07.12.2017

Leutersdorf ist erste neue Pfarrei des Bistums Dresden-Meißen

Im Osten was Neues

In Leutersdorf wird am zweiten Adventssonntag die erste neue Pfarrei des Bistums gegründet. Warum ist hier so schnell gelungen, was man in manch anderer Verantwortungsgemeinschaft weitestmöglich vor sich herschiebt?


Gottfried Wittig, Christina Grohmann, Claudia Böhme und Andrzej Glombitza sind per Mobiltelefon und im Gebet mit allen guten Geistern der Pfarrei verbunden. | Foto: Dorothee Wanzek

Die Pfarrgemeinderäte von Ebersbach-Neugersdorf, Oppach und Leutersdorf blicken zuversichtlich in die gemeinsame Zukunft ihrer Gemeinden. Zusammen mit ihrem Pfarrer Andrzej Glombitza und ihrer Gemeindereferentin Claudia Böhme trauen sie sich zu, als erste das Neuland einer Pfarreigründung im Zuge des pastoralen Erkundungsprozesses zu betreten. Für ihren Mut gibt es nicht nur einen einzigen Grund.
Alle an der Pfarrei-Neugründung beteiligten Gemeinden sind bereits lang erprobt in Fusion oder Zusammenarbeit. In Oppach gab es seit 2011 keinen katholischen Pfarrer mehr vor Ort. Seither machte die Oppacher Pfarrei vieles gemeinsam mit Ebersbach-Neugersdorf, wo noch ein Pfarrer wohnte – bis zum Sommer letzten Jahres.
„Bei uns waren die Erinnerungen an den Zusammenschluss der Pfarreien Großschönau, Seifhennersdorf und Leutersdorf vor 15 Jahren noch sehr lebendig“, erzählt Gottfried Wittig, Pfarrgemeinderatsvorsitzender der noch bis zum 9. Dezember um 23.59 Uhr bestehenden Pfarrei Leutersdorf.  „Die Fehler von damals wollten wir kein weiteres Mal machen“, hebt der in Großschönau lebende Katholik hervor. Aus Sorge, eine der Gemeinden könnte zu kurz kommen, hatte man sich beispielsweise 2002 für ein Gottesdienst-Rotationsprinzip entschieden, das abwechselnd jeder Gemeinde die Chance auf die beliebteste Messfeier-Uhrzeit bot. Das Bestreben, um jeden Preis gerecht zu sein, habe über sechs Jahre viele Kräfte gebunden, es führte zu einem Mehraufwand bei der Verwaltung und bei den Gremiensitzungen. „Möglichst schnell Nägel mit Köpfen machen und Kräfte bündeln“ hätten die damals Beteiligten den Oppachern und Neugersdorfern nun empfohlen.

Überzeugungsarbeit statt Kampfabstimmung
Dem vergleichsweise kleinen Seelsorgeteam – ein Pfarrer und eine Gemeindereferentin – kam diese Überlegung entgegen. Seit August 2016 tragen Andrzej Glombitza und Claudia Böhme bereits Verantwortung für die Seelsorge im gesamten künftigen Pfarreigebiet. Sie haben den hohen Verwaltungsaufwand kennengelernt. Und sie haben erlebt, wie konstruktiv die Pfarrgemeinde- und Kirchräte der drei ostsächsischen Pfarreien in dieser Zeit bereits zusammenarbeiten konnten. Auch wenn man längst nicht immer einer Meinung gewesen sei, hätten sich immer sehr eindeutige Mehrheiten gebildet, sagt Pfarrer Glombitza. Durch Diskussion und Überzeugungsarbeit habe man zu Entscheidungen gefunden, nicht durch Kampfabstimmungen. „Dass sich nach einer Entscheidung alle weiter in die Augen schauen können, war uns allen wichtig“, betont er.
Das konstruktive Miteinander und die ansprechenden gemeinsamen Gottesdienste in volleren Kirchen hätte letztlich auch die Oppacher überzeugt, sagt die Pfarrgemeinderatsvorsitzende Christina Grohmann. Dort gab es anfangs Stimmen, die sich für ein Zusammengehen mit der Mutterpfarrei Schirgiswalde stark machten, aus der die Oppacher Pfarrei St. Antonius 1953 hervorgegangen war.
Ängste vor dem unbekannten Neuen gibt es nach wie vor in allen Teilgemeinden der neuen Pfarrei, wissen die haupt- und ehrenamtlichen Verantwortungsträger. Besonders groß sind die Vorbehalte in den Orten, deren Gotteshäuser aller Voraussicht nach früher oder später verkauft werden sollen.

