08.04.2014

Ist die Karfreitagsliturgie antijüdisch?

Warum geht die Kirche von einer Gesamtschuld des jüdischen Volkes am Tod Jesu aus, wie sie das in den Improperien der Karfreitagsliturgie Christus in den Mund legt? G. K., Hilgers

„Improperien“ ist der liturgische Fachbegriff für den Gemeindegesang zur Kreuzverehrung in der rö-
misch-katholischen Karfreitagsliturgie. Das lateinische Wort „improperia“ bedeutet „Vorwürfe“. Der
Text beginnt: „Mein Volk, was habe ich dir getan, womit nur habe ich dich betrübt? Antworte mir. – Aus der Knechtschaft Ägyptens habe ich dich herausgeführt. Du aber bereitest das Kreuz deinem Erlöser.“

Diese Vorwürfe in der christlichen Liturgie greifen eine ältere jüdische Tradition auf. So wirft bei
den Propheten Micha (6,3ff) und Jesaja (5,1–7) Gott seinem Volk Israel vor, treulos geworden zu sein: Der Herr „hoffte auf Rechtsspruch – doch siehe da: Rechtsbruch, und auf Gerechtigkeit – doch siehe da: Der Rechtlose schreit.“ Die christlichen Impro-perien setzen also die jüdische Tradition der Selbstkritik am Verhältnis zu Gott fort. Sie erweitern sie dahin, dass Israel die wahre Bedeutung Jesu nicht erkannt habe. Das könnte judenfeindlich ausgelegt werden – und wurde es in der Geschichte leider auch.

Wenn man aber den gesamtbiblischen Hintergrund der Kritik Gottes an seinem Volk kennt und wenn man ernst nimmt, dass dies ein Bußgesang der christlichen Gemeinde ist, die an dieser Stelle ihr
eigenes Verhalten zu Christus überdenken soll, sollte man diesen Wechselgesang nicht mehr als judenfeindlich missverstehen. Zudem ist bekannt, dass der Prozess gegen Jesus und seine Hinrichtung auf Betreiben der Jerusalemer Tempelaristokratie geschah und nicht durch das ganze Volk Israel.

Das Zweite Vatikanische Konzil sowie mehrere Päpste haben das mehrfach bekräftigt. Auch die orthodoxe und vereinzelt die evangelische Kirche kennen heute noch solche Gesänge am Karfreitag. In der katholischen Kirche können sie in der Karfreitagsliturgie gesungen werden, sie müssen es aber nicht.

Von Roland Juchem