07.12.2017

Anstoss 49/2017

Magnificat im Advent

Im Advent begegnet mir Maria als zentrale Figur, die bei Gott im Mittelpunkt steht. Maria, die Mutter Gottes. Ihr Bild ist geprägt von vielen verschiedenen Facetten, von der einfachen Frau aus dem Volk bis zur Himmelskönigin.


Es hat ein paar Jahre gebraucht, ehe sich mein volkstümlich geprägtes Marienbild von überhöhter Verehrung entstaubte. Was zum Vorschein trat, ist eine tapfere junge Frau aus Nazareth.
Von Marias Leben erfahre ich mehr im Lukasevangelium. Da heißt es beispielsweise, dass sie Worte Gottes in ihrem Herzen bewegt (Lk 2,51). Sie bedenkt ruhig, was Gott von ihr will. „Mir geschehe nach deinem Wort.“ (Lk 1,38) Selbstbewusst entschließt sie sich zum Gottes-Abenteuer. Was Maria dann erlebt, äußert sich in großer Freude, ja, Wonne. Sie singt „Magnificat anima mea.“ (Meine Seele freut sich über die Größe des Herrn.) Marias Seele atmet trotz schwieriger Umstände eine neue Freiheit. „Und mein Geist jubelt über Gott meinen Retter.“ (Lk 1, 46-47) Ihr Geist kommt aus der Verängstigung heraus.
Dieses Lied ist ein Adventslied, bekannt als das Magnificat. Marias Adventslied ist mit Blick auf die Weltsituation hochaktuell. „Gott stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“ Ein Revolutionslied – und das von Maria!
Im Magnificat zeigt sich die ganze Charakterstärke einer adventlichen Haltung. Wir dürfen sicher sein, dass Gott trotz Leid, Bedrängnis und Not mehr im Leben für uns bereithält. Eine Barmherzigkeit, die die Tränen der Trauer trocknet, Gefangene befreit, Kranke heilt, Arme zu neuem Ansehen und Geflüchteten neues Leben bringt (Jes 57,14 ff).
Modern übersetzt könnte das politisch bedeuten, dass beispielsweise Artikel 14 unseres Grundgesetzes wieder erwähnt und angewendet wird. Da steht, dass Reichtum dem Gemeinwohl verpflichtet ist. Noch werden alle Versuche, Reichtum im Sinne des Gemeinwohls stärker einzubinden, abgeschmettert. Oder es könnte bedeuten, dass man sein mächtiges Ego entthront. Ein adventliches Ego kann sich zurücknehmen. Es ermöglicht Teilhabe mit denen, die erniedrigt sind.
Mit Magnificat durch den Advent? Aber unbedingt! Denn gerade jetzt schreiben wir Menschheitsgeschichte, die ohne Hoffnung zum Heulen ist. Gott aber will mit uns Heilsgeschichte schreiben. Sind wir bereit? Bereit, mit Wonne täglich das Magnificat zu singen? Ich will es mal machen!

Lissy Eichert, Berlin