09.11.2017

Wochenende der Charismatischen Erneuerung

Mit Mystikern näher zu Gott

Unter dem Titel „Sehnsuchtsort – Komm und sieh“ stand ein Wochenende der Charismatischen Erneuerung. Vorträge und Gebete regten dazu an, einen eigenen mystischen Weg zu gehen.


Teilnehmer des charismatischen „Mittendrin“-Wochenendes in der Kapelle des St.Getrauden-Krankenhauses. | Foto: Wolfgang Rassl


„Leg deine rechte Hand auf dein Herz – spürst du was?“, fragt Referent Stefan Attard die Anwesenden an diesem Samstagabend in der vollen Kapelle des Krankenhauses St. Gertrauden. Jeder Herzschlag sei ein „Verlangen von Gott nach dir.“ Er sei nicht weit weg. Er wohne in uns und möchte der Liebhaber unserer Seele sein, fährt er fort. Kontemplation sei nicht nur für die Meister, alle könnten Gott näher kommen, seine Flüsse durch sich strömen lassen – wenn sie nur ihrer Sehnsucht nach Gott Raum lassen, ihre Sinne dafür wecken. Rund einhundert Menschen sind der Einladung der Bewegung „Charismatische Erneuerung in der katholischen Kirche“ am letzten Oktober-Wochenende gefolgt.

Gott als Mittelpunkt des Lebens annehmen
In den Bänken erheben sich fast alle, wenn der aus Malta angereiste Stefan Attard ihnen vorschlägt, körperlich darzustellen, wie sie von Gott geliebt werden möchten: „Öffne deine Arme nach oben, wie ein Gefäß, ein Kelch, der mit dem Wein seiner Liebe gefüllt sein soll.“ Hingebungsvoll singen die Betenden die Worte, die auf eine große Leinwand projiziert werden: „Sei du der Mittelpunkt in meinem Leben, der Mittelpunkt in meinem Herzen, ich gehöre dir. Sei du der Mittelpunkt in meiner Schwäche, der Mittelpunkt in meiner Stärke.“
Es folgen fünfzehn Minuten eucharistischer Anbetung in versunkener Stille. Zum Schluss erzählt Attard eine Anekdote aus seinem Religionslehrer-Alltag. Aus seinem Unterricht erinnerten sich die Jugendlichen, auch viele Jahre später, nur an eines: „Ihr seid kostbar, unbezahlbar und unglaublich von Gott geliebt.“ Das sei auch heute seine Botschaft.
Seine Frau Pia hielt Vorträge über den mystischen Weg. Sie betonte, dass alle Menschen in der Lage seien, nach einer Vereinigung mit Gott zu streben. Nur wenige könnten allerdings ihre Erfahrungen in Worte fassen. Die auf Malta tätige Managerin fing mit den verschiedenen Stufen der karmelitischen Spiritualität an. Danach erläuterte sie den Weg der Teresa von Avila, die ihre Seele mit einer Burg verglich. Um ins Innere der Burg zu dringen, sei das Gebet unabdingbar: „Seelen ohne Gebet sind wie Menschen, deren Körper und Glieder gelähmt sind“, schrieb die Kirchenlehrerin. Avila erkannte sieben Wohnungen, die spiralförmig zueinander stünden. Pia Attard betonte insbesondere, wie heikel der Übergang von der dritten in die vierte Wohnung für viele Christen sei, die ein „aufrechtes und sorgfältig geordnetes Leben“ hätten – allerdings mit der Gefahr der Selbstgerechtigkeit. Das Betreten der vierten Wohnung setze ein Verlassen der Komfortzone voraus, es ginge dort nicht mehr nur um gute Taten in der Gemeinde, sondern um ein Loslassen von dem Wunsch, bewundert  zu werden. Die Besinnung werde passiv statt aktiv, eine übernatürliche Meditation fange an – eine Öffnung zum „Wasser des Ozeans“. Später, in der siebten Wohnung, sei die „geistliche Ehe“ mit Gott vollkommen und ekstatisch, nachdem man furchtbare Zeiten des Leidens und der verzehrenden Sehnsucht nach Gott erlitten hätte.
Das große Ziel des Lebens sei „die Teilnahme am Hochzeitsmahl des Lammes“, betonte Pia Attard. Allerdings würden die Wohnungen ständig gewechselt. Wichtig sei dabei nur, ein „immer mehr“ zu betreiben und keine „Wohlfühlkultur in einer sicheren, kleinen Wohnung“ zu entwickeln. Sie selbst sei weit weg von der Ehe mit Gott, gab Attard zu, aber sie strebe nach dieser intimen Vereinigung.

