14.12.2017

Verhältnis zwischen Kirche und Kultur

Keine Feinde mehr

Nicht immer ist das Verhältnis zwischen Kirche und Kultur unproblematisch: Dennoch gehören die Kirchen zu den wichtigsten Kulturträgern. Wie es gegenwärtig um das Miteinander bestellt ist, wurde beim Ökumenischen Neujahrsgespräch in Magdeburg diskutiert.


Diskutierten über Kirche und Kultur: Akademiedirektor Grütz, Bischof Feige, Landesbischöfin Junkermann, die beiden Kulturvertreter Pohlmann und Zimmermann sowie Akademiedirektor Kramer (von links). | Foto: Matthias Holluba


Schon die Verwunderung, die die Einladung zur Veranstaltung bei manchem Empfänger auslöste, könnte eine Antwort auf die Frage sein, über die an diesem Abend diskutiert werden sollte: „Kirche und Kultur: Dialog oder Funkstille?“. So war das Ökumenische Neujahrsgespräch der beiden großen Kirchen am 7. Dezember in Magdeburg überschrieben. Ein Neujahrsgespräch am 7. Dezember? Das musste ja wohl ein Irrtum sein. Nein, ist es nicht, denn das neue Kirchenjahr beginnt am ersten Advent. Dass dieses Wissen manchem Zeitgenossen verloren gegangen ist, spricht für den Traditionsabbruch, der das Verhältnis zwischen Kirche und Kultur mitbestimmt.
Wo Schatten ist, ist auch Licht: Trotz aller Traditionsabbrüche gehören die Kirchen bis heute zu den großen Kulturträgern in Deutschland. Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates in Berlin, dem Zusammenschluss der 258 wichtigsten Kulturverbände, nannte die Kirchen eine „unbekannte kulturpolitische Macht“. Und diese Feststellung konnte er mit Fakten unterlegen: Ein im Auftrag der Bundestags-Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ erstelltes Gutachten kam zu dem Ergebnis, „dass die Kirchen etwa 20 Prozent ihrer Kirchensteuern, Zuwendungen und Vermögenserlöse für ihre kulturellen Aktivitäten einsetzen“. Die Gutachter bezifferten die genaue Summe auf etwa 3,5 bis 4,8 Milliarden Euro im Jahr. Für Zimmermann ein erstaunliches Ergebnis, denn er hatte sich vorher nicht vorstellen können, dass die Kirchen kulturell eine so große Rolle spielen.

Vorhaben scheitern, weil das Geld fehlt
Wie groß die Bandbreite kultureller Aktivitäten der Kirchen ist, machten die beiden Bischöfe Gerhard Feige und seine evangelische Kollegin Ilse Junkermann deutlich: von Bibliotheksarbeit und Museen in kirchlicher Trägerschaft bis zur Kirchenmusik und den Kirchenbauten. Die Landesbischöfin erinnerte an vielfältige kulturelle Akzente während des Reformationsgedenkens. Zugleich beklagte sie aber, dass manches Vorhaben an den finanziellen Möglichkeiten scheitere.
Norbert Pohlmann, Geschäftsführer des Forums Gestaltung in Magdeburg, in dessen Räumen die Veranstaltung stattfand, appellierte an die Kirchen, Künstlern für ihre Arbeit Aufträge zu erteilen und Räume zur Verfügung zu stellen. Er sagte das vor allem auch mit Blick auf die Freie Kunstszene. Die Finanzierung von Kultur gelte als eine freiwillige Aufgabe einer Kommune. „Was freiwillig ist, kann auch wegfallen. Aber Kultur ist nichts Überflüssiges.“
Auf die Entwicklung des Verhältnisses von Kirche und Kultur im Laufe der Kirchengeschichte wies Bischof Feige hin. Auch wenn in der Neuzeit der Staat viele einst kirchliche Aufgaben übernommen habe, seien Kirche und Kultur heute keineswegs zwei sich feindlich gegenüberstehende Blöcke. Auf der einen Seiten hätten sich die Künstler von kirchlichen Vorgaben emanzipiert. Darauf habe die Kirche mit einem eigenen Sektor „christliche Kunst“ reagiert. Die Kunst der Gegenwart aber greife auffallend oft Themen auf, „die wir als transzendent bezeichnen würden“. Dabei gehe es um die Suche nach Sinn, um Hoffnung und Verzweiflung sowie um Schuld und Erlösung.

Sich auf die fremde Sprache einlassen
„Im öffentlichen Bewusstsein gelten die Kirchen allmählich wieder als größter Kulturträger neben dem Staat und den Kommunen.“ Sie stünden auch für das kulturelle Gedächtnis Europas und stifteten in den gegenwärtigen Umbruchszeiten Identität. Das zeigt sich etwa daran, „dass Klöster wieder Konjunktur haben“. Immer mehr Menschen suchten dort nach Orientierung und seien von der Kunst und der Geschichte fasziniert. Christen sollten solche Suchbewegungen ernst nehmen und den Kontakt nicht scheuen. Das müsse auch die Bereitschaft einschließen, sich auf „die manchmal fremde Sprache vorbehaltlos einzulassen“.

Von Matthias Holluba