12.10.2017

Anstoss 41/2017

Kamera in Uppsala

Frustriert stand die amerikanische Touristin mit ihrem Fotoapparat vor der Domkirche in Uppsala. Es ist eine der größten Kirchen Schwedens. Voller Ärger schimpfte sie maßlos über die Größe der Kirche.


„Diese dämliche Kirche ist zu groß für meine Kamera“. Ein bemerkenswerter Blickwinkel. Ihr eigener Horizont reicht nicht aus, um Kirche in ihrer Gesamtheit zu erfassen. Dabei ist sie zumindest ehrlich, dies zuzugeben.
Meist passiert das nicht. Was ich nicht erfassen kann, wird klein gemacht, klein geredet und in handlichen Portionen verpackt. Dann ist es einfach, über Kirche, über Politik, über Flüchtlinge zu reden und einfach, sich im Recht zu wähnen. Dann kann ich das, was ich nicht in den Blick bekomme, mit Frust überziehen.
Natürlich darf ich auch Ansichten ausblenden, um etwas zu verstehen. Das ist hilfreich, wird aber dumm, wenn ich die reduzierte Fassung für das Ganze halte. Vieles darf unverständlich bleiben und trotzdem kann ich eine Meinung haben. Wenn ich meiner Meinung zubillige, nicht „der Weisheit letzter Schluss“ zu sein, ist alles im Lot. Setze ich meinen Standpunkt dagegen absolut, mache ich mich eher lächerlich.
Wäre unsere Touristin ein paar Meter weiter weggegangen, hätte sie vielleicht manche Details nicht mehr erkannt, dafür wäre die Kirche in ganzer Größe in ihre Kamera geschlüpft. Aber selbst dann hätte sie nur die Außenansicht abgelichtet. Ganz schön wenig, wenn man bedenkt, was alles nicht zu sehen wäre. Keine Sakristei, kein Innenraum, kein Altar und so weiter.
Eine Sache ganz zu erkennen ist nicht so leicht. Das gilt für die Domkirche in Uppsala genauso wie für viele andere Erscheinungen dieser Welt. Dumm nur, dass es leichter ist, simplen Erklärungen zu folgen, als sich mit der komplexen Realität vertraut zu machen. Diese Naivität ist gefährlich, weil sie genau zu wissen meint, was richtig und was falsch ist.
Das Gegenteil zu dieser Weltsicht ist das Staunen. Für Albert Einstein ist es der entscheidende Faktor zur Erkenntnis der Welt „Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht. Wer es nicht kennt und sich nicht wundert, nicht mehr staunen kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen.“
Ich wünsche Ihnen, dass Sie nicht allzu verärgert sind, wenn sie etwas nicht ganz erfassen können. Staunen Sie und schauen Sie aus mehreren Perspektiven darauf.

Guido Erbrich, Biederitz