Das „Dunkle“ nicht mit „Bösem“ verwechseln
In ihrem nächsten Vortrag erzählte Pia Attard vom asketischen Weg des heiligen Johannes von Kreuz. Die Referentin zeigte ein Bild, das Johannes von Kreuz über das Nichts („Nada“) malte. Es bedeute: Leere dich, damit Gott einziehen kann. Die „dunkle Nacht der Seele“, die es darstelle, sei Teil des Weges und vergleichbar mit dem unbequemen Verlassen der dritten Wohnung von Avila. Nicht, weil das Frühere falsch gewesen sei, sondern weil die Reise weiter gehe. Die dunkle Nacht sei allerdings nicht mit Depression oder Bösem zu verwechseln. Es ginge darum, kreativ mit dem eigenen Leiden umzugehen. „Wo da keine Liebe ist, leg Liebe hinein; und du wirst Liebe herausziehen können“, zitierte Attard den spanischen Kirchenlehrer. Das sei der einzige Weg, mit dem Leiden umzugehen.
In ihrem letzten Vortrag berichtete Pia Attard vom Weg der Thérèse von Lisieux. Die Kirchenlehrerin helfe dabei, den sogenannten jansenischen Weg aufzugeben. Dort sei ein Gott am Wirken, der „wie ein Polizeioffizier“ wirke, der darauf warte, „uns zu verdreschen, wenn wir nicht genug gute Dinge tun“. Das setze unter Leistungsdruck. Thérèse von Lisieux sei deswegen so erfolgreich trotz ihres kurzen 24-jährigen Lebens gewesen, weil sie einen mystischen Weg der Unvollkommenheit ging, der viele Menschen anspreche. Der „kleine Weg“ der französischen Heiligen bestehe darin, gewöhnliche Dinge auf übernatürliche Weise zu tun. Die eigene Unvollkommenheit gelte als Gelegenheit, Gott wirken zu lassen. Gott gehe es nicht um menschliche Begrenzungen, sondern um innere Hingabe. Mit ihm sei es möglich, auch nach heftigen Verletzungen nicht als Krüppel durch das Leben zu gehen, sondern mit Vertrauen in seine Präsenz – trotz anhaltender Wunden. „Jesus fordert keine großen Handlungen von uns, sondern eine einfache Hingabe und Dankbarkeit“, fasste Attard die Lehre von Lisieux zusammen. Die Heiligkeit sei in greifbarer Nähe, nicht im mühevollen Emporklettern einer Leiter mit der ständigen Angst, abzustürzen. Pia Attard nannte auch einige alltägliche Beispiele für diesen Weg: Ein Lächeln, freundliche Worte, eine positive Haltung statt Jammern und Misstrauen, dankbar sein, das halbvolle statt das halbleere Glas sehen, sich zu seinem Feind strecken, Freundschaften pflegen. Thérèse von Lisieux habe ihr gezeigt: „Wir werden zu Heiligen nicht trotz unserer Begrenzungen, sondern aufgrund der Art, wie wir damit umgehen“.
Neben den Vorträgen gab es auch eine Lesung und einen Workshop von zwei Mitarbeitern des Gebetshauses Berlin über ihre Art, Lobpreis zu leiten. Parallel wurde vom Freitagabend bis Sonntagmittag kontinuierlich das Allerheiligste angebetet. Kinder hatten ihr eigenes Programm im Pavillon mitten im verwunschenen Garten des Krankenhauses. Dort trafen sich auch manche Erwachsene.

www.mittendrin.erneuerung.de

Von Geneviève Hesse