19.11.2013

Man kommt nicht dran vorbei

Phillip Fuhrmann ist Priesterkandidat des Bistums Görlitz. Für ein Jahr studiert er jetzt in Rom:

Nein, ich meine nicht die Scharen an Touristen, die andauernd mitten auf dem Fußweg stehen bleiben müssen, um irgendwelche Fassaden zu fotografieren. Man kann sie genauso wenig umgehen wie das Thema, das zurzeit scheinbar jeden beschäftigt: „Wie kannst du nur Priester werden wollen in dieser Kirche? Da geht es doch nur noch um Macht, um Geld und um Posten!“ – Diese Frage stellte mir meine Vermieterin hier in Rom. Wie oft musste ich mich am Anfang ihr gegenüber rechtfertigen. Wenn man denkt, die Kirche hätte nur in Deutschland ein Problem, wird man hier eines Besseren belehrt. In Anbetracht der riesigen Anzahl an Kunstschätzen und der vielen Immobilien, die die Kirche hier besitzt, stellen sich viele die Frage, wie das mit der immer gepredigten Bescheidenheit und Demut zusammenpasst. Glaubhaftigkeit ist das Stichwort. Und die Herausforderung das glaubhaft zu leben, was man verkündet, stellt sich überall. Soll ich sagen: „Sie haben Recht, die Kirche ist so unvollkommen und ich bin nur einer, ich kann da gar nichts ändern“? Mit den Schultern zucken und in mein Zimmer gehen, resignieren und Computer spielen? Nein! Ich habe das, so gut wie ich das in Italienisch konnte, mit der Signora ausdiskutiert und bin dann erst in mein Zimmer Computer spielen gegangen … Wenn es etwas zu kritisieren gibt, denken wir bei dem Wort „Kirche“ immer nur an die Bischöfe und vielleicht noch an die Priester und wundern uns, dass das Volk keiner ernst nimmt. Alle Getauften sind dazu berufen, am Priester-, Königs- und Prophetenamt Jesu teilzuhaben. Kirche – das sind wir alle. Deshalb tragen auch wir alle die Verantwortung. Wenn mir ein Atheist sagt, die Kirche ist nicht glaubwürdig, dann spricht er nicht nur die Bischöfe an, sondern mich konkret. Können meine Mitmenschen durch mich die Barmherzigkeit und Liebe Gottes erfahren? Lebe ich glaubwürdig? Das sind die Fragen, die ich mir stellen muss. Warum soll ich resignieren angesichts der vielen Probleme? Sollen doch die anderen unvollkommen sein, ich bin es genauso. Das nimmt mir weder meinen Glauben, noch meine Hoffnung. Man kommt nicht dran vorbei. Die Glaubwürdigkeit der Kirche: Sie beginnt bei Ihnen und bei mir!