14.05.2014

Milena Mĕstecká geht den Fluchtweg von fünf Frauen, die 1945 einem Todesmarsch entkamen

"Ich hatte das Gefühl, der Krieg war erst gestern"

Ende April 1945 begann im damaligen Konzentrationslager Ravensbrück ein Todesmarsch. Fünf tschechischen Frauen gelang die Flucht. Milena Mĕstecká geht ihren Fluchtweg nach.

Zum vierten Mal geht Milena Mĕstecká den Weg von fünf tschechischen Frauen, die auf einem Todesmarsch des Konzentrationslagers Ravensbrück im April 1945 flüchten konnten.

Foto: Gunnar Lammert-Türk

Ravensbrück. Motorengeräusche schrecken auf. Vor allem, wenn sie von Militärfahrzeugen stammen. Es kommt viel darauf an, zu welcher Armee sie gehören. In jedem Fall ist es besser, sich tiefer in den Wald zurückzuziehen oder sich ins Feld zu ducken. Abzuwarten, genau zu beobachten oder schnell das Weite zu suchen. Und viel begangene oder befahrene Wege zu meiden, wenn sich auch auf ihnen bequemer vorankommen ließe. Ist es dennoch unvermeidlich, eine Stadt oder ein Dorf aufzusuchen, dann sind es leer stehende Gehöfte, halb verfallene Häuser, die bevorzugt aufzusuchen sind.
So ähnlich werden sie gedacht haben, die fünf Frauen aus dem tschechischen Lidice, denen es Ende April 1945 gelang, auf dem Todesmarsch vom Konzentrationslager Ravensbrück ihren Bewachern zu entkommen und sich in die Heimat durchzuschlagen. Milena Mĕstecká aus Prag geht seit dem 9. Mai ihren Fluchtweg nach. Bereits zum vierten Mal.

Unauffällige Pfade und ungebahntes Gelände
Vor vier Jahren hatte die heute 44-jährige Werbefachfrau von einem Freund aus Lidice vom Geschick der fünf Frauen erfahren. Antonín Nešpor, dessen Mutter eine von ihnen war, hatte aus ihren Erzählungen eine ungefähre Karte des Fluchtweges entworfen. Als Milena Mĕstecká 2011 das erste Mal den Fluchtweg der Frauen lief, war keine von ihnen mehr am Leben.
Milena Mĕstecká hatte zunächst Mühe, die Route umzusetzen, denn sie wollte sich so eng wie möglich an die Erfahrung der Frauen halten und das bedeutete, eher unauffällige Pfade zu gehen und sich immer wieder Schneisen durch ungebahntes Gelände zu suchen. Hinzukam, dass Antonins Mutter auch sehr kleine Orte wie das winzige Dorf Bocka in der Oberlausitz erwähnt hatte. Vielleicht, weil die Frauen dort gute Aufnahme gefunden hatten oder auch, weil sich besonders schmerzhafte Erinnerungen damit verbanden. So könnten sie dort von Hitlerjungen mit Steinen vertrieben worden sein, um daran gehindert zu werden, aus einem Brunnen zu trinken – eine der wenigen Einzelheiten, die die Frauen von ihrer Flucht erzählt hatten. Zu denen gehörte auch, dass ihnen russische Soldaten angeboten hatten, ihnen eines ihrer Pferde zu überlassen, damit sie ihren Hunger stillen konnten.
Milena Mĕstecká versuchte, sich in die Umstände, denen die Frauen ausgesetzt waren, intensiv einzufühlen. Sie stellte sich die zerstörten Städte und Dörfer vor, die Menschenströme, die sich chaotisch auf den Straßen bewegten, die Orientierungsnot der Frauen ohne Karte, ihre Ausgemergeltheit und Schutzlosigkeit, immer genötigt, nicht aufzufallen und doch gezwungen, dann und wann einen Ort aufzusuchen, um Essen und Wasser zu bitten oder in ausgebombten Gebäuden danach zu suchen.  
Vor ihrer Flucht wurden sie mit etwa 2000 anderen Frauen unter SS-Bewachung aus dem Tor des KZ Ravensbrück nach Norden getrieben. Nachts lagerten sie im Wald. Ein Fliegerangriff schreckte sie auf. Das ausbrechende Chaos nutzten die fünf, um zu fliehen, zunächst ins nahe Wesenberg, wo sie Schutz in einem leeren Haus suchten, danach kontinuierlich südöstlich, bis in die böhmische Heimat.

