02.04.2014

Katholische Kirche in der DDR war Thema in der Point-Alpha-Akademie in Geisa

Keine Widerstandskirche

In wenigen Monaten jähren sich die Ereignisse der Friedlichen Revolution in der DDR zum 25. Mal. Eine Veranstaltung in der Point-Alpha-Akademie in Geisa an der ehemaligen innerdeutschen Grenze blickt jetzt zurück auf die katholische Kirche in der Zeit des SED-Regimes.

Geisa (epd). Für das Überleben der Kirchen in der DDR war nach Ansicht des katholischen Erfurter Alt-Bischofs Joachim Wanke das gemeinsame Auftreten der christlichen Kirchen gegen den SED-Staat eine wesentliche Voraussetzung. „Die Ökumene war von der Partei gefürchtet“, sagte Wanke bei der Veranstaltung der Point-Alpha-Akademie in Geisa. Wichtigstes praktisches Anliegen der beiden Kirchen sei es gewesen, für die Menschen da zu sein und damit ihre Grundaufgabe zu erfüllen. „In ökumenischer Grundsolidarität blieben wir zusammen“, sagte Wanke, der von 1981 bis 2012 Bischof in Erfurt war.


Angst vor Verhältnissen wie in der CSSR oder Ungarn
Die Herrschenden in der DDR hätten die katholische Kirche wegen ihrer „Weltbindung an Rom“ gefürchtet, sagte Wanke. „Wir sind aber auf keinen Fall eine Widerstandskirche gewesen.“ Vielmehr habe seine Kirche aus Angst vor ähnlichen Verhältnissen wie etwa in der CSSR oder Ungarn gegenüber dem SED-Staat lange Zeit in einer „Festungsmentalität“ verharrt. Ein Umdenken zu ihrer Stellung und ihrem Auftrag in einer atheistischen Erziehungsdiktatur habe erst spät begonnen. In der Öffentlichkeit sei es besonders mit dem Katholikentreffen von 1987 in Dresden und in den Ökumenischen Versammlungen für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung 1988 und 1989 in Dresden und Magdeburg zum Ausdruck gekommen.
Katholiken in der DDR seien allerdings im Gegensatz zu evangelischen Kirchenvertretern und Oppositionellen „keine Theoretiker eines neuen Sozialismus“ gewesen, stellte Wanke fest. Basisdemokratische Diskussionen seien „nicht so ausgeprägt“ und auch nicht gefördert worden. Die entscheidende Frage für die katholische Kirche sei es gewesen, wie mit dem „Welt-Dienst für den Menschenbruder“ gleichzeitig der aufrechte Gang in der damaligen Gesellschaft vermittelt werden kann, fügte der Alt-Bischof hinzu.
Die Vermittlung ethischer Werte habe die katholische Kirche in der DDR als eine besondere Aufgabe betrachtet, sagte der frühere Heiligenstädter Propst Heinz-Josef Durstewitz. Die offiziellen sozialistischen Werte seien kein Maßstab gewesen. Deshalb hätten die Kirchen versucht, zu Fragen wie Jugendweihe, Hasserziehung oder Militarisierung der Gesellschaft Alternativen aufzuzeigen. In oppositionellen Gruppen seien Katholiken allerdings in größerem Ausmaß erst mit den zunehmenden Willkürakten des SED-Staates in den 80er-Jahren aktiv geworden. Durstewitz gehörte damals in Ost-Berlin zu den Mitbegründern der Bürgerbewegung „Demokratie jetzt“.
Die Kirchen hätten „mit Caritas, Kult und Katechese“ für die einzigen Freiräume gestanden, die der SED-Staat gewährte. „Damit war auch katholische Identität vorgegeben.“ Die kirchlichen Arbeitsfelder seien jedoch in den 80er Jahren auch in katholischen Gemeinden zusehends weiter gefasst worden, sagte Durstewitz unter Hinweis auf Veranstaltungen mit Musikern und Schriftstellern. Dabei sei die Kirche von den Menschen als „Ort der Freiheit“ erlebt worden. Allerdings seien die Freiräume in der Thüringer Provinz geringer gewesen als beispielsweise in Ost-Berlin.

Veränderungen der 80er Jahre zu spät erkannt
Der langjährige Präsident des Zentralrates der deutschen Katholiken (ZdK), Hans Joachim Meyer, kritisierte bei der Veranstaltung die „vorsichtige Zurückhaltung“ der katholischen Kirche in der DDR gegenüber dem SED-Staat. Durch die vor allem vom Berliner Bischof, Kardinal Alfred Bengsch, vertretene Haltung der „schweigenden Distanz“ habe die katholische Kirche die Zeichen der Veränderung in den 80er Jahren „zu spät erkannt“. Die evangelischen Kirchen seien „ungleich mutiger und sehr viel früher“ bereit gewesen, in ihren Einrichtungen den entstehenden unabhängigen Gruppen „Raum und Schutz“ zu geben.
Erst mit dem Katholikentreffen 1987 in Dresden und in den folgenden Jahren im Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung hätten die Katholiken „öffentliche Zeichen“ gesetzt und mit der Teilnahme an der Diskussion gesellschaftlicher Themen zum Entstehen einer „Gegenöffentlichkeit“ beigetragen. Zudem habe das Wiedererstehen der katholischen Laienbewegung den Öffentlichkeitsanspruch einer Minderheit formuliert in einem Land, das von Anfang an alles Christliche aus der Öffentlichkeit verdrängen wollte, sagte der erste sächsische Wissenschaftsminister nach dem Ende der DDR.
Die langjährige „schweigende Diskrepanz“ habe den Katholiken jedoch eher den Blick für die sich abzeichnende Realität geöffnet, stellte Meyer fest. Im Gegensatz zu evangelischen Kirchenvertretern und deren Illusionen von einer „Reformierung der DDR“ hätten sich Katholiken frühzeitig für die Wiedervereinigung eingesetzt, „um so zum Weg in ein neues Leben beizutragen“. Insgesamt aber seien die Kirchen in der DDR trotz aller Eingriffe der SED-Diktatur bis zu deren Ende „intakt und selbstbestimmt“ geblieben, so dass sie ihre „geistige und strukturelle Unversehrtheit“ hätten erhalten können. „In engen Räumen bestimmten sie selbst, was sie taten“, sagte Meyer.