Mit Skeptikern im Gespräch bleiben
„Es gibt Befürchtungen, mit der Kirche ein Stück Heimat zu verlieren“, sagt Claudia Böhme. Mancher sorgt sich, ob es gelingt,  in den wachsenden Strukturen jeden Einzelnen im Blick zu behalten. Kritiker und Skeptiker „mitzunehmen“ in die neue Pfarrei, werde nach der Pfarreigründung eine Herausforderung bleiben. Schon seit langem sei dieses Anliegen im Blick. So viel wie möglich habe man Gemeindemitglieder an den anstehenden Entscheidungen beteiligt. Seelsorger und Pfarrgemeinderäte hatten ein offenes Ohr für Bedenken. Immer wieder wurde das Gespräch gesucht mit denen, die für ihre Position keine Mehrheit fanden. Manche Widerstände haben sich einfach durch gute Erfahrungen  aufgelöst. „Sie werden sehen, die Leute brechen weg!“, bekam der Pfarrer zum Beispiel im vorigen Jahr von einem Mann zu hören, der seine Gemeinde durch den  neuen Gottesdienstplan benachteiligt sah. Monate später gestand er seinen Irrtum ein. Zu dieser Uhrzeit sogar seit langem vermisste Leute in der Kirche wieder zu treffen, hätte er nie erwartet.
„Es ist wichtig, dass sich alle wohlfühlen, aber wir dürfen nie vergessen, dass wir als Kirche einen Auftrag haben und nicht nur für uns selbst da sind.“ Das sagt Christina Grohmann auch denen in ihrer Gemeinde, die sich schwertun mit dem Neuen. Die Freude wächst im Mittun, das ist ihre eigene Erfahrung. Dass die hauptamtlichen Seelsorger Verantwortung nicht nur pro forma delegieren, sondern großes Vertrauen in die Kompetenzen der ehrenamtlichen Mitarbeiter setzen, ist dazu aus ihrer Sicht äußerst förderlich.
Die praktischen Vorbereitungen für die Pfarreigründung waren eine Woche vor dem Fest weitgehend abgeschlossen. Die Auflösung der alten Pfarrei-Bankkonten und die Eröffnung des neuen Kontos waren auf den Weg gebracht, das neue Pfarrsiegel lag bereit, die Vorbereitungen für den Gründungsgottesdienst, den Bischof Heinrich Timmerevers am 10. Dezember um 10 Uhr eröffnen wird, waren getroffen...

Geistliche Vorbereitung per WhatsApp
„Die letzten Tage nutzen wir, um uns innerlich vorzubereiten“, erklärt Pfarrer Glombitza. In der WhatsApp-Gruppe der „Guten Geister“, die sich bei der jüngsten Klausurtagung spontan gründete, sprudelten Tag und Nacht Ideen für die konkrete Umsetzung. Unter anderem gab es eine Taizé-Andacht in Oppach. Jeden Abend um 21 Uhr versammelten sich geistigerweise die „Guten Geister“ und alle, die sich anschließen wollten, in einem gemeinsamen Gebetsanliegen. Um Geduld und Ausdauer für den gemeinsamen Weg beteten sie, dafür, dass sich die Sorgen und Ängste minimieren oder für die Kinder und Jugendlichen der neuen Pfarrei ...

Von Dorothee Wanzek