokratie forderten. Auch die tagelang vor der katholischen Kirchen geparkten Panzer, die den Protesten schließlich Einhalt boten, sind ihm unvergessen und das Gefühl von Angst und Ohnmacht, das ihr Anblick bei ihm auslöste.
Ähnlich ohnmächtig fühlte er sich, als er im August 1961 vor der Berliner Mauer-Baustelle stand. „Diese Schweine!“, hörte er eine junge Frau in seiner Nähe leise sagen. Ein NVA-Offizier ohrfeigte sie daraufhin. Dass er selbst dazu schwieg, wurmte ihn noch lange Zeit später. Die Erinnerung an die verpasste Gelegenheit half ihm bei späteren Anlässen mehrfach, seine Angst zu überwinden und den Mund aufzumachen, wenn er Ungerechtigkeiten wahrnahm, wenn zum Beispiel Kommilitonen wegen ihrer Gesinnung vom Studium ausgeschlossen wurden. Als Junglehrer erhielt er eines Tages die Quittung für seine Freimütigkeit. Zu große Kirchennähe war der offizielle Hauptgrund für seine fristlose Entlassung aus dem Schuldienst. Vier Jahre lang arbeitete er als Hilfslaborant, bevor er durch einen christlich engagierten Professor die Chance bekam, in Physik zu promovieren.
In den folgenden Jahrzehnten blieb er weitgehend unbehelligt von staatlichen Repressionen, selbst nachdem er es in einem Kombinat für Baureparaturen bis zum Abteilungsleiter gebracht hatte. Er wurde zu seinen Vorgesetzten zitiert, nachdem er schriftlich gegen die Sprengungspläne für die Leipziger Universitätskirche protestiert hatte. Die gaben sich zufrieden mit seiner Erklärung, einfach nur seine persönliche Meinung kundgetan zu haben, ebenso wie sie zuvor seine Weigerung akzeptiert hatten, der SED beizutreten: „Für mich als überzeugtem Christ kommt das nicht in Frage!“ Obwohl er wiederholt als „Staatsfeind“ eingeschätzt wurde, konnten er und seine Frau sich im „Elternaktiv“-Kreis an den Schulen ihrer drei Kinder einbringen. Als sich einige seiner Freunde in der Meißner Synode engagierten, die sich mit der Umsetzung der Konzilsideen in der katholischen Ortskirche in der DDR beschäftigten, leistete Nikolaus Legutke Zuarbeit. Er freute sich darüber, dass in der Folge Pfarrgemeinderäte eingeführt wurden und ärgerte sich zugleich, dass der Beschluss, den Vorsitz Laien zu übertragen, am Ende nicht umgesetzt wurde.

Dort wo er einst die Sprengung der Unikirche mit ansah, konnte Nikolaus Legutke im vorigen Jahr Katholikentagsgottesdienste mitfeiern.

Als Bischof Joachim Reinelt im November 1989 Vertreter aller Pfarreien einlud, um über die katholische Beteiligung an den gesellschaftlichen Veränderungsprozessen zu beraten, war Nikolaus Legutke dabei. Bald war er Sprecher der katholischen Laien aus dem Raum Leipzig/Altenburg/Gera, die sich politisch einmischen und den Aufbau kirchlicher Laienstrukturen vorantreiben wollten. 1990 übernahm er Verantwortung für 35 Ex-Kollegen seines ehemaligen Kombinats und machte sich mit einem Planungsbüro selbstständig, das sieben Jahre lang bestand. Zugleich wirkte er für die SPD am Runden Tisch der Stadt Markkleeberg mit. Die Fraktionsvorsitzenden der CDU und der Grünen, die ihm dort gegenübersaßen, waren ebenfalls Katholiken. Er ließ sich in den Stadtrat und in den Kreistag wählen, arbeitete auf Bundesebene im Arbeitskreis der Christinnen und Christen in der SPD mit. Er wurde Mitglied im Pfarrgemeinde-, im Dekanats- und im Diözesanrat und vertrat das Bistum im Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Als er dort kürzlich verabschiedet wurde, freute er sich besonders über das Kompliment, er sei für manchen dort „die“ Stimme aus dem Osten gewesen. Er selbst hat dort gelernt, wie Christen über parteipolitische Grenzen hinweg konstruktiv und respektvoll zusammenarbeiten können.
Bis zur jüngsten Frühjahrsvollversammlung war er zehn Jahre lang Diözesanratsvorsitzender. Sein Anliegen war es, auch dieses Gremium zu stärkerem politischem Engagement zu bewegen. Die Benachteiligung freier Schulen oder der würdevolle Umgang mit Fremden gehörten zu den Themen, zu denen der Diözesanrat unter seiner Führung Stellung bezog. Die Zahl der Katholiken im Bistum, die bereit sind, politische Verantwortung zu übernehmen, ist in den letzten Jahren zurückgegangen, bedauert Nikolaus Legutke. Ein Katholikentag in der Region könnte das Bewusstsein für die gesellschaftliche Verantwortung der Christen stärken, war seine Hoffnung. Noch immer ist er dankbar, dass seine Initiatve für den Katholikentag in Leipzig aufgegriffen wurde. Er sieht den Katholikentag als Erfolg, wenngleich für die politische Kultur im Bistum noch viel zu tun bleibt.

Von Dorothee Wanzek