Senioren und ein Schülerchor haben sich auf Initiative der Katholischen Erwachsenenbildung mit einer Tram-Sonderfahrt in Magdeburg an der 4. Meile der Demokratie beteiligt. Zahlreiche Christen und kirchliche Institutionen engagierten sich für die Meile.
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Die gebürtige Magdeburgerin Sigrid Krause (rechts im Bild) hat als Kind die Bombardierung der Elbestadt miterlebt. Sie und andere Senioren können nicht verstehen, warum Menschen wieder rechtsextreme Ziele verfolgen. Fotos: Eckhard Pohl |
Von Eckhard Pohl
Magdeburg. „Ich habe als Mädchen selbst miterlebt, wie die Juden von den Nationalsozialisten weggetrieben wurden“, sagt Erika Paul. „Das war furchtbar. Später mussten wir dann selbst unsere Heimat in Hinterpommern verlassen und haben da erst manches richtig begriffen“, erzählt die heute 85 Jahre alte Frau aus Magdeburg-Cracau, während sie mit der Straßenbahn durch Magdeburg fährt. Erika Paul ist eine der Teilnehmerinnen an der Sonderfahrt, zu der die Katholische Erwachsenenbildung (KEB) in Zusammenarbeit mit den Magdeburger Verkehrsbetrieben und drei Alten- und Servicezentren, darunter dem der Malteser, am 14. Januar eingeladen hatte. Ziel war es, Senioren verstärkt für eine Teilnahme an der Meile für Demokratie zu gewinnen, wie KEB-Geschäftsführer Ludger Nagel betont. Eingeladen hatte der Erwachsenenbildner aber auch den Schüler-Gospel-Chor „Coloured Souls“ aus dem Albert-Einstein-Gymnasium, der die Senioren in der Straßenbahn mit seinen Gesängen erfreute und die Aktion zu einem generationenübergreifenden Ereignis werden ließ.
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Mit spirituellen Gesängen erfreut der Schülergospelchor des Albert-Einstein-Gymnasiums während der Straßenbahn-Sonderfahrt zur Meile der Demokratie die mitfahrenden Senioren. |
Nazi-Greueltaten und deren Folgen selbst erlebt
Die Meile der Demokratie in der Magdeburger Innenstadt fand bereits zum vierten Mal statt. Sie ist entstanden, um am Gedenktag der Bombardierung Magdeburgs (am 16. Januar 1945) die Straße nicht Rechtsextremisten für ihre Demonstrationen zu überlassen, sondern Magdeburg als tolerante, menschenfreundliche und bunte Stadt zu präsentieren.
Auch Siegrid Krause nimmt an der Fahrt mit der blauen Straßenbahn mit der Aufschrift „Vielfalt gemeinsam erleben – hingucken-denken-einmischen“ teil. Als gebürtige und „im Dom getaufte“ Magdeburgerin, wie sie lachend betont, hat sie als Kind die Bombardierung der Stadt selbst miterlebt. „Meine Oma und meine Tante sind mit umgekommen. Sie sind jämmerlich erstickt. Für mich ist der 16. Januar deshalb immer ein schlimmer Tag“, erzählt Frau Krause. Sie kann nicht verstehen, warum sich Menschen dem Gedankengut der Nationalsozialisten verschreiben, „wo die doch für den furchtbaren Krieg verantwortlich waren“.
Während der gut eineinhalbstündigen Fahrt durch mehrere Stadtteile lesen Maik Hattenhorst von der Stadtbibliothek, Jürgen Martini, vor der Pensionierung wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni, aber auch KEB-Geschäftsführer Nagel den rund 50 Teilnehmern Texte aus dem Buch „Und dann warst du auf einmal ausgestoßen! Die Magdeburger Juden während der NS-Herrschaft“ des Historikers Michael Abrahams-Sprod. Ihre Lesungen bilden den Auftakt einer während des ganzen Tages stattfindenden Aktion Magdeburger Bürger und Stadträte.
Überhaupt haben die Magdeburger, darunter auch zahlreiche Christen und kirchliche Institutionen, wieder eine große Zahl von Angeboten und Aktionen im Rahmen der Meile der Demokratie vorbereitet. In der katholischen Kathedrale St. Sebastian etwa findet am frühen Nachmittag eine ökumenisch verantwortete Gedenkzeit statt. Hier wird an Personen erinnert, die seit 1990 Opfer rechter Gewalt wurden. Leider finden nur neun Menschen den Weg in die Kirche, in der auch Teile der Ausstellung „Opfer rechter Gewalt“ zu sehen sind. Referentin Maria Faber vom Bistum Magdeburg mahnt während der Andacht, dass die Opfer und die ihnen zugefügte Gewalt nicht vergessen werden dürfen. Viel zu oft stünden die Täter und nicht die Opfer im Blick der Öffentlichkeit. An zwölf Todesopfer rechter Gewalt in Sachsen-Anhalt wird während der Gedenkzeit namentlich erinnert und für jedes Opfer eine Kerze entzündet. „Wir haben uns erstmals bewusst für ein spirituelles Angebot im Rahmen der Meile der Demokratie entschieden“, sagt Frau Faber später. Und für Pfarrerin Hanna Manser ist diese Aktion „genauso wichtig wie die anderen auf der Meile“.
Währenddessen diskutieren auf der Bühne der Kirchen Sachsen-Anhalts Sozialminister Norbert Bischoff (SPD), der Magdeburger Beigeordnete für Soziales, Hans-Werner Brüning (Die Linke), die Leiterin der Evangelischen Stadtmission, Schwester Erika Tietze, und der Magdeburger Diözesan-Caritasdirektor Bernhard Brantzen über das Thema „Wirtschaftskrise – neue Armut im eigenen Land“.
Bewusstes Gedenken an die Opfer rechter Gewalt
Auf der Meile der Schulen sind unter anderen das katholische Norbertus-Gymnasium und das Albert-Einstein-Gymnasium vertreten. Vivien Peters von Klasse 12 des Einstein-Gymnasiums hat übrigens die Straßenbahnaktion ihres Gospelchores mit den Senioren „viel Spaß gemacht“. „Das war mal was total Anderes, sich auf diese Weise gegen Rechts zu engagieren“, sagt die Gymnasiastin der anerkannten „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“.

