18.08.2017

Sorbische Volkskirchlichkeit und Diaspora

Maiandacht und Citypastoral

Zwischen sorbischer Volkskirchlichkeit und atheistischer Diaspora bewegt sich das kirchliche Leben im Bistum Dresden-Meißen. Der sorbische Priester Clemens Rehor, seit zwei Jahren Propst in Chemnitz, kennt beide Lebenswelten.


Clemens Rehor in seinem Wohnzimmer im Pfarrhaus der Chemnitzer Propsteigemeinde. | Foto: Dorothee Wanzek

 

Dass ein Sorbe außerhalb der Lausitz Pfarrer wurde, war lange nicht mehr vorgekommen. Als der sorbische Dekan Clemens Rehor 2015 Propst von Chemnitz wurde, sorgte das folglich im Bistum für einige Überraschung. Auch Clemens Rehor war zunächst überrascht, mit 62 Jahren noch einmal vor eine solch neue Herausforderung gestellt zu werden.
Wenn er mit seiner vorherigen Gemeinde im sorbischen Crostwitz das Patronatsfest gefeiert hat, gab es – selbst wenn das Fest auf einen Werktag fiel – drei Gottesdienste und eine Festpredigt. Am Patronatstag der Chemnitzer Propstei sah er bisher kaum mehr Gemeindemitglieder in der heiligen Messe als in anderen Werktagsgottesdiensten.
Es sind aber nicht die fehlenden Traditionen, die dem sorbischen Priester in Chemnitz als erstes ins Auge fielen, sondern die äußerst aktiven Katholiken, die das Leben der Stadtgemeinden prägen, „wirklich vorbildliche Christen“, ist der Seelsorger überzeugt. Katholischen Christen, die neu in die Stadt ziehen, hat er in den vergangenen Monaten schon öfter gesagt: „Entweder ihr macht hier ganz und gar mit oder ihr werdet untergehen.“
Gleich mehrere geistliche Gemeinschaften bringen sich in das Leben der Stadt ein und weiten den Blick über die Kirchhofgrenzen hinaus auf die Ungetauften, die hier in Chemnitz 85 Prozent der Bevölkerung ausmachen: die Missionarinnen der Nächstenliebe mit ihrem Engagement für die Armen, die Salesianer Don Boscos, die das Augenmerk besonders auf junge Menschen richten, die sich mit dem Leben schwertun, die Niederbronner Schwestern, die Gemeinschaft Koinonia oder die Familien des Neokatechumenalen Weges. Auf unterschiedliche Weise versuchen sie, Menschen mit Christus in Kontakt zu bringen und dabei auch die angestammten Gemeindemitglieder einzubeziehen.

Zwei Lebenswelten, die einander befruchten können
Aus dem Miteinander von katholischen und evangelischen Gemeinden, Gemeinschaften und Institutionen wie der Caritas oder der Telefonseelsorge haben sich in den vergangenen Jahren viele Kontaktmöglichkeiten mit der nichtchristlichen Bevölkerungsmehrheit entwickelt, die Nacht der Kirchen beispielsweise, die in ihrer jüngsten Auflage in 26 Gotteshäusern stattfand.
Die meisten der hier entwickelten Projekte ließen sich in der katholischen Lausitz, dem Gebiet der Sorben, nicht ohne weiteres übernehmen. Umgekehrt ist  Propst Rehor zurückhaltend mit Versuchen, in Chemnitz Traditionen zu stärken oder einzuführen, die ihm aus seiner sorbischen Heimat lieb und vertraut sind, Bittprozessionen und Maiandachten etwa, Messintentionen oder die reiche Beerdigungskultur.
„Man muss an jedem Ort eigene Formen und Wege suchen“, ist der Propst überzeugt. Dennoch könnten die unterschiedlichen Weisen des Christseins einander befruchten. Für Diasporachristen sei es bestärkend, bei einem Besuch in der Lausitz Gläubige in größerer Gemeinschaft zu erleben. Für Katholiken aus volkskirchlichen Gebieten sei es eindrucksvoll zu erfahren, dass bereits ein einzelner Christ etwas bewirken kann, so wie der einzige katholische Geschäftsinhaber im Chemnitzer Einkaufszentrum Galerie Roter Turm, der den Sternsingern ermöglicht hat, im gesamten Zentrum aufzutreten und Spenden zu sammeln.

Jede Gemeinde muss nach eigenen Lösungen und Wegen suchen
Eine positive Chemnitzer Erfahrung, von der auch sorbische Gemeinden profitieren könnten, sei die Familienkatechese während der Erstkommunionvorbereitung. Eltern werden dabei angeregt, über ihren eigenen Glauben nachzudenken und miteinander ins Gespräch zu kommen. Auch bei den Sorben sei es wichtig, Familien noch mehr zu stärken. Den eigenen Glauben in angemessener Weise zur Sprache zu bringen, sei auch hier nicht selbstverständlich.
Trotz aller Unterschiede sieht Clemens Rehor die Christen in Radibor, Crostwitz oder Panschwitz-Kuckau vor sehr ähnlichen Herausforderungen wie die in Chemnitz oder Leipzig. Eine schwindende Bedeutung des Glaubens und der Moral sei allerorten zu beobachten.
Im Erkundungsprozess geht es gegenwärtig bistumsweit darum,  vor Ort passende Strategien und Strukturen für diese Entwicklung zu finden. In Chemnitz sind die Katholiken dabei, die vier Pfarreien der Stadt zu einer einzigen zusammenzuschließen. „Ein durchaus schmerzlicher Prozess, der aber getragen ist von einem starken Team aus Haupt- und Ehrenamtlichen, das hochmotiviert ist, gemeinsam in die Zukunft zu gehen“, schätzt der Propst ein.Bei den Sorben, deren Pfarreien zum großen Teil bereits Jahrhunderte alt sind, erfordere es andere Lösungen. Auch die Sorben haben Erfahrung darin, über Pfarr- und sogar über Bistumsgrenzen hinaus zusammen zu arbeiten.
In Chemnitz hat man sich dazu entschlossen, sich möglichst schnell auf die neue Struktur einzulassen. Die hiesige Pfarreigründung wird eine der ersten im Bistum sein, vermutet Clemens Rehor.
Wie die neuen Strukturen sich bewähren werden, überlässt er Gott. „Erfolg ist kein Name Gottes“, sagt er gerne. Ihm geht es nicht um Erfolg, sondern um Fruchtbarkeit. „Wir dürfen daran mitarbeiten, dass Früchte heranwachsen. Wir dürfen die Ernte einfahren, aber das Wesentliche tut jemand anders.“

Von Dorothee Wanzek