07.12.2017

Skandalträchtige Ausstellung in Berlin-Kreuzberg

Mörder als Märtyrer

In Berlin-Kreuzberg sorgt die Ausstellung „Märtyrermuseum“ im Künstlerhaus Bethanien für einen handfesten Skandal. Auch eine Reihe islamistischer Attentäter werden darin vorgestellt.


Besucherin in der Ausstellung „Märtyrermuseum“ im Künstlerhaus Bethanien in Berlin-Kreuzberg. | Foto: Andreas Kaiser


Die Tür geht nur wenige Zentimeter auf. Eine junge Frau guckt aus übernächtigten Augen durch den Spalt. Ihr Deutsch ist bruchstückhaft, die Stimme leise. Irgendwann wird klar, man darf hier nicht einfach so rein. Die Ausstellung besteht vor allem aus ein paar Fotos und etlichen Tonkollagen, die man sich bitteschön ganz und von Anfang anhören soll. Auch deutsch ist hier, mitten in Berlin, offenbar unerwünscht. Die Erläuterungen, wann die Aufführungen beginnen, gibt es nur auf Englisch. Auch die Mühe, die biografischen Erklärtexte zu übersetzen, hat sich niemand gemacht.
Dabei hat kaum jemals zuvor eine Ausstellung im „Künstlerhaus Bethanien“ – einem ehemaligen Krankenhaus der Diakonissen, das 1971 als erstes besetztes Haus Berlins in die Geschichte einging – für eine solche Furore gesorgt. Mittelweile haben fast sämtliche Zeitungen des Landes und Fernsehsender über das „Märtyrermuseum“ berichtet. Und das keineswegs positiv. Denn gezeigt werden im Schummerlicht die Fotos von „Märtyrern“. Neben der heiligen Apollonia oder dem US-amerikanischen Schwarzenrechtler Martin Luther King oder dem großen, griechische Philosoph Sokrates, tauchen gleich mehrere muslimische Massenmörder auf. Mohammad Atta hängt an der Wand.

Attentäter von Bataclan und vom 11. September
Vor allem aber ein Mann namens Omar Ismael Mustafa, einst vielfach vorbestrafter Kleinkrimineller, wird hier, unterlegt mit Tanzmusik, verklärend in Szene gesetzt. Mustafa hat 2015 zusammen mit ein paar Komplizen im Pariser Konzertklub Bataclan 89 Menschen kaltblütig erschossen.
Ob dieser irritierenden Inszenierung ist es kaum verwunderlich, dass sich die Stadt Berlin eilends um Klarstellung bemühte. In einer Pressemitteilung heißt es, dass das „Märtyrermuseum“ keine offizielle Ausstellung sei und „vom Bezirk weder unterstützt noch gefördert“ werde. Veranstalter ist das „Nordwind-Festival“, das nordische und baltische Kunst präsentiert. Ricarda Ciontos, die künstlerische Leiterin des Projekts, erklärt, dass „der Begriff des Märtyrers bei uns und in anderen Ländern oder Kulturen völlig unterschiedlich verwendet“ werde. So würden im Iran oder Irak „auch Leute als Freiheitskämpfer verehrt, die wir als Mörder und Terroristen empfinden.“ Das mag wohl sein. Doch schon ein simpler Blick ins Lexikon macht klar, dass Märtyrer ein zutiefst christlicher Begriff ist, der auf den Kreuzestod Christi zurückgeht.

Märtyrer im Christentum und im Islam
Als Märtyrer werden Menschen bezeichnet, die für ihre Glaubensüberzeugung sogar bereit sind, den Tod auf sich zu nehmen – ohne jedoch selbst anderen Leid zuzufügen. Zum ersten Mal taucht das Wort in einem Bericht aus dem zweiten Jahrhundert über das Martyrium des Polykarp von Smyrna auf. Der erste christliche Märtyrer war Stephanus, der wegen seines Glaubens gesteinigt wurde. Das Missionswerk Open Doors schätzt, dass die Christenverfolgung erst heute seinen bisherigen Höhepunkt erreicht hat. In mehr als 50, oft muslimisch geprägten Ländern würden derzeit rund 100 Millionen Menschen verfolgt, getötet oder vertrieben, weil sie sich zu Jesus Christus bekennen.
Zwar kennt auch der Islam den Begriff des Märtyrers oder des Blutzeugen. Gemeint sind hier vor allem Menschen, die im Krieg oder Kampf, etwa beim Versuch, sich selbst oder andere Muslime zu verteidigen, ihr Leben lassen. Von Terroristen oder gar Massenmördern ist auch da nicht die Rede. Erst jüngst stellte der Islamwissenschaftler Erdogan Karakaya unmissverständlich klar: „Selbstmordattentäter und Terroristen missachten jegliche Werte des Islams, allen voran das schützenswerteste Gut, das Leben.“ Das selbsterklärte Märtyrertum selbsternannter Dschihadisten gilt als Verirrung.
Warum das „Märtyrermuseum“ hinter diese Definition zurückfällt und auch vier Mörder, darunter eine junge tschetschenische Bombenlegerin und einen erst 13-jährigen arabischen Selbstmordattentäter, so bizarr mystifiziert, lässt sich nicht erahnen. „Das ist das Interessante an dieser Ausstellung, dass sie mehr Fragen aufwirft, als Antworten gibt“, sagt Ciontos.

Die Ausstellung erinnert zum Beispiel an Mohammad Atta, einen der Attentäter des 11. September 2001.

Künstlerisch interessant: Mörder neben Heiligen?
Auffallend ist zudem ihre Wahl des Ausstellungsortes. Kreuzberg ist ja nicht nur Berlins schillerndster Multikultikiez, sondern – neben Neukölln oder dem Wedding –auch jener Bezirk, indem radikale Muslime vereinzelt die Anschläge am 11. September 2001 gefeiert haben und in bestimmten Teestuben gerne mal die Attentate der islamistischen Hamas auf Israelis und Juden beklatschen. Das alles macht das Konzept der Aussteller, Mörder unkommentiert neben christliche Heilige wie Maximilian Kolbe zu stellen, künstlerisch vielleicht „interessant“, wie Ciontos sagt. Vor allem aber ist es gesellschaftspolitisch dumm und fahrlässig. Das „Märtyrermuseum“ macht den blutigen, oft richtungslosen Terror im Namen Allahs – ob gewollt oder ungewollt – salonfähig.

Von Andreas Kaiser