19.10.2017

Buch über Priester und Stasi

Kompliziertes Gemenge

Gregor Buß hat erforscht, warum sich katholische Priester in der DDR auf Gepräche mit der Staatssicherheit eingelassen haben. In einem Buch hat er seine Forschungsergebnisse nun veröffentlicht.


Auch 27 Jahre nach Ende der DDR ist das Thema Staatssicherheit nicht abgegolten. Besonders, wenn es die Kirchen betraf. „Wir als katholische Kirche müssen die Fakten auf den Tisch legen, dazu haben wir die moralische Verpflichtung“, meint Gregor Buß. Der 38-jährige, aus dem westfälischen Bocholt stammende Postdoktorand, derzeit an der Hebräischen Universität Jerusalem tätig, hat drei Jahre lang an der Universität in Prag dazu geforscht. Seine Ergebnisse, als Buch unter dem Titel „Katholische Priester und Staatssicherheit“ erschienen, hat er jetzt in der Katholischen Akademie in Dresden vorgestellt.

„Es stimmt nicht alles, was in den Akten steht“
Zwischen 1500 und 2000 katholische Priester gab es in den 40 Jahren der DDR. 86 von ihnen führte die Stasi als Inoffizielle Mitarbeiter (IM), hat Buß ermittelt. Die meisten von ihnen habe der Geheimdienst konspirativ abgeschöpft. Schriftlich verpflichtet hätten sich nur wenige.
Gregor Buß hat Stasi-Akten auch mit Protokollen über die Gespräche verglichen, welche die Priester selbst schrieben. Zudem hat er sie in Interviews befragt. „Es stimmt nicht alles, was in den Stasi-Akten steht“, resümiert er. „Was die Priester berichteten, ist allerdings ebenso kritisch zu betrachten.“ Interessiert haben Buß vor allem die Motive der Priester. Die, hat er herausgefunden, sind äußerst vielfältig. Erpressbar für die Stasi wurden sie zum Beispiel, wenn sie Alkoholprobleme hatten, mit dem Gesetz in Konflikt gerieten oder es mit dem Zölibat nicht so genau nahmen. „Um an sie heranzukommen, suchte die Stasi gezielt nach solchem ‚kompromittierenden Material‘.“
Ein Ordenspriester etwa hatte 1966 eine Affäre mit einer Frau. Die Stasi fand das heraus und drohte ihm, seine Vorgesetzten zu informieren. Aus Furcht ließ er sich darauf ein, Informationen zu liefern, sechs Jahre lang, bis zu seinem Tod.
Mitunter boten sich die MfS-Mitarbeiter den Priestern besonders in Lebenskrisen als eine Art „Seelsorger für die Seelsorger“ an. Manche ließen sich auf die mitfühlend-freundlichen Gespräche ein. Angst vor den Folgen, wenn sie Zusammenarbeit verweigerten, trieb andere. „Obwohl es bei einer Verweigerung nie Konsequenzen gab. Sie wurden dann einfach nicht mehr behelligt.“ Manche meinten, mit den geheimen Gesprächen das kleinere Übel zu wählen, um so schwere Konfrontationen und Nachteile für ihre Gemeinde verhindern zu können. Oder sie meinten auf diese Weise, bei der Gegenseite Ressentiments abbauen und so das Staat-Kirche-Verhältnis verbessern zu können.
In einigen Fällen waren es profane private Interessen – begehrte Eintrittskarten zu einem Konzert in der Semperoper zum Beispiel. Aber Buß stieß auch auf Motive wie Eitelkeit und Geltungsdrang oder noch dunklere – wie Hass und Rache an anderen. Manche aber handelten auch aus purer Gedankenlosigkeit und Naivität.
„Es ist kompliziert“, lautet sein Fazit. Häufig mischten sich mehrere Motive oder sie veränderten sich im Laufe der Zeit. Wenn die Gespräche mit der Stasi rein berufliche Gründe hatten, etwa im Fall von Propst Günter Hanisch, würde er das nicht als IM-Tätigkeit betrachten, meinte Lutz Rathenow, Sächsischer Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

„Allerdings tauchten damit Probleme auf.“
Er habe nach 1990 Prälat Dieter Grande mit der Aufarbeitung betraut, erinnert sich der emeritierte Bischof Joachim Reinelt. In keiner anderen Diözese sei das so exakt getan worden. Mit allen betroffenen Priestern habe er gesprochen. Seine Erkenntnis: „In einem verlogenen Betrügersystem sind manchmal Wege gewählt worden, die fragwürdig sind.“

Gregor Buß: Katholische Priester und Staatssicherheit. Historischer Hintergrund und ethische Reflexion; Aschendorff Verlag Münster 2017; ISBN 978-3-402-13206-7; 44 Euro

Von Tomas Gärtner