11.02.2016

Anstoß 07/2016

Kultur der Achtsamkeit

Ich bin jetzt ein Jahr im Leipzig und häufig unterwegs, erlebe die Stadt und die Menschen. Ich mache meine Erfahrungen und meine Beobachtungen. Was fällt mir auf?

Da bieten Jugendliche den älteren Menschen, die in die überfüllten Straßenbahnen einsteigen, ihren Platz an. Oder die Mutter, die noch schnell mit den Kinderwagen einsteigen will, sie bekommt Vortritt.
Das ist eine Form der Höflichkeit und Aufmerksamkeit die mir positiv auffällt. Oder eine weitere Beobachtung mache ich bei unserem kleinen, sehr kleinen, aber sehr guten Bäckerladen, ganz in der Nähe unseres Klosters. Weil nur wenige Kunden im Inneren Platz finden, steht man an, draußen vor der Tür, auf den Bordstein. Aber ich erlebe kein Gedränge, kein Geschiebe, keine Ellenbogenmentalität. Und auch ich stelle mich an. Ähnliches erlebe ich an der Garderobe im Theater, Ähnliches sogar an der Bratwurstbude oder Glühweinstand auf dem zurückliegenden Leipziger Weihnachtsmarkt.
Das Anstellen, keine Zwangsverordnung, sondern Rücksichtnahme. All dieses fällt mir als Neu-Leipziger auf. Und die Verkäuferin an der Kasse des Kaufhauses wünscht mir einen schönen Sonntag.
Sie nimmt sich Zeit für ein freundliches Wort oder einen freundlichen Blick. All das ist nicht selbstverständlich. Und in den ersten Wochen als ich noch ein Fremder in Leipzig war, da finde ich immer wieder freundliche und hilfsbereite Menschen, die mir helfen, wenn ich mich orientieren muss, einen Platz, eine Straße oder Haltestelle zu finden. Ich höre kein mürrisches, abweisendes Wort, sondern bekomme Auskunft und dazu noch ein freundliches Wort. Das alles fällt mir nach meinem ersten Jahr in Leipzig positiv auf. Das alles tut mir gut und ich finde diese Form der Aufmerksamkeit erhaltenswert. Es trägt zu einem guten Zusammenleben bei. Wir klagen heute oft über einen Verfall von Werten, von Anstand und Sitte und führen dazu viele Beispiel an, die es zu beklagen gilt. Aber es gibt auch positive Beispiele, wo Rücksichtnahme, Wertschätzung und Aufmerksamkeit gepflegt wird.
Wir kennen vielleicht die Aussage: Kleine Zeichen erhalten die Freundschaft. Abgewandelt kann das auch heißen, kleine Zeichen erhalten die Gemeinschaft. Etwas davon habe ich in diesem ersten Jahr erleben dürfen. Dafür bin ich sehr dankbar. Pflegen wir weiterhin diese Werte, diese Kultur der Achtsamkeit, der Aufmerksamkeit und der Höflichkeit. Und fangen wir bei uns selber an, auch eine Möglichkeit der Gestaltung für diese Fastenzeit.    

Pater Josef kleine Bornhorst, Dominikanerkloster St. Albert Leipzig