28.09.2017

Interview zur Umgestaltung der St. Hedwigs-Kathedrale

Mehr Raum für die Liturgie

Der Künstler Leo Zogmayer hat mit dem Architekten Peter Sichau den Entwurf für die Umgestaltung der St. Hedwigs-Kathedrale erarbeitet. Im Interview spricht er darüber, wie Architektur und Kunst die Liturgie fördern können.


So soll laut Entwurf der Innenraum der Kathedrale nach dem Umbau aussehen. | Visualisierung: © sichauwalterzogmayer

 

Herr Zogmayer, wie stehen Sie zur Gestaltung der Kathedrale durch Hans Schwippert?

Peter Sichau und ich schätzen die Arbeit des Architekten Hans Schwippert sehr. Im Kirchbau realisierte er, was zu seiner Zeit möglich war. Um gleich in die Mitte der Thematik zu gehen: Für die St. Hedwigs-Kathedrale zog Schwippert etwas in Erwägung, was für unseren Entwurf elementar ist und nun tatsächlich realisiert werden soll: nämlich den Altar in die Raummitte zu stellen. Schwippert hatte dann aber Bedenken, dass bei einer derartigen Zentralstellung des Altars der restliche Raum „nur noch Umraum“ wäre. Aus einem eher autonom baukünstlerischen Blickwinkel ist das gut nachvollziehbar. Die entscheidende Denkweise des Zweiten Vatikanischen Konzils aber, wonach die versammelte Gemeinde den liturgischen Raum bildet, war hier noch nicht im Blick.

Was heißt das im Hinblick auf die Öffnung in der Mitte der Kathedrale?

Mit ihr entstand jene räumliche Disposition, die immer wieder zu Diskussionen führte, weil sie von der Mehrzahl der Zelebranten und Gläubigen als liturgisch unbefriedigend empfunden wurde. 2013 entschlossen sich bekanntlich die Verantwortlichen der Bistumsführung zur Auslobung eines internationalen Wettbewerbs zur Umgestaltung der Kathdrale.

Hätte Schwippert die Gemeinde also stärker in sein Denken einbeziehen müssen?

Als die Kathedrale nach dem Krieg umgebaut wurde, gab es noch wenig Erfahrung mit der gemeindeorientierten Liturgie. Zumindest in Kirchen dieser Größenordnung. Das Konzil war noch im Gange, als St. Hedwig schon eingeweiht wurde. Der Architekt und Kirchenbaumeister Professor Dieter Baumewerd, der im vergangenen Jahr verstorben ist, spielte nach dem Preisgericht auf dieses Thema an, als er unseren Entwurf als raumliturgische Weiterführung der Schwippert-Konzeption bezeichnete. Er als Schwippert-Schüler war überzeugt, dass sein Lehrer unseren Entwurf als konsequente nachkonziliare Fortschreibung seiner Idee für St. Hedwig begrüßt und befürwortet hätte.

Wie stellen Sie sich eine Bischofsliturgie in der umgestalteten Kathedrale vor, oft mit Prozession zum Einzug, möglicherweise mit vielen Zelebranten? Es gibt auch Priesterweihen, die Chrisam­messe und Pontifikal­ämter ...

Wenn Sie einen Blick auf den Grundriss werfen, sehen Sie, dass es in der neugestalteten Kathedrale ungleich mehr Platz für alle liturgischen Handlungen gibt als bisher. Es entsteht ein äußerer Umgang, von dem aus breite radiale Wege zur großen liturgischen Handlungsfläche im Zentrum führen. Ein optimales Wegenetz für die von ihnen angesprochenen Prozessionen. Da sich die Wege und Flächen ganz aus der Raumlogik des Rundbaus ableiten, ist nun auch Liturgie vielfältig in kreisenden Bewegungen, wie sie seit dem Mittelalter beschrieben wird, möglich.

Warum haben Sie sich für die großen Freiflächen entschieden?

Der Freiraum im Zentrum erlaubt variierbare Wegführungen zu und zwischen den liturgischen Hauptorten Tisch des Brotes und Tisch des Wortes. Auf Grund der Flexibilität der Einrichtung kann sich auch die Kirchenmusik besser als bisher positionieren. Wobei sich im Rundbau anbietende Spiel- und Aufführungsformen, die über das Musizieren an einem einzigen festen Aufstellungsort hinausgehen, kirchenmusikalisch bereichernde Überraschungen erwarten lassen. Für die verschiedenen Anlässe im Laufe des Kirchenjahres, für Gedenkfeiern und besondere Liturgien mit kulturellen oder politischen Kontexten, die immer wieder in der Kathedrale stattfinden, eröffnen sich neue räumliche Gestaltungsmöglichkeiten.
Eine Vielzahl unterschiedlicher liturgischer Formen wurde inzwischen durchgespielt und an Hand entsprechender Planzeichnungen diskutiert. Wir sollten aber vielleicht das raumliturgische Thema weiter fassen und nicht nur an Prozessionsformen und solchen der „Schaufrömmigkeit“ festmachen!