„Ich verbeuge mich jedes Mal vor den Opfern.“
Anfangs führte die Flucht an Sachsenhausen bei Oranienburg mit seinem Lager vorbei. Dieser Abschnitt ist für Milena Mĕstecká immer besonders fordernd. An vielen Stellen erinnern Mahnmale an Todesmärsche. „Ich hatte das Gefühl, der Krieg war erst gestern“, beschreibt sie ihre Empfindungen bei deren Anblick. Zu diesem Eindruck trug auch bei, dass sie an vielen Stellen auf Spuren der noch nicht lang zurückliegenden Anwesenheit sowjetischen Militärs traf. Und später auf zahlreiche Friedhöfe mit Toten mehrerer Nationen, etliche davon sehr jung gestorben. „Ich verbeuge mich dann jedes Mal vor den Opfern“, sagt sie.
Aber Milena Mĕstecká erlebte im Kontrast zu den Schrecken der Vergangenheit auch die Schönheit der Landschaft, die Seen, die Spreeübergänge, die lieblichen Hügel der Oberlausitz. Mit Erstaunen auch die slawisch-deutsche Symbiose in dieser Gegend, die von den Nationalsozialisten so brutal bekämpft worden war.
Milena Mĕstecká möchte den unschuldig Gestorbenen ihre Referenz erweisen und auch denen, die das Grauen durchlebt und überlebt haben. Sie will ihre Not nachvollziehen, mitleiden. „Das scheint harte Arbeit zu sein“, bemerkt sie, „aber so können wir ein wenig die Erinnerung an das Leid und das Heldentum gewöhnlicher Menschen am Kriegsende bewahren.“ Für sie steht fest, dass die heute Lebenden diesen viel zu danken haben.

Bewegende Ankunft in Tschechien
Auch wenn sie den Großteil des Weges allein bewältigt, so gibt es doch auch Gefährten, die sie etappenweise begleiten, Männer und Frauen aus Lidice und Umgebung. In diesem Jahr ist eine ältere Tschechin dabei, die seit vielen Jahren in Regensburg lebt.
Besonders bewegend ist es jedes Mal, wenn Milena Mĕstecká tschechischen Boden betritt und nach Lobendava kommt. Dann, sagt sie, „fühle ich mich den Frauen besonders nah“. Hier sahen sie nach langer Zeit eine tschechische Fahne, das bedeutete, das Land war wieder frei. Und schließlich Nový Bor. Dort endet der 470 Kilometer lange Weg am 22. Mai. Als die Frauen am selben Tag 1945 dort ankamen, erhielten sie Pässe des befreiten Landes. Aber die Soldaten, die sie ihnen gaben, weinten, als sie hörten, dass die Frauen aus Lidice kamen. Denn Lidice gab es nicht mehr.
Aus Rache für das Attentat auf den Leiter des Reichssicherheitshauptamtes und Stellvertretenden Reichsprotektor in Böhmen und Mähren Reinhard Heydrich war das Dorf im Sommer 1942 dem Erdboden gleichgemacht worden, nachdem die Frauen ins Konzentrationslager Ravensbrück verschleppt worden waren. Die Männer und die Kinder hatte man umgebracht. Nur ein paar von ihnen wurden deutschen Familien gegeben, wo sie unter deutschem Namen lebten.
Einer von ihnen war Václav Zelenka. Wie Annemarie Müller vom Ökumenischen Informationszentrum Dresden herausfand, lebte er als Rolf Wagner erst in Dresden, dann bei Hoyerswerda bis er im Mai 1947 von sowjetischen Soldaten identifiziert und zu seiner Mutter nach Lidice zurückgebracht wurde. Müller, die mit Dresdener Schülern Zelenka in Lidice besucht hat, wird Milena Mĕstecká am 19. und 20. Mai auf ihren letzten deutschen Stationen begleiten.

Hinweis

Wer mag, kann Milena Mĕstecká begleiten. Ein Treffpunkt kann über ihr  Mobiltelefon (0 04 20 / 7 24 63 90 64) vereinbart werden (Englisch, etwas Deutsch). Ihr Weg führt sie:
- am 18. Mai nach Radensdorf, Drebkau, Welzow und Laubusch-Lauta;
- am 19. Mai nach Bernsdorf, Kamenz und Panschwitz-Kuckau;
- am 20. Mai nach Bocka und Neukirch/Lausitz;
- am 21. Mai über die tschechische Grenze nach Lobendava, Velky Šenov und Vlči Hora; - am 22. Mai nach Krásna Lipa, Rybneště und Novy Bor.

Von Gunnar Lammert-Türk