Mir werden diese Fragen im Erzbistum oft gestellt. Was sind denn aus Ihrer Sicht die zentralen Fragestellungen?

Leo Zogmayer | Foto: Paul Kranzler

Mich interessiert, wie die Menschen sich in diesem Raum sammeln und versammeln. Wie bewe­gen sie sich? Was bewegt sie? Was ist – raumplanerisch und künstle­risch – zu tun, dass sich die besondere Qualität des Miteinander-Feierns, die der Zentralraum ermöglicht, optimal entfalten kann? Die neue Innenraumgestal­tung der Kathedrale wird eine Kommunionfeier ermöglichen, bei der sich die Teilnehmer im Kreis um den Altar sammeln. Das gemeinsame Kommunizieren der Menschen, die nun nicht mehr „die Kommunion abholen“, wie oft kritisch vermerkt wurde, sondern sich zum gemeinsamen Mahl sammeln, halte ich für einen wichtigen Impuls zur Entdeckung von Communio als dem vielleicht elementarsten Urbild von Leben überhaupt.

Was ist für Sie der wesentliche Fortschritt bei der geplanten Umgestaltung?

Die Kathedrale ist ein Feierraum für alle Anwesenden. Die Kleriker ziehen sich nicht mehr nach dem Einzug auf eine abgetrennte Altar-Insel zurück. Die Zeit der Lettner, aber auch der Kommuniongitter und -schranken ist vorbei. Viele traditionelle Kirchen machen es den Menschen dennoch schwer, sich zu versammeln. Weil die Trennung in Gemeinderaum und einen gesonderten heiligen Bezirk noch immer so stark territorial markiert ist. In der neugestalteten St. Hedwigs-Kathedrale findet die Liturgie auf einer Ebene, quasi barrierefrei statt. Das ist vielleicht – zusammen mit der zeichenhaften Form der Versammlung und der starken vertikalen Achse – die Revolution in dieser Kirche.

Eine Revolution?

Ich verwende dieses belastete Wort nicht so gerne. Doch für die St. Hedwigs-Kathedrale, für das ungeheure Potenzial dieses Raums, das nun freigelegt und wirksam werden soll, trifft es zu. Wir können davon ausgehen, dass diese eigentlich simple und logische Kirchengestaltung eine große Wirkung über Berlin, über Deutschland hinaus entfalten wird. Natürlich erst einmal in Bezug auf eine liturgische Neuorientierung, doch auch mit wesentlichen Anstößen für die theologische Reflexion und Praxis insgesamt.

Welche Liturgie wünschen Sie sich für die Kathedrale?

Unser Job beschränkt sich erst einmal auf die Freilegung der Botschaft des vorhandenen Kirchraumes und somit von deren Lesbarkeit und Wirksamkeit. Altarraum und Gemeinderaum sind nun eins, wie der Weinstock und die Reben zusammengehören. Wir können nicht den Weinstock auf den Sockel stellen und die Reben bleiben außen vor. Dieses eigenartige Bild nähren wir nicht mehr. Das ist ein sehr weitreichender liturgischer Impuls ...

Sie haben einmal geschrieben, die Kathedrale des 21. Jahrhunderts solle für Begegnung und Versöhnung stehen. Wie geht Begegnung und Versöhnung mit Menschen, die an der jetzigen Kathedralgestaltung hängen?

Für Menschen, die in einer politisch schwierigen Zeit diesen Ort als Ort ihres Glaubens erlebt und belebt haben, die hier einen Identifikationsort hatten und haben, kann eine formale Veränderung der Kathedrale eine große Herausforderung und Belastung sein. Daher dürfen wir einen Eingriff in ein derartiges Monument nur dann machen, wenn der – in unserem Fall spirituelle – Mehrwert des Neuen eindeutig ausgewiesen ist.

Welche umfassende Vision haben Sie für das Umbauprojekt?

Unsere Vision ist es, die St. Hedwigs-Kathedrale inmitten des neugestalteten Domquartiers als sichtbares und wirksames Zeichen des Friedens und der Versöhnung zu etablieren. Die Menschen erwarten sich heute mit gutem Recht einen Beitrag der Religionsgemeinschaften für eine friedlichere Welt. Eine Kultur des Friedens hat die Chance zu gelingen und sich auszubreiten, wenn sie zuerst im eigenen Umfeld praktiziert wird. Leider wurde und wird dieser Zusammenhang gerade von religiösen Aktivisten oder sagen wir besser Eiferern oft nicht gesehen und beherzigt. „Wenn du dich erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, dann geh, versöhne dich zuerst mit ihm, dann komm und bring deine Gabe dar!“ – heißt es bei Matthäus. Versöhnung zuerst. Am Anfang steht die Bejahung der Communio, sonst reduziert sich der Kult auf eine ideologische Übung, egal wie aufwendig und prachtvoll sie inszeniert wird.

Interview: Cornelia Klaebe

Kommentare

Ein Künstler bestimmt, was katholische Liturgie ist? Für den vom Erzbistum Berlin ausgeschriebenen Realisierungswettbewerb zum Umbau der Kathedrale gab es keine Vorgaben für die Liturgie, bis auf die definitive Feststellung, dass der Altar nicht in der Mitte stehen dürfe (Zitat aus der Auslobung: „In keinem Fall sollte der Altar in die Mitte gestellt werden“) Diese einzige klare Forderung ist vom ausgewählten Entwurf missachtet worden. Auf anschließende Anfragen bei Erzbischof Koch und der Liturgiekommission des Erzbistums Berlin zur Liturgie ist nicht sachgerecht reagiert worden. Im Hirtenwort vom 01.11.2016 lesen wir nur etwas von „liturgischen Gestaltungsmöglichkeiten“, die „nach dem II. Vatikanischen Konzil deutlich erweitert worden“, ohne irgendwelche Quellen dafür anzuführen. Nun erklärt ein Künstler, in welchem Rahmen die Liturgie der katholischen Berliner Bischofskirche ablaufen sollte. Der ehemalige Erzbischof Woelki gab die nötige Umrundbarkeit des Altars als unabdingbaren Umbaugrund aus. Dieser Fehler wurde nie berichtigt. So dreht sich heute noch alles um den Kreis. Der Kaaba von Mekka ähnlich soll eine Halbkugel im Mittelpunkt stehen, auf die sich die Blicke der Versammelten richten. Wie und wo wird das gute Dutzend Konzelebranten am Rande des runden Zentralobjekts seinen Platz finden? Assoziationen an Kindheitstage drängen sich auf – Ringelrein und Reise nach Jerusalem. Was passiert dort, verborgen durch die Gewänder der Geistlichen, von denen nur die Rücken zu sehen sind? Wird das Geschehen durch Hawk-Eye-Kameras aufgenommen und per Beamer auf Wandflächen übertragen oder auf Smartphones ? Der vom Erzbistum verfolgte Umbauplan ist bestrebt, Tradition, Tiefgang und Vielschichtigkeit durch Neues, Glattes und Simples zu ersetzen. Dem vorgesehenen hohlen Raum in der entleerten Gebäudehülle soll der lange Text des Planers (Zogmayer) eine sakrale Bedeutung zusprechen. Ohne Beipackzettel wäre der „radikal reduzierte“ Kuppelraum nicht von einem Kongresssaal zu unterscheiden. Eine derart umgebaute Immobilie würde auch als Mietobjekt für Apple und Microsoft interessant sein, um einen Berliner Flagship Store einzurichten. Das wäre dann in der Tat die Kommerz-Kathedrale des 21. Jahrhunderts. Es bewahrt nicht vor der Säkularisierung, wenn einige Heiligenfiguren, wie in einem Kunstmuseum aufgestellt werden sollen. Sie ließen den vorgeschlagenen technischen Reinraum nicht zur Kirche werden. Dann wäre das Berliner Bodemuseum die eindrucksvollere Kathedrale, die eher zu Andacht und Besinnung anregen würde. Das Erzbistum Berlin könnte in einem Neubau an einem anderen Ort das Konzept radikaler Reduktion testen. Die Zerstörung des intakten, einzigartigen und traditionsreichen Inneren der St. Hedwigs-Kathedrale ist nicht gerechtfertigt. (Detail und Quellen im Internet: www.freunde-hedwigskathedrale.de) Werner J. Kohl, Berlin

Herrn Zogmayer kann man eigentlich nur raten: Schuster bleib bei Deinen Leisten. Seine Leiste ist nicht die Theologie. Da ist nur kapriziös frömmelndes Rechtfertigen seines Entwurfs. Seine Leiste ist auch nicht die Architektur, sonst könnte er nicht so waghalsig behaupten, dass der Umbauentwurf die Schwippertsche Absicht vollende und den Raum erst so richtig zur Geltung bringe. Zogmayer scheint sich noch nie in die offene Unterkirche gestellt zu haben, um zu entdecken, wie hoch sich da die Kuppel wölbt und den Betrachter erhebt. In dem geplanten Plenarsaal werden sich keine besseren Prozessionsformen entfalten können und schon gar keine „Schaufrömmigkeit“. Gerade diese wird durch die jetzige Treppenskulptur und den daraus aufwachsenden Altar angeregt. Ganz schlimm ist der mitleidvolle Blick auf die armen Ostdeutschen, die eine weitere Identifikationsstele verlören. Wenn hier noch einmal ein solches Tauziehen aufgedrängt wird, dann wäre der Bischof gut beraten, das Tau schleunigst fallen, den frivolen Umbau sein zu lassen. (Es gibt übrigens ein sehr einmütiges, „gesamtdeutsches“ Votum der Denkmalschützer für den Erhalt und die behutsame Sanierung.) Nur das und nicht der Umbauplan wäre „Revolution“ angesichts der Lage: schön nachhaltig und sparsam sein, wenn man kirchliche und gesellschaftliche Steuergelder verwaltet.